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  • AutorenbildWalter Gasperi

Roter Himmel


Christian Petzold entwickelt in und um ein Ferienhaus an der deutschen Ostseeküste vor dem Hintergrund eines nahenden Waldbrands ein ebenso leichtfüßiges wie dichtes Beziehungsdrama, das von einem großartigen Ensemble getragen wird.


Nachdem in "Undine", mit dem Christian Petzold seine geplante Trilogie zur deutschen Romantik eröffnete, das Wasser das zentrale Element war und einer der Protagonisten Taucher war, bildet bei "Roter Himmel" der durch einen Waldbrand glühende und zunehmend bedrohliche Himmel den Hintergrund.


Reflex auf den Klimawandel kann man in diesem Brand sehen, aber mehr noch ist dies wohl ein Bild für die aufflammende Leidenschaft der Protagonist:innen. Ausgespart bleiben davon abgesehen in dem bei der heurigen Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten zehnten Kinofilm Petzolds gesellschaftliche und historische Realitäten, die die bisherigen Filme des 62-jährigen Deutschen meistens grundierten.


Während es nämlich in "Die innere Sicherheit" (2000) auch um den RAF-Terrorismus, in "Yella" (2007) um die Nachwende-Zeit und Risiko-Kapital-Geschäfte, in "Jerichow" (2008) um Ausländerfeindlichkeit, in "Barbara" (2012) um die beklemmende Enge in der DDR, in "Phoenix" (2014) um die Stimmung in der unmittelbaren deutschen Nachkriegszeit ging und in "Transit" (2018) eine im Zweiten Weltkrieg und eine in der Gegenwart spielende Flüchtlingsgeschichte kurzgeschlossen wurden, liegt der Fokus in "Roter Himmel" ganz auf dem abgeschiedenen Ferienhaus und den fünf Protagonist:innen.


Während die meisten von Petzolds bisherigen Filmen zudem von amerikanischen Genrefilmen inspiriert waren von Kathryn Bigelows "Near Dark" (1987) und Sidney Lumets "Running on Empty" (1988) bei "Die innere Sicherheit" über Herk Harveys "Carnival of Souls" ("Tanz der toten Seelen", 1962) bei "Yella" bis zu James M. Cains mehrfach verfilmtem "The Postman Always Rings Twice" (1946/1981) bei "Jerichow" und Hitchcocks "Vertigo" (1958) bei "Phoenix", so atmet "Roter Himmel" die Leichtigkeit der Beziehungsfilme von Éric Rohmer.


An die Stelle der von "Die innere Sicherheit" über "Gespenster", "Yella" und "Phoenix" bis zu "Undine" zwischen Realismus und geisterhaft-märchenhafter Stimmung pendelnden früheren Filme treten hier lichtdurchflutete Sommerbilder, die vor allem Erinnerungen an Rohmers "Sommer" (1996) wecken. Auf die Liebesthematik stimmt dabei schon der Vorspann mit dem Song "In My Mind" der österreichischen Gruppe Wallners ein. Hier heißt es nicht nur "Love's gonna make us, gonna make us blind", sondern später eben auch "Love's gonna make us, gonna make us find".


Während dieses Lied nochmals eingesetzt wird, wenn der Schriftsteller Leon (Thomas Schubert) eine Schallplatte auflegt, setzt Petzold davon abgesehen Musik nur sehr reduziert kurz an zwei Stellen ein. Dennoch ist in "Roter Himmel" nichts mehr von der Spröde der Filme der Berliner Schule zu spüren, sondern ungemein flüssig, rund und dicht entwickelt sich dieses Beziehungsdrama.


Unvermittelt ist der Einstieg mit einer Autopanne von Leon und seinem Freund Felix (Langston Uibel). Beide sind unterwegs zu dem an der Ostseeküste bei Ahrenshoop gelegenen Ferienhaus von Felix´ Eltern. Dort will Leon das Manuskript für seinen zweiten Roman fertigstellen, Felix ein Foto-Portfolio für die Bewerbung an einer Kunstakademie zusammenstellen.


