La hija cóndor
- Walter Gasperi

- vor 16 Stunden
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Eine junge Indigene soll im bolivianischen Hochland Nachfolgerin ihrer Ziehmutter als Hebamme werden, doch die Verlockungen der modernen Stadt sind groß: Álvaro Olmos Torrico erzählt ruhig und in großartigen Bildern eindringlich vom Aufeinanderprallen von Traditionen und Moderne – und dem langsamen Verschwinden und der Verdrängung des Alten.
In einer langen ruhigen Einstellung fängt die Kamera von Nicolás Wong Diaz eine Hausgeburt in den bolivianischen Anden ein. In der in warme Brauntöne getauchten Hütte streichelt die alte Hebamme Ana (María Magdalena Sanizo) sanft den Bauch der Schwangeren, während ihre junge Helferin und Ziehtochter Clara (Marisol Vallejo Montaño) die Gebärende mit leisem Gesang beruhigt.
Mit einem Schnitt springt die Kamera aus der Hütte in eine Totale der grandiosen Andenlandschaft, während ein Babyschrei von der Geburt kündet. Im wahrsten Sinne in die Welt tritt das Neugeborene mit diesem Auftakt, gleichzeitig wird die Handlung damit in einer ursprünglichen, von der Moderne – zumindest scheinbar - noch unberührten Region, in der alte Traditionen gepflegt werden, verankert.
Dass die Stadt freilich nicht allzu fern ist, wird spürbar, wenn Claras Freundin Flora von dortigen Partys und einem jungen Mann erzählt und auch bei Clara weckt die Musik aus einem alten Transistorradio, das sie nach einer Geburt als Belohnung erhält, Sehnsucht nach dem Neuen.
So geographisch genau "La hija cóndor" auch verankert ist, so erzählt Álvaro Olmos Torrico doch eine universelle Geschichte von jugendlichen Sehnsüchten und dem Spannungsfeld von Tradition und Moderne, die zuletzt auch die nordmazedonische Tragikomödie "DJ Ahmet" thematisierte.
Ruhig und genau, mit ethnographischem Blick beschreibt der 43-jährige Regisseur in seinem zweiten Spielfilm die Welt einer indigenen Gemeinschaft, die sich auch sprachlich durch das Quechua von der spanischsprachigen Stadt abhebt. Die Kamera bleibt zumeist statisch, auf extradiegetische Filmmusik wird lange verzichtet. Doch Torrico verschweigt auch die strenge Ordnung nicht, die hier herrscht, wenn eine Frau, die die Regeln gebrochen hat, bei einer Dorfversammlung öffentlich und mitleidlos durch Abschneiden ihres Zopfes bestraft wird.
Dennoch wächst Claras Interesse an der Stadt, als ihr eine Musikerin eine Karriere als Sängerin verspricht. Wenn die junge Frau ihren Heimatort Totorani verlässt und in das nur knapp 100 Kilometer entfernte, über 600.000 Einwohner:innen zählende Cochabamba aufbricht, verschiebt sich der Fokus des Films von ihr auf Ana. Mit ihren Augen blicken die Zuschauer:innen auf die Stadt, wenn sie aufbricht, um ihre Ziehtochter zu suchen.
Markant inszeniert Torrico die alte Frau mit ihrem Umhang, ihrem Hut und ihrem Beutel auf dem Rücken als Fremdkörper in der belebten Stadt, betont den Kontrast aber auf der visuellen und akustischen Ebene. Den warmen Erdfarben, die die bäuerlich-archaische Welt der Quechua-Gemeinschaft bestimmen, stehen in der Stadt nicht nur leuchtende Neonfarben und der Stille moderne Musik gegenüber, sondern der Natürlichkeit auch Styling und Künstlichkeit.
Unaufdringlich erzählt "La hija cóndor" so auch von einem Verlust der eigenen Wurzeln und der Identität durch das Verlassen der Gemeinschaft, beschwört aber gleichzeitig mit dem Schlussbild, das den Bogen zum Anfang schlägt, eine Selbstfindung und ein Weiterleben der Traditionen.
Die Ursachen für deren Bedrohung sieht Torrico aber nicht nur in den Verlockungen der Moderne, sondern auch in Naturkatastrophen, die Ernte und Schafbestand gefährden, sowie in der Förderung von Geburten in modernen Kliniken durch finanzielle Zuschüsse.
Zwiespältig ist dieser letzte Aspekt freilich, denn völlig unterschlagen werden hier die positiven Seiten der modernen Medizin, dennoch beeindruckt und bewegt diese leise Meditation über das Verschwinden von Traditionen und über den Kreislauf von Geburt und Tod durch die ruhige Erzählweise, die wie Gemälde wirkenden Bilder und die Laienschauspieler:innen, die in ihrem ungekünstelten Spiel Natürlichkeit ausstrahlen.
La hija cóndor
Bolivien / Peru / Uruguay 2025
Regie: Álvaro Olmos Torrico
mit: Marisol Vallejos Montaño, Nely Huayta, María Magdalena Sanizo, Alisson Jimenez Länge: 103 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 28.8. in den österreichischen Kinos.
Trailer zu "La hija cóndor"




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