• Walter Gasperi

Leidenschaft in repressiven Zeiten: Todd Haynes wird 60



Todd Haynes (geb. 2.1. 1961)

Wie kein zweiter Regisseur erweckte Todd Haynes mit den Melodramen "Far from Heaven" und "Carol" nicht nur die 1950er Jahre, sondern mehr noch das Kino dieser Zeit zum Leben. Aber auch im unkonventionellen Bob Dylan-Biopic "I´m Not There" oder seinem Langfilmdebüt "Poison" fokussierte dieser Wegbereiter des New Queer Cinema, der am 2. Januar 60 wird, auf Außenseitern in einer repressiven Gesellschaft.


Todd Haynes´ Meisterwerk "Far from Heaven" (2002) spielt nicht nur in den 1950er Jahren, sondern sieht auch wie ein Film aus dieser Zeit aus. Verwundern kann das kaum, handelt es sich doch um ein Remake von Douglas Sirks "All That Heaven Allows" (1955). Gleichzeitig ist dieses Melodram durch eine Mise en Scène, bei der Bild- und Farbgestaltung, Kostüme, Ausstattung und Schauspieler perfekt zusammenspielen, und den Blick auf die repressive Gesellschaft der 1950er Jahre aber auch ein absolut moderner Film.


Während bei Sirk nämlich noch die Liebe einer begüterten Witwe zu ihrem Gärtner am Widerstand ihrer Kinder scheiterte, wird bei Haynes in der verbotenen Liebe Julianne Moores zu einem afroamerikanischen Gärtner nicht nur der Rassismus dieser Zeit sichtbar, sondern in der verdrängten Homosexualität ihres Mannes auch die Homophobie.


Mit der gleichen Meisterschaft erzählte Haynes, der bereits in früher Kindheit Amateurfilme drehte und nach einem Studium der Kunst und Semiotik an der Brown University in Providence, Rhode Island nach New York ging, in der Patricia Highsmith-Verfilmung "Carol" (2015) von einer lesbischen Liebe in den frühen 1950er Jahren, die an den gesellschaftlichen Zwängen zerbricht.


In die USA der Weltwirtschaftskrise und des New Deal tauchte er dagegen in der hochgelobten fünfteiligen Mini-Serie "Mildred Pierce" (2011 ein), mit der er ein klassisches Melodram von Michael Curtiz (1945) neu verfilmte. Wie in "Far from Heaven" und "Carol" steht auch hier eine Frau im Zentrum. Nicht mit einer Beziehung, sondern mit einer Scheidung eckt diese an und muss sich in der Folge allein mit ihren zwei Töchtern als Kellnerin durchschlagen.

Auffallend ist, dass bislang beinahe alle Filme des Amerikaners in der Vergangenheit spielen. Schon im mit Barbie-Puppen gedrehten 43-minütigen "Superstar: The Karen Carpenter Story" (1987) fokussierte er auf den 1970er Jahren und zeichnete das Leben der Sängerin Karen Carpenter und ihr Kampf mit der Magersucht nach. In unterschiedlichen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts spielen dagegen die drei an Jean Genet orientierten Episoden seines Langfilmdebüts "Poison" (1991), in dem Haynes mal im Stil eines schwarzweißen Science-Fiction-B-Movies der 1950er Jahre, mal reportagehaft und mal als Schwulen-Melo von gesellschaftlichen Außenseitern erzählte.


"Safe" (1995) ist einerseits eine Ausnahme im Werk von Haynes dadurch, dass er in der Gegenwart spielt, andererseits aber wieder ein typischer Film für diesen Regisseur dadurch, dass auch hier von einer Frau aus gehobenem Mittelstand erzählt wird, die durch eine inhumane Umwelt zunehmend erkrankt.


