Compostelle - Die Camino-Therapie: Finde deinen Weg
- Walter Gasperi

- vor 5 Minuten
- 4 Min. Lesezeit

Yann Samuell schickt eine suspendierte Lehrerin und einen straffälligen Jugendlichen zur Selbstfindung auf eine Wanderung auf dem Jakobsweg: Alexandra Lamy und Julien Le Berre verleihen den Protagonist:innen markantes Profil, doch der Regisseur lässt keiner Szene Raum, sondern springt von einem dramatischen Moment und einem pittoresken Schauplatz zum nächsten.
Wie der Jakobsweg so boomen in den letzten Jahrzehnten auch Filme darüber. Seit Coline Serreaus " Saint Jacques … La Mecque" ("Saint Jacques… Pilgern auf Französisch", 2005) kommt fast jährlich ein Spiel- oder Dokumentarfilm zu diesem Thema ins Kino. Unterstützt wird dieser Trend auch durch die Beliebtheit des Weitwanderns im Allgemeinen und entsprechender Filme wie Marianne Elliotts "The Salt Path" ("Der Salz Pfad, 2024) oder zuletzt Bart Schrijvers "The North" (2025).
Yann Samuell diente Bernard Olliviers 2015 erschienenes Sachbuch "Marche et invente ta vie" als Grundlage. Ollivier beschreibt darin, wie die von ihm gegründete gemeinnützige Organisation Seuil straffälligen Jugendlichen hilft, mittels einer mehrwöchigen Wanderung den Weg zurück in die Gesellschaft und Zukunftsperspektiven zu finden.
So schickt Samuell die suspendierte Lehrerin Fred (Alexandra Lamy) und den gewalttätigen und schon mehrfach vorbestraften 17-jährige Adam (Julie Le Berre) auf die 2000 Kilometer lange Wanderung von Le Puy-en-Vezlay zur nordwestspanischen Pilgermetropole. Spannung will der Franzose dabei schon mit einer Einstiegsszene aufbauen, bei der die Wanderung auf einem Felsenweg durch eine malerische Flusslandschaft in einen dramatischen Unfall mündet.
In gewohnter Manier wird von diesem Auftakt zur Ausgangssituation zurückgeblendet. Auf 4:3 Format verengt Samuell dabei das Bild, wenn Fred, die auch familiäre Probleme belasten, wegen einer Ohrfeige ihr Pult in der Schule räumen muss und der aggressive Adam, der sich von seiner Mutter im Stich gelassen fühlt, wieder einmal im Heim randaliert. Während der Teenager von der Richterin vor die Wahl zwischen einer Haftstrafe und einer mehrwöchigen Wanderung gestellt wird, bietet Fred sich nach ihrem Jobverlust als Begleiterin an.
Geschaffen ist damit ein ungleiches Duo, das sich in der Folge bald heftig streitet, dann wieder versöhnt und sich langsam näherkommt. Mit Leidenschaft spielen Alexandra Lamy und Julien Le Berre diese beiden Wanderer, von denen jeder mit seinen Problemen zu kämpfen hat, doch ihre Beziehung verliert in den allzu geschliffenen Dialogen und vor allem im immer wieder abrupten Wechsel zwischen Konflikt und Annäherung jede Glaubwürdigkeit.
Recht simpel ist auch, wie Samuell mit Start der Wanderung in der Kathedrale von Le Puy-en-Vezlay das Bild vom 4:3 Format auf Breitwand weitet und seine Protagonist:innen sich damit quasi aus ihrem inneren Gefängnis befreien lässt. Während freilich die ersten Stationen der Reise mit Inserts bei der Jakobskapelle von Rochegude, in Conques oder Cahors geographisch verankert sind, fallen solche Verortungen in der Folge weitgehend weg.
Verwundern kann dies nicht, denn zunehmend scheint sich Samuell vom realen Jakobsweg zu entfernen, wenn sich Fred und Adam bald am Meer befinden, dann wieder durch eine malerische Flusslandschaft mit Wasserfall wandern. Statt sich an der Realität zu orientieren, soll hier eine prächtige Landschaft und ein beschauliches Städtchen ans nächste gereiht werden.
