• Walter Gasperi

Knives Out - Mord ist Familiensache


Ein Detektiv soll in einem alten Landsitz innerhalb der Familie und der Hausangestellten ermitteln, ob das 85-jährige Familienoberhaupt, das mit durchschnittener Kehle aufgefunden wurde, ermordet wurde oder Selbstmord beging: Ein klassischer Whodunit, der mit meisterhafter Konstruktion, raffinierten Wendungen, einem blendend aufgelegten Ensemble und dem perfekten Mix von Spannung und bissigem Witz für beste Kinounterhaltung sorgt.


Am Morgen nach seinem 85. Geburtstag wird der Krimiautor Harlan Thrombey (Christopher Plummer) von seiner hispanischen Pflegerin Marta (Ana de Armas) mit durchgeschnittener Kehle in seinem Bett aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus, doch wenig später stellt sich der Detektiv Benoit Blanc ein, dem anonym ein Kuvert mit Geld und der Auftrag den Fall zu prüfen, zugesendet wurde. Als Täter kommen nur die Familienmitglieder, die alle ein Mordmotiv hatten, sowie die Pflegerin in Frage.


Rian Johnson, der zuletzt mit „Star Wars 8: Die letzten Jedi“ für eine Großproduktion verantwortlich zeichnete, beschränkt sich weitgehend auf das viktorianische Landhaus als Schauplatz, die Handlung erstreckt sich nur über wenige Tage und einziges Thema ist – zumindest vordergründig – die Lösung des Falls. Große Dichte gewinnt „Knives Out“ durch die Einhaltung dieser klassischen aristotelischen Einheiten, gleichzeitig nützt Johnson den Plot zu einem lustvollen Spiel mit den Mustern des klassischen Whodunit und einer Hommage an die Krimis von Agatha Christie.


An Christies Meisterdetektiv Hercule Poirot, aber auch am legendären Columbo orientiert sich deutlich der von „James Bond“ Daniel Craig mit sichtlichem Vergnügen gespielte Benoit Blanc. Allzu viel macht er ja nicht, aber seine Ermittlungen decken doch bissig die Spannungen innerhalb der Familie auf.


Dem toten Patriarchen, der mit seinen Romanen Millionen verdient hat, stehen da seine erwachsenen Kinder gegenüber, die vom Vermögen des Vaters leben und es verwalten, selbst aber bislang nichts geleistet haben. Völlig degeneriert wirkt schließlich die dritte Generation mit einem verzogenen schwarzen Schaf der Familie (Chris Evans), einer Langzeit-Studentin und einem Teenager, der nur am Handy hängt und Anhänger der neonazistischen Alt-Right-Bewegung ist.


Der lateinamerikanischen Pflegerin gegenüber verhalten sich die Familienmitglieder besorgt und fürsorglich, freilich nur solange sie sich ihr überlegen fühlen. Ändern sich die Verhältnisse wird man rasch aggressiv und beginnt auch zu drohen. Ohne diesen gesellschaftskritischen Akzent, der an Bong Joon-hos „Parasite“ erinnert, zu sehr zu strapazieren und bestens in die Krimihandlung verpackt, rechnet Johnson so doch treffsicher mit der Arroganz der arrivierten weißen Oberschicht ab.


Im Zentrum stehen aber die Ermittlungen des Detektivs, die Johnson mit messerscharfem Schnitt und treffsicheren Dialogen rasant vorantreibt. Die Aussagen der Tatverdächtigen werden dabei immer wieder von Rückblenden, die einen ganz anderen Verlauf der Ereignisse vermitteln, kontrastiert oder aber widersprechende Erklärungen der Befragten werden ineinander geschnitten. Bei der Pflegerin fliegen Lügen freilich sofort auf, denn sie muss sich, wenn sie nicht die Wahrheit sagt, übergeben.


Unterstützt von einem mit großer Spielfreude agierenden Ensemble zeichnet Johnson dabei markante Charaktere von der steinalten Mutter des Verstorbenen über die Tochter und kühle Geschäftsfrau Linda (Jamie Lee Curtiz) und die auf Esoterik stehende Schwiegertochter Joni (Toni Collette) bis zu dem von seinem Vater nie besonders geschätzten Sohn Walt (Michael Shannon).


Getrost kann Johnson auf das verzichten, mit dem Filme sonst prahlen: Weder Gewalt noch Sex gibt es hier, eine kurze Verfolgungsjagd bezeichnet Blanc sogleich selbst als absurd. Ganz vom Drehbuch, das mit immer wieder neuen überraschenden Twists aufwartet und so gebaut ist, dass die Rädchen mit bestechender Präzision ineinander greifen, und dessen stringenter Umsetzung sowie den facettenreichen Figuren und ihren Konflikten lebt dieser Krimi, bei dem Spannung und Witz spielerisch ineinander übergehen.


Wie fein das im Detail gearbeitet ist, zeigt schon das Spiel mit der Herkunft der Pflegerin Marta, die von den unterschiedlichen Familienmitgliedern immer wieder anderen südamerikanischen Ländern zugeordnet wird. Auch ein Hinweis des späteren Toten auf den Unterschied zwischen echtem Dolch und Theaterdolch wird gegen Ende noch an Bedeutung gewinnen.


Herrlich bissig spielt Johnson auch mit der Kaffeetassenaufschrift „My House, My Rules, My Coffee“, die am Beginn des Films steht und ihn auch beenden wird: Der Besitzer ist dann freilich ein anderer und auch die Kameraperspektive und der Standpunkt der Figuren wird deutlich machen, dass sich die Machtverhältnisse markant verändert haben.


Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "Knives Out - Mord ist Familiensache"