• Walter Gasperi

Filmbuch: Alfred Hitchcock - 1: Der Mann aus London


Noël Simsolo und Dominique Hé zeichnen in ihrer im Splitter Verlag erschienenen Graphic Novel Alfred Hitchcocks Leben und Werk bis zur Abreise des Master of Suspense nach Hollywood im Jahre 1939 nach: Bestechend aufgebaut, rund erzählt und ebenso informativ wie unterhaltsam.


Man könnte meinen, dass es inzwischen wirklich genug Bücher über Alfred Hitchcock gibt. Gerade vor kurzem erschien ein 700-seitiger reich bebildeter Prachtband von Bernard Benoliel, Gilles Esposito, Murielle Joudet und Jean-Francois Rauger und dennoch möchte man auf diese beglückende Graphic Novel keinesfalls verzichten.


Mit Hitchcock am Schreibtisch und der Sprechblase "Mama?!" setzen der französische Autor, Regisseur und Filmhistoriker Noël Simsolo (Text) und sein Landsmann Dominique Hé (Grafik) schon im Vorspann einen Akzent, der erwarten lässt, dass hier auch – wieder einmal – in die Abgründe des Meisterregisseurs geblickt wird. Nicht weit ist der Weg von dieser Sprechblase zu Hitchcocks berühmtestem Film "Psycho", an dessen Pariser Premiere 1960 das zweite - ganzseitige - Bild erinnert, um anschließend mit einem Blick in die Kinosäle von Berlin über Tokio bis Dakar zu verdeutlichen, wie der 1899 geborene Brite mit diesem Film und der legendären Duschszene weltweit das Publikum in Angst versetzte


Mit diesem starken Einstieg haben Simsolo / Hé die Leserschaft schon am Haken und können zu einem Abendessen Alfreds und seiner Frau Alma wechseln, bei dem sich der Gourmet unzufrieden über das amerikanische Essen äußert und sich an einen Abend an der Cote d´Azur während der Dreharbeiten von "Über den Dächern von Nizza" im Jahr 1954 erinnert.


Ankerpunkt des Buchs ist dieser Abend mit Cary Grant, bei dem kurz auch Grace Kelly vorbeischaut. Profil gewinnen die beiden Hollywood-Stars nicht, sondern fungieren vor allem als Stichwortgeber, die mit Fragen und Bemerkungen Hitchcock anregen, über seine Kindheit und seinen Aufstieg zum weltberühmten Regisseur bis zur Abreise nach Hollywood zu erzählen. Seltsam ist freilich, wie dieser Rahmen gegen Ende der Graphic Novel zunehmend wegfällt und "Der Mann aus London" in dieser Rückblende endet.


Darauf dass dabei nicht alles der Realität entspricht, die Graphic Novel ein Werk der Fiktion ist und "einige der Worte und Handlungen der Figuren nur der Fantasie der Autoren entsprungen sind", wird schon in einem "Haftungsausschluss" am Beginn hingewiesen. Dem Lesevergnügen und Unterhaltungswert tut dies keinen Abbruch, nicht leicht ist es allerdings wohl auch für Hitchcock-Kenner teilweise die Grenze zwischen Fiktion und Fakt zu erkennen.


Hitchcocks Ängste und die Anekdote, dass er als kleiner Junge von seinem Vater auf eine Polizeistation geschickt wurde, dürfen so wenig fehlen wie sein prägender Katholizismus, das durch die Jesuitenschule eingeimpfte Gefühl für Schuld und Strafe sowie seine starke Mutterbindung, die freilich wieder auf "Psycho" und andere Mutterfiguren in seinen Filmen vorausweist. Großartig ist auch, wie Simsolo / Hé immer wieder den Bezug zwischen persönlichen Erfahrungen und Filmen herstellen und beispielsweise Peter Lorres - sicherlich fiktives - Geschenk von 300 Kanarienvögeln nach den Dreharbeiten von "The Man Who Knew to Much" (1934) schon den Gedanken an "Die Vögel" aufkommen lässt und wie sie Hitchcock immer wieder beim Anblick von berühmten Bauten schon an Filmszenen denken lassen – wie zum Beispiel das Empire State Building bei seiner ersten Amerikareise 1937, das er fünf Jahre später in "Saboteur" zum Schauplatz des dramatischen Finales machen sollte.