Nie lässt sich Samuell aber auf diese Locations ein, sondern beschränkt sich darauf diese kurz zu präsentieren. So kostengünstig und eindrucksvoll diese Schauplätze heute mit Kameradrohnen aber auch eingefangen können, so nervig und künstlerisch wenig überzeugend ist doch, wie exzessiv Kameramann Vincent Gallot hier mit kreisenden Flugaufnahmen arbeitet.
Diese Highlight-Dramaturgie bestimmt "Compostelle – Die Camino-Therapie" aber auch auf der inhaltlichen Ebene. Keinen Moment der Ruhe gibt es hier, sondern ständig muss geredet werden oder etwas passieren. Zur Dynamik in der Beziehung zwischen Fred und Adam und den kurzen Wanderszenen kommen so die obligaten Begegnungen.
Bald droht Gefahr von einem Hirtenhund, den Adam provoziert, dann bahnt sich eine Liebesbeziehung zwischen Adam und einer jungen Pilgerin an und kurz wird Gruselstimmung evoziert, wenn das Duo nachts in einem Kloster Unterkunft sucht, in dem ein Mönch mit verhülltem Gesicht die schwere Holztür öffnet. Auch ein heftiger Regenguss darf nicht fehlen, doch davon abgesehen ist der Film immer ins warme Licht und die Farben des Sommers getaucht.
Wie sich Samuell nie auf die Landschaft einlässt, so lässt er sich auch nie aufs Wandern ein. Bloße Behauptung bleiben hier die Strapazen, wenn kurz mal Blasen von Fred und Adam gezeigt werden, und lachhaft wirkt, mit welcher Leichtigkeit sie ihre Rücksäcke, die in der Realität sicher sieben bis acht Kilo wiegen müssten, schultern.
Das sind zwar Details, aber in ihrer Fülle rauben gerade diese Details in Verbindung mit einer Erzählweise, die alles nur häppchenweise abhakt, diesem Film jede Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Während beispielsweise der großartige "The North" im unaufgeregten, quasidokumentarischen Blick Wandern erfahrbar macht, bleibt in diesem zwischen Drama und Komödie pendelnden "Hektikerfilm" alles nur Behauptung.
Kopfschütteln müssen so auch die völlig unglaubwürdigen finalen Wendungen hervorrufen, mit denen nochmals die Dramatik gesteigert werden soll, die aber im Kern nur zeigen, dass hier vor allem eine Botschaft transportiert werden soll. Denn natürlich entwickelt sich auf dieser Wanderung nicht nur eine tiefe Freundschaft zwischen Fred und Adam, sondern Fred findet auch zu sich und Adam wandelt sich vom gewalttätigen und wütenden Jugendlichen zum hilfsbereiten Mitglied der Gesellschaft.
Platt bringt die Schlussszene das Bild vom schwierigen Weg, bei dem jeder Schritt wichtig ist, nochmals auf den Punkt und den Deckel drauf setzen in diesem Thesenfilm die Inserts im Nachspann, die die Erfolge der Übergangswanderungen des Vereins Seuil bei der Rehabilitation von jugendlichen Straftätern im Kontrast zu Gefängnisstrafen herausstreichen.
Compostelle – Die Camino-Therapie: Finde deinen Weg
Frankreich / Belgien 2026
Regie: Yann Samuell
mit: Alexandra Lamy, Julien Le Berre, Mélanie Doutey, Eric Métayer, Cyril Guëi, Malik Amraoui
Länge: 113 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems, Kinotheater Madlen in Heerbrugg, Skino Schaan und im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Compostelle - Die Camino-Therapie: Finde deinen Weg"




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