• Walter Gasperi

Just Mercy


Ein Afroamerikaner wird in Alabama Ende der 1980er Jahre eines Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt. Ein junger schwarzer Anwalt strebt die Wiederaufnahme des Verfahrens an. – Etwas schematisch ist Destin Daniel Crettons Gerichtsdrama, packt aber durch die starke Besetzung und die wütende Abrechnung mit Polzeigewalt, Justizwillkür und der Todesstrafe.


Destin Daniel Cretton fackelt nicht lange. Unvermittelt wird der Afroamerikaner Walter McMillian (Jamie Foxx) in Alabama bei der Heimfahrt vom Holzfällen von der Polizei aufgehalten und des Mordes an einer 18-jährigen Weißen beschuldigt. Beklemmend macht Cretton – wie zuletzt auch „Queen & Slim“ - spürbar, welche Bedrohung für einen Afroamerikaner von jeder Polizeikontrolle ausgeht.


Mit dem Kommentar eines TV-Nachrichtensprechers werden mehrere Jahre mit Verurteilung zunächst zu lebenslanger Haft, dann zum Tode und gescheiterte Berufung übersprungen, ehe die Handlung Anfang der 1990er Jahre quasi neu mit dem afroamerikanischen Jura-Studenten Bryan Stevenson (Michael B. Jordan) einsetzt. Weil Stevenson bei einem Praktikum in einem Gefängnis hautnah erlebt, welcher Willkür und welchen Schikanen afroamerikanische, aber auch arme weiße Häftlinge ausgesetzt sind, beschließt er sich für diese einzusetzen.


Alle Türen stünden ihm nach dem Abschluss des Studiums in Harvard offen, doch Stevenson bricht, geprägt auch von eigenen Erlebnissen als Kind aus der schwarzen Unterschicht, nach Alabama auf, um dort Häftlingen, die sich keinen Anwalt leisten können, speziell im Todestrakt kostenlosen Rechtsbeistand anzubieten. Beiläufig werden den properen weißen Vorstadtsiedlungen, durch die Stevenson dabei fährt, später die armen Siedlungen der Afroamerikaner außerhalb der Stadt gegenübergestellt.


Stolz ist man in Monroeville, dass hier Harper Lee den antirassistischen Klassiker „To Kill a Mockingbird - Wer die Nachtigall stört“ schrieb. Sogar ein Museum erinnert an dieses Buch. Dass hier gleichwohl der Rassismus immer noch weit verbreitet ist, die Polizei Afroamerikaner schikaniert und terrorisiert und Justizwillkür herrscht, ist bittere Ironie.


Gleichzeitig schafft Cretton in dem auf einem wahren Fall und Stevensons eigenem Sachbuch „Ohne Gnade. Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA“ beruhenden Film mit diesem Anwalt freilich einen modernen Nachfolger zu Harper Lees legendärem Anwalt Atticus Finch. Entschlossen setzt sich Stevenson vor allem für McMillian ein, lernt auch am eigenen Leib das rassistische Klima kennen, gibt aber trotz Rückschlägen nicht auf.


Vorhersehbar ist, dass dieser Kampf für Gerechtigkeit schließlich erfolgreich enden muss, dennoch bleibt der Film spannend und wird gleichzeitig anhand der detaillierten Schilderung der Hinrichtung des ebenfalls inhaftierten Afroamerikaners Herbert Richardson (Rob Morgan) zur erschütternden Anklage gegen die Todesstrafe.


Wenn Stevensons Mutter über ihren Sohn sagt, dass er das Herz am rechten Fleck habe, gilt das auch für „Just Mercy“. Entschieden ergreift Cretton Partei und macht mit zupackender Inszenierung und klarem Strich wütend über diese Verhältnisse. Überraschungen bleiben freilich aus, etwas zu schematisch ist insgesamt die Handlung angelegt, die Konstruktion und die Absicht sind allzu klar und offensichtlich.


Diese Schwäche wird aber wieder wettgemacht durch die bis in die Nebenrollen perfekte Besetzung und die straffe Handlungsführung. Da besticht nicht nur Michael Jordan als Anwalt, über den gesagt wird, dass er mit seinem Beruf verheiratet sei, sondern auch Jamie Foxx als unschuldig Verurteilter, Rafe Spall als Staatsanwalt, der eine Wiederaufnahme des Prozesses verhindern will, oder Michael Harding als rassistischer Sheriff Tate.


Die Qualität von „Just Mercy“ besteht dabei auch darin, dass am Einzelschicksal packend von einem verbreiteten gesellschaftlichen Missstand erzählt wird, den ein amerikanischer Film selten so präzise und so schonungslos angeprangert. Durch und durch amerikanisch ist dieses Drama aber dann wieder im Finale, das Hoffnung machen will und in dem mit einem großen pathetischen Schlussplädoyer der Glaube an die Wichtigkeit und Möglichkeit von Gerechtigkeit beschworen wird.


Läuft derzeit in den Kinos (z.B.: Cineplexx Hohenems, Skino Schaan, Scala St. Gallen)


Trailer zu "Just Mercy"