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DJ Ahmet

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 22 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"DJ Ahmet": Warmherzige nordmazedonische Tragikomödie um das Spannungsfeld von patriarchalen Traditionen und jugendlicher Sehnsucht nach Selbstbestimmung
"DJ Ahmet": Warmherzige nordmazedonische Tragikomödie um das Spannungsfeld von patriarchalen Traditionen und jugendlicher Sehnsucht nach Selbstbestimmung

Das Coming-of-Age in der bäuerlichen Welt Nordmazedoniens kann zu Konflikten führen, wenn jugendliche Träume von selbstbestimmtem Leben auf patriarchale Traditionen treffen: Georgi M. Unkovskis Spielfilmdebüt ist genau im Blick auf das Spannungsfeld von Tradition und Fortschritt, besticht aber auch durch seine warmherzige und von Humor durchzogene Erzählweise und seine authentischen Schauspieler:innen.


Ein malerisches Bild des ländlichen Nordmazedonien evozieren Georgi M. Unkovski und sein Kameramann Naum Doksevski, wenn sie in prächtigen Totalen die weiten, in warmes Gelbbraun und Grün getauchten Felder und Hügel einfangen. Auch die in kräftigen Farben leuchtenden bunten Kleider der Frauen verbreiten Lebensfreude und Vitalität.


In scharfem Kontrast dazu steht aber die patriarchale Gesellschaft, in der das Leben von Traditionen bestimmt ist und neben harter Arbeit kaum Platz für Vergnügen bleibt. An Vittorio und Paolo Tavianis Meisterwerk "Padre Padrone" (1977) erinnert, wie der Vater (Aksel Mehmet) seinen 15-jährigen Sohn Ahmet (Arif Jakub) aus der Schule nimmt, um die Schafe zu hüten. Zudem soll sich der Teenager um seinen kleinen Bruder Naim (Agush Agushev) kümmern, der seit dem Tod der Mutter nicht mehr spricht.


Gefühle wie Trauer und Schmerz zeigen die Männer in dieser Welt nicht. Statt den Verlust der Mutter zu thematisieren, wird dieser verdrängt und statt zu versuchen, sich auf Naim und sein Schweigen feinfühlig einzulassen, gibt der Vater lieber Geld für einen dubiosen Heiler aus.


Tradition und Fortschritt treffen aber auch aufeinander, wenn Ahmet dem Iman des Dorfes beim Einrichten des Facebook-Accounts und einer Lautsprecheranlage am Minarett hilft, durch die die Bevölkerung eindringlicher an Gebet und Besuch der Moschee erinnert werden soll. Von Witz durchzogen ist diese Szene, vermittelt aber gleichzeitig prägnant das Spannungsfeld, das diese bäuerliche Gesellschaft bestimmt.


Während die Generation der Väter an den alten Traditionen festhält, wollen die Jungen ein selbstbestimmtes Leben führen. Wie ein pinkes Schaf, das plötzlich auftaucht, wirkt so in dieser Gesellschaft nicht nur Ahmet, sondern auch Aya (Dora Akan Zlatanova), die mehrere Jahre in Deutschland lebte, nun aber von ihrem Vater in die Heimat zurückgeholt wurde, um hier verheiratet zu werden.


Ahmet trifft auf Aya, als mit seiner Herde bei der Suche nach einem verlorenen Schaf mitten in der Nacht im Wald in eine illegale Techno-Party gerät. Wummernde Bässe und neonfarbene Lichteffekte versetzen den Teenager in eine andere Welt und nicht nur von der jungen Frau, sondern auch von der Musik ist er auf Anhieb begeistert. Für Aya bringt er am Traktor Lautsprecher an, über die sie fernab vom Dorf auf einer Wiese mit ihrem Handy ihre Musik abspielen und befreit tanzen kann. Im Kontrast zur unruhig und nah geführten Handkamera, mit der zunächst die bäuerliche Arbeit geschildert wurde, stehen hier Zeitlupenaufnahmen, die Ahmets träumerische Verliebtheit visuell vermitteln.


Auf keinen Fall will die selbstbewusste Aya, die die treibende Kraft in der Beziehung zum schüchternen Ahmet ist, in die arrangierte Ehe einwilligen. Sie hofft auf eine Absage der Hochzeit, indem sie bei einem Volksfest mit ihrem Tanz zu moderner Popmusik die bäuerliche Bevölkerung vor den Kopf stößt. Doch der Wille des Vaters lässt sich damit nicht brechen.


Aber nicht nur durch den starken Kontrast zwischen den farbintensiven Bildern und der harschen Männergesellschaft beeindruckt dieses Debüt, das beim Sundance Film Festival 2025 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, sondern auch die jugendlichen Schauspieler:innen bilden mit ihrer Frische und Natürlichkeit einen starken Gegenpol zu den emotionslosen Männern, denen schließlich auch Ahmets Vater zuruft "Wisst ihr denn nicht, was Liebe ist?"


So genau aber auch Unkovskis Blick auf diese Gesellschaft ist, in der das Handeln auch immer von Angst vor Dorftratsch bestimmt ist, so wenig verfällt er dennoch in Pessimismus, sondern verbreitet durch die Lebensfreude der Jugendlichen und ein feines Gespür für Humor Hoffnung. Klug verzichtet der 1988 in New York geborene und in Nordmazedonien lebende Regisseur, der an der berühmten Prager Film- und Fernsehfakultät FAMU studierte, zwar auf ein Happy End, mit dem sich alles in Wohlgefallen auflöst, stellt aber doch eine Versöhnung und die Feier familiären Zusammenhalts ans Ende seines atmosphärisch dicht im bäuerlichen Milieu verankerten, herzerwärmenden Coming-of-Age-Films.



DJ Ahmet

Nordmazedonien / Tschechien / Serbien /Kroatien 2025

Regie: Georgi M. Unkovski

mit: Arif Jakup, Agush Agushev, Aksel Mehmet, Dora Akan Zlatanova, Selpin Kerim, Elhame Bilal

Länge: 99 min.



Läuft jetzt in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und Skino Schaan. Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau: Do 16.4., 19.30 Uhr (türk.-mazedon. OmU.)



Trailer zu "DJ Ahmet"



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