Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war
- Walter Gasperi

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Regina Schilling zeichnet in einer sorgfältigen Mischung aus inszenierten Szenen mit Sandra Hüller und Archivmaterial vielstimmig und mit großem Erzählfluss das Leben der 1973 im Alter von nur 47 Jahren verstorbenen österreichischen Schriftstellerin nach.
Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Neben neuen Biographien und Essays erschien zu diesem Anlass auch Regina Schillings Dokumentarfilm. Der Gedenktag sichert "Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war" zwar erhöhte Aufmerksamkeit, doch kein Schnellschuss ist dies, sondern ein kunstvoll gestalteter Film, der Bestand haben wird.
Das Rückgrat bilden inszenierte, im Rom des Jahres 1973 spielende Szenen, in denen der deutsche Schauspielstar Sandra Hüller in die Rolle Ingeborg Bachmanns schlüpft. In einer Wohnung, die der römischen Wohnung der Schriftstellerin nachgebildet ist, legt sich Hüller eine Perücke im Stil der Frisur Bachmanns an, sitzt später an der Schreibmaschine und tippt, raucht Zigaretten oder unternimmt Ausflüge in die etruskische Nekropole von Cerveteri oder an den Strand.
Schilling macht dabei den Prozess der filmischen Inszenierung sichtbar, wenn sie am Beginn selbst im Bild zu sehen ist und mit Hüller über die Wohnung und die Schriftstellerin spricht oder später die Schauspielerin einen Monolog Bachmanns in anderer Betonung wiederholen lässt. Jeder historisierende Ansatz wird aber auch dadurch gebrochen, dass Hüller anachronistisch ein Smartphone verwendet, um sich nach einer Panikattacke mit einer Entspannungsübung zu beruhigen, oder mit einem Scooter durch die Ewige Stadt fährt.
Ausgehend von dieser inszenierten Leitlinie des Films, in der Hüller / Bachmann stumm und ohne Bezug zu anderen Menschen bleibt, zeichnet die deutsche Dokumentarfilmerin mit viel Archivmaterial chronologisch das Leben Bachmanns nach. Immer wieder nach Rom und zu Hüller zurückkehrend, spannt sie in feinfühliger Montage von vielfältigem Archivmaterial wie Familienfotos, öffentlichen Auftritten, Interviews und Kommentaren von Literaturkritikern den Bogen von der Kindheit als Tochter eines nationalsozialistischen Kärntner Hauptschuldirektors über das Studium in Wien und den ersten literarischen Erfolg in der "Gruppe 47" bis zu den Liebesbeziehungen mit dem Lyriker und Holocaust-Überlebenden Paul Celan, dem Komponisten Hans Werner Henze und dem Schweizer Autor Max Frisch sowie den zahlreichen Auszeichnungen wie dem Hörspielpreis der Kriegsblinden (1959), dem Georg-Büchner-Preis (1964), dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (1968) und dem Anton-Wildgans-Preis (1971).
Vor allem aber wird dem literarischen Schaffen viel Raum zugestanden. Teils liest dabei Bachmann im Archivmaterial selbst aus ihren Gedichten, Romanen und Erzählungen, teils werden sie von Hüller rezitiert und fließend gehen auch immer wieder neue Aufnahmen mit Hüller und kleinformatiges und unscharfes Archivmaterial aus Bachmanns römischer Lebensphase ineinander über.
Bruchlos verbinden sich dabei Einblicke in ihr Schaffen und in ihre psychische Labilität, ihre schweren Krisen und ihre unglücklichen Liebesbeziehungen. Und während der Sprung aufs Cover des "Spiegel" im August 1954 ihre Berühmtheit vermittelt, wird andererseits in der Dominanz der Männer als Kommentatoren und Interviewer und vor allem in einem abwertenden Kommentar des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki über Schriftstellerinnen ihre exponierte Position als Frau sichtbar.
Neue Informationen über Ingeborg Bachmann bietet dieser Dokumentarfilm zwar kaum, entwickelt aber durch die gesschmeidige Verbindung der inszenierten Szenen mit dem Archivmaterial (Schnitt: Carina Mergens) großen Erzählfluss, der auch durch poetische Einschübe mit schwarzweißen Bildern von Vogelschwärmen sowie die stimmungsvolle Musik von Anja Plaschg unterstützt wird. So wird man auch nicht von Fakten erschlagen, sondern die Erzählweise bleibt immer übersichtlich und lässt tief in Psyche und Werk Bachmanns eintauchen.
Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war Deutschland / Österreich 2026 Regie: Regina Schilling Dokumentarfilm mit: Sandra Hüller, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Paul Celan, Hans Werner Henze Länge: 95 min.
Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Kino GUK in Feldkirch. - Ab 20.8. in den Schweizer Kinos, zb.B. im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war"




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