Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes
- Walter Gasperi

- vor 20 Minuten
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Edgar Reitz legt kein Biopic vor, sondern ein Kammerspiel bei dem im Rahmen einer Porträtsitzung mit dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) nicht nur philosophische, sondern auch künstlerische Fragen diskutiert werden: Trotz des scheinbar trockenen Themas dank des spielfreudigen Ensembles und starker Bildsprache ein von Humor durchzogenes, leichthändiges Vergnügen.
Der 1932 geborene Edgar Reitz gehörte Anfang der 1960er Jahre zu den Mitbegründern des Neuen Deutschen Films. Zu seinem größten Erfolg wurde aber seine ursprünglich als Fernsehserie angelegte "Heimat"-Trilogie (1981 – 2006), zu der er 2012 noch den vierstündigen Kinofilm "Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht" anfügte.
Schon 2008 plante Reitz im Auftrag der Stadt Hannover mehrere Kurzfilme über Gottfried Wilhelm Leibniz, doch das Projekt scheiterte an der Finanzierung. Mit dem Schriftsteller Gert Heidenreich verfasste er in den folgenden Jahren mehrere Drehbücher für einen epischen Film über das Leben des Universalgelehrten und Vordenkers der Aufklärung, doch auch dieses Projekt scheiterte angesichts eines kalkulierten Budgets von 25 Millionen Euro.
Realisiert werden konnte nun mit Anatol Schuster als Co-Regisseur ein Film, der sich auf ein fiktives Ereignis im Winter 1704 konzentriert. Statt eines Epos entstand so ein Kammerspiel, das sich mit dem engen 4:3-Format an der meist hochformatigen Porträtmalerei orientiert.
Assoziationen an die Filme von Jean-Marie Straub und Danièlle Huillet weckt die erste starre Einstellung: In langer Großaufnahme rezitiert die preußische Königin Sophie Charlotte (Antonia Bill) einen Brief, in dem sie ihre Mutter, die Kurfürstin Sophie von Hannover (Barbara Sukowa) um ein Porträt ihres geliebten Lehrers Leibniz bittet, damit sie wenigstens indirekt über sein Bild mit ihm philosophische Fragen diskutieren kann.
Nach diesem kurzen spröden Auftakt kommt aber Bewegung in "Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes", wenn der fiktive Hofmaler Pierre-Albert Delalandre (Lars Eidinger) in dem Atelier eintrifft, das weitgehend der einzige Schauplatz des Films bleibt. Der arrogante Künstler bringt schon ein fertiges Gemälde mit, in das nur noch das Gesicht von Leibniz eingefügt werden muss. Kritisiert er zunächst mehrfach den Gesichtsausdruck des Philosophen und fordert den Denker auf, an nichts zu denken, so nervt ihn andererseits bald Leibniz, der mit dem Maler eine Diskussion über die Wahrhaftigkeit von Bildern führen will.
Entnervt nimmt der von Lars Eidinger mit sichtlichem Vergnügen als eitler Kotzbrocken gespielte Hofmaler bald Reißaus und eine junge flämische Malerin stellt sich ein. Diese fiktive Aaltje Van de Meer (Aenne Schwarz) gibt sich zunächst als Mann aus, weil sie glaubt, als Frau von Leibniz nicht akzeptiert zu werden, offenbart aber ihre wahre Identität, als sie erkennt, dass der Philosoph die Frauen auch intellektuell höher einschätzt als die Männer.
Rasch entwickelt sich so zwischen Leibniz und der Künstlerin ein philosophischer Dialog auf Augenhöhe über die Möglichkeit der Darstellung des Wesens eines Menschen durch ein Gemälde und die Rolle des Lichts in der Malerei. Großartig orientieren sich Reitz / Schuster und ihr Kameramann Matthias Grunsky dabei am Chiaroscuro eines Caravaggio und der flämischen Maler, wenn Gesichter immer wieder hell beleuchtet und der Hintergrund in Dunkel getaucht wird. Immer wieder wird dabei mit dem durch das Fenster fallende, wechselnde Licht gespielt, wobei auch der Effekt der Camera Obscura als früher Vorläufer des Kinos vorgeführt wird.
Über räumliche Darstellung im Bild wird ebenso diskutiert wie darüber, ob ein Bild eingefrorene Gegenwart ist oder ob durch die Zeit der Porträtsitzung, aber auch durch das Alter der Farben nicht doch auch Vergangenheit einfließt. Gleichzeitig erinnert Leibniz´ fiktiver Assistent Liebfried Cantor (Michael Kranz) auch an die zahlreichen praktischen Erfindungen des Philosophen vom U-Boot über die Luftmatratze bis zum Klappstuhl und der Rechenmaschine.
Aber auch seine bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen im Kontakt mit Obrigkeiten wie mit Kaiser Leopold I. werden nicht ausgespart. Genüsslich wird dabei das strenge und kleingeistige Zeremoniell am Habsburgerhof verhöhnt, an dem die Größe und Weitsicht des Denkers nicht erkannt wird.
Dichte gewinnt "Leibniz" gerade durch die weitgehende Konzentration auf das Atelier und die beiden großartig harmonierenden Hauptdarsteller:innen Edgar Selge und Aenne Schwarz. Während Schwarz ihrer Malerin viel jugendliche Frische und Unbekümmertheit, aber auch Neugier und Offenheit verleiht, spielt Selge Leibniz als nachdenklichen, aber ebenfalls immer für neue Gedanken offenen Menschen.
Dialoglastig ist dieses Kammerspiel zwar, wird aber durch das lustvoll aufspielende Ensemble zu einem von Humor durchzogenen Vergnügen, das einerseits mit seinen philosophischen Diskussionen zum Nachdenken anregt, andererseits durch die großartige Lichtführung und genau abgezirkelte Kamerabewegungen auch einen visuellen Genuss beschert.
Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes
Deutschland 2025
Regie: Edgar Reitz und Anatol Schuster
mit: Edgar Selge, Aenne Schwarz, Lars Eidinger, Barbara Sukowa, Michael Kranz, Antonia Bill
Länge: 102 min.
Läuft derzeit in den österreichischen Kinos
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 11.2., 18 Uhr + Do 12.2. 19.30 Uhr (Deutsche Originalfassung)
Trailer zu "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes"




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