Da es zum Haus nicht mehr weit ist, streben sie ihr Ziel zu Fuß durch den Wald an. Tieffliegende Löschflugzeuge verbreiten hier schon eine Ahnung vom sich nähernden Waldbrand. Im Haus angekommen, müssen sie feststellen, dass sie nicht allein sind, sondern dass die Mutter von Felix auch an die junge Nadja (Paula Beer) vermietet hat.


Diese Mitbewohnerin sieht man zunächst zwar nicht, doch umso deutlicher hört man sie durch die dünnen Wände beim nächtlichen Liebesspiel. Während Leon von Anfang an genervt reagiert, tritt Felix ungleich lockerer auf. Sucht letzterer bald das Gespräch mit Nadja oder geht schwimmen, so lehnt Leon mit dem Hinweis auf seine Arbeit jede andere Aktivität ab, und verweilt in der heimlichen Beobachterposition.


Sichtbar wird seine Arroganz nicht nur, wenn er beim Abendessen den Freund Nadjas, der als Rettungsschwimmer (Enno Trebs) arbeitet, provoziert, sondern auch wenn er sich über eine Hotelangestellte lustig macht, die den Namen des Schriftstellers Uwe Johnson falsch ausspricht. Mit seinem Verhalten steht er aber immer rasch im Abseits – nicht nur beim ersten Abendessen, sondern später auch als sein Verleger (Matthias Brandt) auftaucht, um das Manuskript zu besprechen.


Je näher dabei die Waldbrände rücken, desto intensiver werden die Gefühle. Der Bezug zur deutschen Romantik stellt sich dabei mit einer Rezitation von Heinrich Heines Gedicht "Der Asra" ein, das das Spannungsfeld von Liebe und Tod ins Spiel bringt, aber mit dem man schließlich auch Einblick in die Identität Nadjas gewinnt.


Sie, die mit ihrem roten Sommerkleid und ihrem Fahrrad Assoziationen an die Rolle von Nina Hoss in "Barbara" weckt, ist eben doch nicht nur eine Eisverkäuferin und auch der so egozentrische und mürrische Leon wird sich schließlich öffnen.


Wie gewohnt großartig spielt Paula Beer, die seit "Transit" Nina Hoss als Petzolds Stammschauspielerin abgelöst hat, diese Nadja als lange geheimnisvolle junge Frau, aber der eigentliche Star des Films ist Thomas Schubert. Mit zurückhaltendem Spiel vermittelt er eindrücklich die innere Unruhe, die Arroganz und die versteckten Selbstzweifel Leons.


Schon großartig ist, wie Petzold konzentriert auf das Ferienhaus als weitgehend einzigem Schauplatz und einem gerade einmal fünfköpfigen Ensemble ein ebenso sommerlich-leichtes wie dichtes und schließlich auch berührendes Beziehungsdrama entwickelt.


So unauffällig und ganz auf die Schauspieler:innen konzentriert auch die Inszenierung ist, so sitzt hier doch nicht nur jeder Dialog, sondern auch jede Kamerabewegung und jeder Schnitt. Von der ersten bis zur letzten Szene aus einem Guss ist dieser Film, bei dem die filmische Erzählung am Ende auch noch in ein Stück Literatur übergeht.


Andererseits will Petzold mit dem Verweis auf den archäologischen Fund der sich umarmenden toten Liebenden in der vom Vesuv verschütteten Stadt Pompeji aber wohl auch Roberto Rossellinis "Viaggio in Italia" seine Reverenz erweisen – und setzt gleichzeitig einen von mehreren Momenten, die an die Kürze des Lebens und die Vergänglichkeit erinnern, und nicht nur dem im Grunde ausgesprochen unsympathischen Leon, sondern auch dem Publikum ein "Carpe diem" zurufen.



Roter Himmel Deutschland 2023 Regie: Christian Petzold mit: Thomas Schubert, Paula Beer, Enno Trebs, Langston Uibel, Matthias Brandt Länge: 102 min.


Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - In den österreichischen Kinos ab 24. November (sic!)


Trailer zu "Roter Himmel"


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