• Walter Gasperi

James Bond 007: Keine Zeit zu sterben


Aufgrund der Corona-Pandemie läuft der 25. Bond-Film mit eineinhalb Jahren Verspätung an: Es ist nicht nur der letzte mit Daniel Craig als 007, sondern mit 163 Minuten auch der längste und sicherlich der emotionalste, bewegt sich aber über weite Strecken in den ausgetretenen Bahnen der Serie.


Nicht mit Bond startet die obligate Pre-Title-Sequenz, sondern mit einem kleinen Mädchen und ihrer Mutter in einem Blockhaus im winterlichen Norwegen. Dass ein Kind hier und auch später nochmals eine wichtige Rolle spielt, ist ein Novum in der Serie, denn Familienbeziehungen spielten bislang wohl kaum eine Rolle, verschwunden ist dagegen das klassische Bond-Girl, das wohl nicht mehr zeitgemäß ist.


Bedrohte Kinder eignen sich freilich auch bestens, um Emotionen beim Publikum zu schüren, doch das Mädchen am Beginn weiß sich gegen den Aggressor zu wehren, scheint aber letztlich doch chancenlos. Mit einem Schnitt überspringt Cary Joji Fukunaga, der sich mit dem Sozialdrama "Sin nombre" (2009) und der meisterhaften Charlotte Bronte-Verfilmung "Jane Eyre" (2011) einen Namen machte, rund 20 Jahre.


Sichtlich an den Auftritt von Ursula Andress als erstes Bond-Girl in "Dr. No" knüpft der Amerikaner an, wenn er das zur Frau herangewachsene Mädchen (Léa Seydoux) im Badeanzug aus dem Meer steigen lässt. Mit ihrem Geliebten James Bond (Daniel Craig) weilt sie in Italien und das pittoreske, in der Basilikata gelegene Matera sorgt auch gleich für eine für Bond-Filme typische attraktive Kulisse. Doch den Schönheiten der alten Stadt kann sich der britische Agent nicht widmen, denn selbst am Grab von Vesper Lynd, seiner Geliebten aus "Casino Royale" (2006), dem ersten Bond-Film mit Daniel Craig, erfolgt ein Anschlag auf ihn, der in eine spektakuläre Verfolgungsjagd mündet.


Rund 20 Minuten dauert die Pre-Title-Sequenz, bei der perfekt ein Rädchen ins andere greift, prächtige Totalen mit subjektiver Kamera wechseln, die die Zuschauer*innen ins Geschehen ziehen, und hochenergetisches Kino geboten wird. Erst dann folgen die Credits und Billie Eilish darf den Titelsong "No Time to Die" singen, der allerdings kaum das Potential zum Klassiker wie Adeles "Skyfall", Tina Turners "Golden Eye" oder Sheena Eastons "For Your Eyes Only" hat. Irritierend ist an der Titelsequenz auch die Dominanz einer Poseidonstatue mit Dreizack, denn nie stellt sich im folgenden Film ein Bezug dazu ein.


Vielmehr setzt die Handlung fünf Jahre nach dieser Eröffnung in der Karibik ein, wohin sich der inzwischen pensionierte Geheimagent zurückgezogen hat. Nicht der britische Geheimdienst MI 6 holt ihn aus dem Ruhestand, als in London eine biologische Waffe gestohlen wird, sondern sein amerikanischer CIA-Kollege Felix Leiter (Jeffrey Wright). Dass der MI 6 ihn durch eine schwarze Agentin ersetzt hat, die zudem seine Nummer 007 übernommen hat, sorgt in der Folge für originelle Eifersüchteleien, doch wirklich Profil gewinnt diese Nomi (Lashana Lynch) kaum, sondern dient vor allem als Gegenstück zu und Reibebaum für Bond.


Ins Bett steigt diese Kollegin und Konkurrentin aber so wenig mit Bond wie die CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas), die bei einem Einsatz in Kuba auch im tief ausgeschnittenen Abendkleid ihre Kampffähigkeit beweist, dann aber ziemlich sang- und klanglos aus dem Film verschwindet. Für kurze Flirts und Abenteuer ist in diesem Film kein Platz, vielmehr trauert der psychisch angeschlagene Protagonist zuerst immer noch der vor Jahren verstorbenen Vesper Lynd nach und gibt dann alles für seine neue große Geliebte Madeleine, obwohl er sie zunächst des Verrats verdächtigt, und deren kleine Tochter.


In ausgetretenen Bahnen bewegt sich "Keine Zeit zu sterben" dagegen, wenn die Jagd auf einen Superverbrecher (Rami Malik) von Kuba nach London und über Norwegen bis auf eine Insel zwischen Japan und Russland führt. Wie gewohnt werden attraktive Schauplätze präsentiert, eine überzogene Verfolgungsjagd durch die norwegische Tundra darf ebenso wenig fehlen wie der finale Showdown in der Zentrale des Superverbrechers auf der abgelegenen Insel und mit einem kurzen Auftritt des inhaftierten Blofeld (Christoph Waltz) wird ebenso wie mit Madeleine eine Brücke zum Vorgängerfilm "Spectre" geschlagen.


Mit seinem Gespür für filmisches Erzählen, mit Szenen- und Ortswechsel hält Fukunaga diese Kinomaschine zwar auch über die Überlänge von fast drei Stunden am Laufen und bietet großzügiges Kino. Andererseits werden doch weitgehend nur die Erwartungen erfüllt, die an einen Bond-Film gestellt werden, während Überraschungen weitgehend ausbleiben, wenig Originalität zu finden ist.


Und wenn man schon glaubte, dass dieses Mal auf eine Spezialwaffe Qs verzichtet wurde, erhält diese Bond nach rund zwei Stunden doch noch, zurückgenommen scheint dagegen das Product-Placement. Ganz in gewohnten Bahnen scheint sich auch schon das von viel Geballer bestimmte, rund 40-minütige Finale in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der an die großen Bauten von Ken Adam für frühere Bond-Filme erinnert, zu verlaufen, ehe der Film doch noch einen tragischen Twist nimmt, in dem die Emotionalität die Action verdrängt und auch der Weg für einen Neustart der Serie geöffnet wird.


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Trailer zu "James Bond 007: Keine Zeit zu sterben"