Diamanti
- Walter Gasperi

- vor 9 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Ferzan Özpetek entführt in ein römisches Atelier der 1970er Jahre, in dem Frauen die Kostüme für einen Historienfilm schneidern, und bietet gleichzeitig in Mikrodramen Einblick in die persönlichen Schicksale der Schneiderinnen: Von einem großartigen Ensemble getragenes, leidenschaftliches und opulentes Kino, bei dem der türkisch-italienische Regisseur die Fäden immer sicher in der Hand hält.
Nah dran an den Personen ist die bewegliche Kamera von Gian Filippo Corticelli bei einem Gartenfest, zu dem Ferzan Özpetek zahlreiche Schauspielerinnen geladen hat, mit denen er teilweise schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Während er ihnen ein Filmprojekt über eine römische Kostümschneiderei in den 1970er Jahren vorstellt, geht diese in der Gegenwart spielende autobiographische Meta-Ebene in die Filmhandlung über.
Mehrfach kehrt Özpetek, der in den 1970er Jahren selbst in Rom neben Filmgeschichte, Kunstgeschichte und Regie auch Kostümbild studierte, kurz zu dieser Rahmenhandlung zurück. Er betont damit einerseits die filmische Inszenierung und verdeutlicht andererseits seine persönliche Liebe zu diesen Schauspielerinnen, aber auch zum Kino und zu prachtvollen Filmkostümen und ihren Schöpferinnen.
Im Fokus auf dem großen Frauenensemble weckt "Diamanti", dessen Titel sich einerseits auf die Wertschätzung Özpeteks für seine Schauspielerinnnen, andererseits auf die der Schneiderinnen im Atelier bezieht, unweigerlich Erinnerungen an George Cukors "The Women" (1939). Während Cukor freilich mit 135 Frauen und ganz ohne Männer auskam, so spielen letztere beim 1959 in Istanbul geborenen Regisseur immerhin Nebenrollen.
Zentrum von "Diamanti" ist dabei das Atelier, in dem für einen im 18. Jahrhundert spielenden Historienfilm die Kostüme, vor allem das Kleid für die Hauptdarstellerin geschneidert werden sollen. Mit harter Hand leitet die kühle Alberta (Luisa Ranieri) dieses Unternehmen, während ihre Schwester Gabriella (Jasmine Trinca) zurückhaltend agiert und immer wieder abwesend wirkt. Zu Höchstleistungen und Überstunden werden die Schneiderinnen angetrieben und doch gesteht Özpetek dieser scheinbar erbarmungslosen Firmenchefin schließlich Gefühle zu.
Von diesem Atelier begleitet der Film die Schneiderinnen nach der Arbeit nach Hause und entwickelt Mikrodramen, in denen von häuslicher Gewalt ebenso wie von einem nie bewältigten traumatischen Verlust erzählt wird. Die prekäre Situation einer alleinerziehenden Mutter wird ebenso angeschnitten wie die Sorge um einen psychisch angeschlagenen Sohn im Teenageralter oder eine viele Jahre zurückliegende unglückliche Liebesgeschichte, die mit ihrem Schauplatz Paris unübersehbar auf den Klassiker "Casablanca" anspielt.
Große Meisterschaft beweist Özpetek, wenn er trotz des großen Ensembles immer die Übersicht bewahrt und souverän die privaten Mikrodramen der Schneiderinnen mit der Arbeit im Atelier verknüpft. Er feiert dabei nicht nur die Zusammenarbeit der Frauen, sondern auch die Solidarität in schwierigen persönlichen Situationen, wenn sie ein Kind im Atelier verstecken, eine von der Polizei gesuchte Demonstrantin aufnehmen und auch Hilfe gegen den gewalttätigen Ehemann zusichern.
Viel Schwung entwickelt der leidenschaftlich inszenierte Film dabei durch die bewegliche Kamera und den dynamischen Schnitt von Pietro Morana und verbreitet durch die kräftigen und warmen Farben gleichzeitig Lebensfreude und Sinnlichkeit. Özpetek kennt keine Angst vor großen Gefühlen, spielt bei der unglücklichen Liebesgeschichte auch mit Kitsch und beim Drama der unter ihrem gewalttätigen Mann leidenden Frau mit Klischees, doch nie wirkt das peinlich, sondern entwickelt durch den erzählerischen Sog und die spürbare Liebe zu diesen Frauen große emotionale Kraft.
Zu verdanken ist dies auch einem herausragenden Ensemble. Einfinden muss man sich zwar zunächst in dem großen Figurenarsenal, doch dann gewinnen die zahlreichen Protagonistinnen zunehmend Profil und bewegen mit ihren Schicksalen, die nicht breit auserzählt, sondern nur kurz angerissen werden. Da bleiben nicht nur Luisa Ranieri als Chefin und Jasmine Trinca als ihre Schwester Gabriella in Erinnerung, sondern auch Mara Venier als ältere Silvana, die fürs leibliche Wohl der Schneiderinnen sorgt, oder Vanessa Scalera als Kostümbildnerin, die trotz eines Oscar-Gewinns unter Versagensängsten und Minderwertigkeitskomplexen leidet.
So bietet "Diamanti", der Özpetek den großen italienischen Schauspielerinnnen Mariangela Melato, Monica Vitti und Virna Lisi gewidmet hat, nicht nur großes und opulentes Kino, sondern auch eine große Hommage an die Frauen und ihre Solidarität, an das Kino und die nur ganz selten gewürdigte, aber wichtige Arbeit und Zusammenarbeit der Kostümbildnerinnen und ihrer Schneiderinnen.
Diamanti
Italien 2024
Regie: Ferzan Özpetek
mit: Luisa Ranieri, Jasmine Trinca, Anna Ferzetti, Stefano Accorsi, Mara Venier, Vanessa Scalera
Länge: 135 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 8.7., 18 Uhr + Do 9.7., 19.30 Uhr (ital. OmU.) Filmforum Bregenz im Kino Lindau: Mi 19.8., 19.30 Uhr (ital. OmU.)
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Fr 21.8 bis Mo 24.8. (ital. OmU.) Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mi 4.11. + Mo 9.11. (ital. OmU.) LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 16.12., 19 Uhr (ital. OmU.)
Trailer zu "Diamanti"




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