• Walter Gasperi

Jung und unschuldig


Hitchcock pur - wenn auch mit komödiantischen Momenten: Ein junger Mann gerät unter Mordverdacht und muss den wahren Täter finden, um seine Unschuld zu beweisen. – Bei Pidax Film ist der leichthändig Spannung und romantische Liebesgeschichte verbindende, sanfte Thriller aus dem Jahr 1937 auf DVD und Blu-ray erschienen.


Auf den heftigen Streit eines Paares folgt am nächsten Morgen der Fund einer Frauenleiche an der Küste. Weil der junge Robert (Derrick De Marney) nach dieser Entdeckung wegrennt, fällt der Verdacht sogleich auf ihn, auch wenn er behauptet, dass er nur Hilfe holen wollte. Ein klassisches Hitchcock-Thema ist, wie hier ein Unschuldiger ins Räderwerk von Polizei und Justiz gerät. Kein Entkommen scheint es zu geben, das Urteil scheint schon vor dem Prozess festzustehen, sein Anwalt wirkt völlig unfähig, sodass Robert einzig die Flucht bleibt.


Um seine Unschuld zu beweisen, muss er selbst den Mörder finden. Unterstützung erhält er dabei von der Erica (Nova Pilbeam), der Tochter des örtlichen Polizeikommandanten, in deren Wagen er sich versteckt. Nur nach außen gibt sie sich zunächst abweisend, denn auf Anhieb verliebt sie sich in den charmanten Mann. So fährt sie ihn auf der Suche nach Beweisen für seine Unschuld und Hinweise auf den wahren Täter durchs ländliche Südengland.


Wie am Beginn schon eine Schar von Möwen "The Birds" vorwegzunehmen scheint, so erinnert eine Szene, in der Robert in letzter Sekunde Erica vor dem Absturz mit ihrem Auto in einer einbrechenden Miene retten kann, wie die Vorlage für die Mount Rushmore-Szene in "North by Northwest" ("Der unsichtbare Dritte").


Mit dem zu Unrecht Verdächtigten spielt Hitchcock mit seinem Lieblingsmotiv, dass im Grunde jeder schuldig sein kann, sich manchmal – wie in "Shadow of a Doubt" – auch hinter einem netten Onkel ein Witwenmörder verbergen kann. Schon will sich hier Robert der Polizei stellen, um die geliebte Erica vor dem Verdacht der Fluchthilfe zu befreien und damit auch ihren Vater zu schützen, da weist eine Zigarettenschachtel doch noch den Weg in ein Grand Hotel, in dem der Täter zu verkehren scheint.


Der Höhepunkt des Films ist eine legendäre, rund 40 Meter lange Kamerafahrt durch Speise- und Tanzsaal des Hotels. Quasi an der Decke beginnt dieses Bravourstück mit einer Totalen des Schauplatzes, ehe die Kamera in einer langen Parallelfahrt durch den Saal fährt, bis sie hinunter- und auf die Hotelband zu gleitet und wenige Zentimeter vor den Augen des nervös blinzelnden Schlagzeugers endet. Dieses Blinzeln hat man schon beim Ehekrach am Beginn gesehen und entlarvt den Musiker als Mörder.


Doch Hitchcock versteht es dessen Entdeckung hinauszuzögern und lässt die Polizei Robert und Erica, die von einem Obdachlosen bei der Enttarnung des Mörders unterstützt wird, immer näher rücken. Klassischer Suspense wird hier mit dem Wissensvorsprung des Publikums geboten, das doch fürchten muss, dass das Pärchen abgeführt wird, ehe es den Mörder entdeckt.


Mit der Entwicklung der Liebesbeziehung und der gemeinsamen Flucht kommt auch die Romantik nicht zu kurz, die souverän mit Spannung verbunden wird. Spielerisch leicht ist das inszeniert und bietet dank der blendend harmonierenden Hauptdarsteller und trefflicher Besetzung der Nebenfiguren auch über 80 Jahre nach der Uraufführung immer noch vorzügliche Unterhaltung. Selbst eine Szene, in der sichtlich eine Modelleisenbahn statt echter Züge verwendet wurde, stört nicht, sondern steigert durch das Spielerische eher noch das Amüsement.


An Sprachversionen bieten die bei Pidax Film erschienene DVD und Blu-ray die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, und sowohl die westdeutsche als auch die DDR-Synchronfassung. Die Extras umfassen neben einer Bildergalerie die gut 20-minütige, sowohl in englischer als auch in deutscher Fassung angebotene Dokumentation "The Early Years", in der anschaulich und prägnant Hitchcocks filmisches Schaffen bis zu seiner Abreise in die USA 1939 nachgezeichnet wird.


Weitgehend vergessenes Glanzstück ist aber sicher die 45-minütige TV-Sendung "Alfred Hitchcok zu Gast beim Frankfurter Stammtisch: Rezepte aus der Gruselküche" von 1966, in der Hitchcock als Gast beim Stammtisch vorwiegend auf Deutsch (!) mit Gesprächspartnern wie dem Production Designer Hein Heckroth und dem Autor Curt Riess über sein Verständnis von Film und seine filmischen Techniken erzählt.


Zur weiteren Beschäftigung mit dem "Master of Suspense" zu empfehlen das Filmbuch Hitchcock - Alle Filme und die Graphic Novel "Alfred Hitchcock - 1: Der Mann aus London"


Trailer zu "Jung und unschuldig"