Auf der privaten Seite geht es immer wieder ums Essen, aber auch die Beziehung zu seiner Frau Alma Reville kommt nicht zu kurz. Von der ersten Begegnung über Hitchcocks zurückhaltendes Verhalten bis hin zur Hochzeit und der Geburt ihrer Tochter Patricia, bei der der Vater selbst aus Angst nicht dabei sein wollte, spannen Simsolo / Hé den Bogen und auch wohl wenig bekannte seltsame – großteils wohl von dem Duo erfundene - Scherze, die der Master of Suspense immer wieder mit Mitgliedern seines Teams trieb, werden nicht ausgespart.


Wie diese private Ebene und die berufliche Entwicklung ganz selbstverständlich und leichthändig zu einem Werk aus einem Guss zusammenfließen, ist das Beglückende an dieser Graphic Novel. So erfährt man nicht nur vom langsamen Aufstieg Hitchcocks vom Zeichner von Zwischentiteln zum Regisseur, sondern auch, wie er sich 1924 bei einem Berlin-Aufenthalt Tipps von Friedrich Wilhelm Murnau holte, die sein Interesse am visuellen Erzählen befeuerten, oder, dass er in den Clubs der deutschen Hauptstadt Studien sexueller Neigungen machte, die sein Werk prägten. Ganz selbstverständlich sieht sich der Meisterregisseur auch als Voyeur, der nicht zuletzt aufgrund seiner Körperfülle kein Interesse an Sex hat, sehr wohl aber gerne zuschaut.


Die Misserfolge werden nicht ausgespart, ausführlich werden aber vor allem die zentralen Filme vorgestellt. Bei seinem ersten Meisterwerk "The Lodger" (1927) wird nicht nur die Idee mit der Glasdecke ins Zentrum gerückt, sondern auch die Einführung des Motivs vom unschuldig Verfolgten, das sich durch Hitchcocks Werk zieht. Mit "Blackmail" (1929) setzten die Verfolgungsjagden an berühmten Orten ein, aber auch wie dieser Film als Stummfilm so gedreht wurde, dass er problemlos zum Tonfilm umgestaltet werden konnte, zeigen Simsolo / Hé auf, während anhand von "The Secret Agent" (1936) erläutert wird, wie "Suspense" funktioniert, und bestechend wird auch die spektakuläre Kamerafahrt auf die Augenpartie eines zwinkernden Schlagzeugers in "Young and Innocent" (1937) nachgezeichnet.


Entsprechend diesen frühen Filmen – und auch "Psycho" – ist die Graphic Novel konsequent schwarzweiß gehalten. Nichts lenkt hier den Blick vom Wesentlichen ab. Auf Schnicksack verzichtet Hé und schafft ebenso einfache wie klare Bilder, die prägnant an verschiedene Schauplätze von der Côte d´Azur bis ins Schweizer St. Moritz, in ein Londoner Studio oder einen Ozeandampfer versetzen.


Prägnant werden zentrale Motive wie der MacGuffin und die Cameo-Auftritte des Meisters sowie wiederkehrende Szenen, wie das Hängen über dem Abgrund, herausgearbeitet, ohne dass dabei je das Lesevergnügen gestört würde. Schon jetzt darf man sich bei dieser Graphic Novel, die durch eine Filmographie sowie eine Liste von Hitchcocks Cameo-Auftritten und seiner nicht realisierten Projekte abgerundet wird, auf den zweiten Band "Der Meister des Suspense" freuen.


Alfred Hitchcock – 1: Der Mann aus London, Graphic Novel von Noël Simsolo (Text) und Dominique Hé (Grafik), Splitter Verlag, Bielefeld 2020,. 160 S., ISBN 978-3-96219-585-4, € 24