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  • Walter Gasperi

Rubikon


Weltraum-Science-Fiction aus Österreich: Die dreiköpfige Besatzung einer Raumstation steht nach einer Katastrophe auf der Erde vor der Frage, ob sie ihr eigenes Leben oder die Überlebenden auf der Erde retten sollen: Leni Lauritschs visuell starkes, inhaltlich engagiertes, aber auch etwas zu wendungsreiches Langfilmdebüt ist bei Plaion Pictures auf DVD und Blu-ray erschienen.


Großes Weltraumkino ist im Grunde die Domäne von Hollywood. Ein riskantes Projekt war so der erste lange Spielfilm der 34-jährigen Leni Lauritsch, fordert sie doch den Vergleich mit US-Großproduktionen heraus. Doch erfreulich souverän hat die gebürtige Kärntnerin diese Aufgabe gemeistert und ihr auf Englisch gedrehter Film kann neben ungleich höher budgetierten Science-Fiction-Filmen durchaus bestehen.


In bekannte Fußstapfen tritt Lauritsch mit einer Raumstation, deren Crew Algen zur Sauerstoffgewinnung aus CO2 entwickeln soll. Douglas Trumbulls Klassiker "Silent Running" (1971), in dem Bäume und Pflanzen für die von einem Atomkrieg verwüstete Erde herangezogen werden sollen, kommt einem hier ebenso in den Sinn wie Danny Boyles "Sunshine" (2007), in dem mit einer gigantischen Bombe die erlöschende Strahlkraft der Sonne erneuert werden soll. Eine unbewohnbar gewordene Erde und eine Weltraummannschaft auf Rettungsmission erinnern aber auch an George Clooneys Netflix-Produktion "The Midnight Sky" (2020).


Mit dem Andocken einer neuen Crew an der Raumstation Rubikon setzt Lauritsch in ihrem 2056 spielenden Debüt einen dramatischen Auftakt, denn schon bei diesem Manöver gibt es Probleme. Mit dem Austausch der Mannschaft bleiben die Konzernsoldatin Hannah (Julia Franz Richter), der erfahrene russische Wissenschaftler Dimitri (Mark Ivanir) und der junge Biologe Gavin (George Blagden) auf der Raumstation zurück. So entwickelt sich ein Kammerspiel, denn ganz auf die Raumstation und diese drei Personen beschränkt sich der Film.


Für Spannung sorgt auch gleich ein Weltraumspaziergang zu Reparaturarbeiten, der von Kubricks "2001" (1968) über "Gravity" (2013) bis zu "Stowaway" (2021) zu den Standards solcher Science-Fiction-Filme gehört. Das Setting und die Beschränkung auf wenige Personen kann aber auch Assoziationen an Andrej Tarkowskijs Stanislaw Lem-Verfilmung "Solaris" (1972) wecken.


Ganze Arbeit haben hier Production-Designer Johannes Mücke und Kostümbildnerin Monika Buttinger geleistet. Nicht verstecken muss sich "Rubikon", der in einer Panzerfabrik in Wien-Simmering gedreht wurde, im Look der in kaltes Weiß und Grau getauchten sterilen Weltraumstation vor großen US-Filmen. Auch das starke Sounddesign von Rudolf Pototschnig trägt nicht unwesentlich zur Spannungssteigerung bei.


Bald bricht aber der Kontakt zur Bodenstation ab und über Funk wird die Crew Ohrenzeuge des tödlichen Unfalls der abgezogenen Mannschaft. Ein dicker toxischer Nebel über der Erde erhärtet den Verdacht einer globalen Katastrophe.


Themen wie Umweltzerstörung, Klimakrise und die Macht der Konzerne schneidet Lauritsch an, wenn es in ihrem Film keine Staaten mehr gibt, sondern Konzerne Einflussbereiche aufgeteilt haben und gegeneinander Krieg führen, andererseits aber auch Aktivisten gegen diese Ausbeutung des Planeten und der Unterschicht auftreten.


Freilich nur indirekt über die Gespräche der Besatzung von Rubikon erfährt man davon. Aber auch innerhalb der Crew entwickeln sich Spannungen, denn die Kommandantin Hannah ist als Konzernsoldatin mit geheimem Auftrag entsendet worden, Dimitri will dagegen seine Algenzucht nicht dem Konzern abtreten, Gavin nimmt zunächst eine Zwischenposition ein.

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Als die Mannschaft Kontakt zu einer Gruppe herstellen kann, die in einem Bunker die Katastrophe überlebt hat, stellt sich die Frage, ob sie diesen Menschen unter Einsatz ihres Lebens Hilfe bringen oder ob sie vielmehr auf der Raumstation ihr eigenes Leben retten sollen.


Wiederholt wechseln hier die Positionen der Crew-Mitglieder und mit stets neuen Wendungen hält Lauritsch ihre Kinomaschine am Laufen. So spannend aber ihr Film in der ersten Stunde ist, so mechanisch wirken doch auch diese Wendungen und "Rubikon" beginnt sich in gewissem Sinne im Kreis zu drehen.


Die Handlung wird kaum mehr weiterentwickelt, visuell wird nach Etablierung des beeindruckenden Settings nur noch wenig geboten. Stattdessen liegt der Fokus ganz auf den drei Protagonist:innen und ihren Diskussionen über das richtige Handeln. Verschärft werden diese dadurch, dass sich auf der Erde nur die Reichen und ihre Familien in den Bunker gerettet haben, die anderen aber sterben ließen.


Das ist durchaus solides und spannendes Science-Fiction-Kino, engagiert und aktuell in den aufgeworfenen Themen. Mit den Wendungen übertreibt es Lauritsch aber doch etwas und zu offensiv werden die moralischen Fragen diskutiert. Etwas prätentiös wirkt es, wenn die Diskussion um moralische Dilemmata die filmische Erzählung zunehmend in den Hintergrund drängt. – Ein Weltraumfilm, wie man ihn aus Österreich noch nie gesehen hat, und damit auch ein vielversprechendes Debüt ist "Rubikon" aber allemal.


An Sprachversionen enthalten die bei Plaion Pictures erschienene DVD und Blu-ray die englische Orginal- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den Trailer und ein Making-of.

Rubikon Österreich 2022 Regie: Leni Lauritsch mit: Julia Franz Richter, George Blagden, Mark Ivanir Länge: 110 min.



Läuft derzeit in den österreichischen Kinos


Trailer zu "Rubikon"



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