Neben der Fokussierung auf Frauenschicksalen in repressiven Gesellschaften lässt sich das Interesse für die Musikwelt als wiederkehrendes Thema ausmachen. Nachdem Haynes 1998 in "Velvet Goldmine" ausgehend von der Recherche eines Journalisten in die Glam-Rock-Ära der 1970er Jahre eintauchte, nahm er für "I´m Not There" (2007) nur einige Eckdaten aus dem Leben Bob Dylans, um ein inhaltlich und formal schillerndes Kaleidoskop über die Brüchigkeit von Identitäten zu entwerfen. Ganz dem Titel entsprechend ist der Sänger-Poet nicht da, sondern seine Person wird von sechs SchauspielerInnen – darunter eine Frau (Cate Blanchett) und ein afroamerikanischer Junge – gespielt.


Dieses Konzept der Aufsplittung der Person wird dabei auch in die filmische Form übertragen, denn Haynes verweigert sich sowohl einer chronologischen Erzählung als auch einer klaren Kapitelgliederung. Vielmehr mischt er in einer geradezu sensationellen Freiheit des filmischen Erzählens die einzelnen Dylan-Figuren durcheinander und wechselt auch kühn im Stil. Farbige Spielszenen finden sich da neben schwarzweißen Cinema verité-Passagen, inszenierte Interviewszenen mit beispielsweise Julianne Moore als Alice Fabian alias Joan Baez neben Found Footage. Dokumentarisches mischt sich so mit surrealen Szenen, in denen Giraffen durch das Bild stolzieren, Privates mit Öffentlichem, Erfundenes mit Wahrem.


Gleichzeitig führt Haynes aber auch über die verschiedenen Filmstile einen Diskurs sowohl mit der Filmgeschichte als auch mit den Wandlungen Dylans: Auf Fellinis "Otto e mezzo" wird dabei ebenso angespielt wie auf die Beatles Filme oder auf Truffauts "Die amerikanische Nacht". Andererseits orientieren sich die Episoden mit Richard Gere an Sam Peckinpahs "Pat Garrett und Billy the Kid", in dem Dylan eine kleine Rolle spielte und für den er den Song "Knockin´on Heavens Door" schrieb. – Dieser Song wird aber ebenso wie andere legendäre Hits wie "Like A Rolling Stone" oder "Mr. Tambourine Man" in den Nachspann verbannt, während der Soundtrack des Films aus unbekannteren Liedern des Meisters oder Cover-Versionen davon gebildet wird.


Was für ein brillanter Ästhet hier am Werk ist, bewies Todd Haynes auch mit der Verfilmung von Brian Selznicks Kinderbuch "Wonderstruck" (2017). In souveräner Parallelmontage verknüpft er darin zwei 1927 und 1977 spielende Erzählstränge, die gegen Ende zusammengeführt werden. Mehr als die im Grunde einfach gestrickte und vor allem am Ende sentimentale Geschichte begeistert die Meisterschaft, mit der Haynes und sein Team mit Stummfilm-Ästhetik die 1920er und mit zahlreichen popkulturellen Referenzen die 1970er Jahre zum Leben erwecken und wie er im Subtext eine Hommage an die menschliche Kultur und eine Reflexion über die Vergänglichkeit einfließen lässt.


Nicht hineinpassen will in dieses Werk auf den ersten Blick der Umweltthriller "Dark Waters – Vergiftete Wahrheit" (2019). Doch auch hier findet sich die Bezugnahme auf eine amerikanische Kinotradition, wenn Haynes mit der nüchternen Inszenierung und dem Engagement an die Politthriller der 1970er Jahre anknüpft. Gleichzeitig gelingt es ihm wie in seinen großen Melodramen, unterstützt von Kameramann Ed Lachman, mit unauffälliger visueller Brillanz ein bedrückendes Klima zu evozieren und im Mittelpunkt steht wiederum ein Charakter – dieses Mal allerdings ein Mann –, der sich mit seinem Engagement gegen das Establishment stellt und zum Außenseiter wird.


Auf neues Terrain begibt sich Haynes auch mit seinem neuesten Projekt, arbeitet er derzeit doch an einem Dokumentarfilm. Andererseits bleibt er thematisch seinen Themen treu, wird er doch die Geschichte der Band "The Velvet Underground" aufarbeiten und damit wieder in die 1960er und 1970er Jahre eintauchen.


Eine Sammlung von eigenen Rezensionen zu den Filmen von Todd Haynes finden Sie hier.


Trailer zu "Far From Heaven"