• Walter Gasperi

Sex, War, Wheat and Steel: King Vidor


King Vidor (c) Sammlung Cinémathèque suisse

Obwohl King Vidor weniger bekannt ist als John Ford, Howard Hawks und Raoul Walsh, gehört er zu den großen Meistern des amerikanischen Kinos. Im Gegensatz zu seinen Kollegen legte Vidor sich aber nie auf ein Genre fest, drehte einen Kriegsfilm ebenso wie Western, Literaturverfilmungen und sozialkritische Melodramen. Die Berlinale widmet Vidor die heurige Retrospektive.


Wie bei Ford, Hawks, Walsh, Josef von Sternberg, Frank Capra oder William A. Wellman sind das Leben und die Karriere von King Vidor untrennbar mit der Geschichte Hollywoods und des Kinos verknüpft. Wie seine Kollegen geboren in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, nämlich am 8. Februar 1894, erstreckte sich seine Karriere von der Stummfilmzeit bis zum Niedergang des klassischen Hollywood Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts.


Schon als Jugendlicher arbeitete Vidor als Kartenabreißer und Aushilfsvorführer im ersten Kino seines Heimatorts Galveston, Texas. Nach ersten filmischen Erfahrungen als texanischer Korrespondent einer New Yorker Wochenschaugesellschaft übersiedelte er 1915 nach Los Angeles. Bei den Dreharbeiten zu David Wark Griffiths „Intolerance“ war er Zaungast, ehe er 1919 von einer Gruppe von Ärzten 9000 Dollar bekam, mit denen er „The Turn in the Road“ drehte. 1922 nahm ihn dann die Metro Company unter Vertrag. Mit „The Big Parade“ gelang Vidor 1925 nach neun Filmen der erste große Erfolg. Die Handlung dieses Antikriegsfilms ist zwar melodramatisch, doch daneben finden sich eindrucksvolle realistische Sequenzen der Gräuel des Ersten Weltkriegs.


Der Erfolg dieses Films ermöglichte es ihm sein nächstes Projekt weitgehend nach eigenen Vorstellungen zu realisieren. In „The Crowd“ (1928) erzählt er mit packendem Realismus vom sozialen Abstieg einer New Yorker Familie. Durch die genaue Alltagsbeobachtung gilt dieses Drama als wichtiges Vorbild für den italienischen Neorealismus.


Diese Orientierung an der Wirklichkeit zeichnet auch „Our Daily Bread“ (1934) aus. Eindringlich schildert Vidor in diesem Bekenntnis zu Roosevelts „New Deal“, wie die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf einer Farm durch Solidarität und Zusammenarbeit überwunden werden. Während dem Film deshalb von der Hearst-Presse kommunistische Indoktrination vorgeworfen wurde, wurde er beim Moskauer Filmfestival ausdrücklich nur mit dem zweiten Preis ausgezeichnet, weil dieser Film ein Lobgesang auf das kapitalistische Wirtschaftssystem sei.


So realistisch Vidors frühe Filme sind, so sehr finden sich in ihnen auch immer melodramatische Momente. Und dieser Hang zum Melodram kennzeichnet sein ganzes Werk. Er selbst unterschied seine Filme danach, ob sie „heroic or sexual themes“ behandeln und unterteilte die „heroic themes“ wiederum in „war“ („The Big Parade“), „wheat“ („Our Daily Bread“) und „steel". Für letzteres steht das von der MGM verstümmelte Epos „An American Romance“ (1944), in dem Vidor mit einer fulminanten Farbdramaturgie und einem kühnen Wechsel zwischen veristischen Momenten und stilisiertem Melodram vom Aufstieg eines Immigranten zum Stahl-Tycoon erzählt.


Erotische Momente wiederum finden sich in allen Filmen Vidors. Legendär ist in dieser Hinsicht vor allem der Western „Duel in the Sun“ (1946), in dem die Hassliebe zwischen Gregory Peck und Jennifer Jones in ein Duell mündet, das gleichzeitig eine schier endlose Liebesszene ist. Besessenheit und Lust ebenso wie Begierde und Gewalt sind aber auch die Triebfedern in den Melodramen „Beyond the Forest“ (1949) und „Ruby Gentry“ (1952).


Neben dem Melodramatischen zieht sich das Interesse für das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft durch sein Werk, bestimmt nicht nur seine frühen Filme „The Crowd“ und „Our Daily Bread“, sondern ist auch ein zentrales Moment in der opulenten Tolstoi-Verfilmung „War and Peace“ (1956). Drei Jahre später – parallel mit dem Niedergang des klassischen Hollywood, dessen Geburt und Aufstieg er begleitete – beendete er seine Karriere mit der Großproduktion „Solomon und Sheba“ (1959) und fügte damit seinem ausgesprochen vielfältigen Werk noch einen biblischen Monumentalfilm hinzu.


Vidor, der fünfmal für einen Oscar nominiert und schließlich 1979, drei Jahre vor seinem Tod am 1. November 1982, mit einem Ehrenoscar ausgezeichnet wurde, machte nicht nüchternes, sondern leidenschaftliches Kino und in ihrer Leidenschaftlichkeit sind seine Filme oft auch voller Widersprüche. – Langweilig freilich sind sie nie, denn nicht zuletzt oder vielleicht sogar gerade das Pathos und die Inbrunst der Inszenierung machen sie aufregend.

Literatur: Verena Mund, King Vidor. in: Filmregisseure, S. 786ff., Reclam, 2008


Tribute to King Vidor