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  • Walter Gasperi

Guillermo del Toros Pinocchio


Sehr frei, aber mit spürbarer Liebe zu Carlo Collodis Roman erzählen Guillermo del Toro und Mark Gustafson in ihrer Netflix-Produktion die Geschichte der legendären Holzpuppe. Mehr noch als die großartige Stop-Motion-Animation begeistert der inhaltliche Reichtum, denn das Regieduo lässt in diesem großen Märchenfilm für Erwachsene die Handlung vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs und des Faschismus spielen.


Vor drei Jahren hat Matteo Garrone Carlo Collodis 1883 erschienenen Roman mit Roberto Benigni als Gepetto verfilmt. Spürbar war auch dort die Liebe zur Vorlage, doch der Film erstarrte geradezu in dieser Verehrung. Ganz anders ist der Zugang von Guillermo del Toro und des Stop-Motion-Spezialisten Mark Gustafson, der sich schon im Titel "Guillermo del Toros Pinocchio" äußert.


Spürbar ist auch in diesem Stop-Motion-Animationsfilm im warmherzigen Blick auf den Holzschnitzer Gepetto und seine Schöpfung die Liebe zur Vorlage, doch Guillermo del Toro und Mark Gustafson erlauben sich gravierende Eingriffe in die Handlung.


Ein echtes Herzensprojekt del Toros ist diese Adaption von Collodis-Roman. Schon 2008 kündigte der Mexikaner einen "Pinocchio"-Film an, schon früh war auch Mark Gustafson dabei und von Anfang an war Stop-Motion-Animation geplant, doch immer wieder verzögerte sich die Umsetzung. Erst als der Streamingdienst Netflix im Oktober 2018 sich die Rechte sicherte, ging der Film in Produktion.


Kindgemäße Musicalmomente und witzige Sidekicks wie die Grille Sebastian und der Affe Spezzatura fehlen zwar nicht, doch in erster Linie ist das ein Märchen für Erwachsene. Denn del Toro macht Collodis Roman ganz zu seinem Film, wenn er die Handlung vom 19. Jahrhundert ins Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlegt. Wie er in "Pans Labyrinth" verpackt in eine märchenhafte Geschichte auch vom spanischen Bürgerkrieg und im "Monsterfilm" "The Shape of Water" von Kaltem Krieg und amerikanischer Sowjet-Paranoia erzählte, kann er so hier vom faschistischen Italien erzählen.


Ein kluger Schachzug ist auch die Nebenfigur der Grille zum Erzähler zu machen. Sie führt in die Handlung ein und stellt Gepetto als nach dem Tod seines Sohnes Carlo gebrochenen Mann vor. Wenn anschließend retrospektiv in warmen Bildern die glückliche Vater-Sohn-Beziehung geschildert wird, ist dieses Glück immer schon vom Wissen um den baldigen Tod des Sohnes überschattet. Der Schrecken des Ersten Weltkriegs spielt dabei herein, wenn Carlo durch den Abwurf einer Bombe umkommt.


Nach Jahren der Trauer schnitzt Gepetto wütend aus einer Kiefer, die er einst mit Carlo gepflanzt hat, eine Holzpuppe, der ein Schutzengel Leben einhaucht. Wie die warmen Brauntöne der Werkstatt Gepettos und Pinocchios von diesem blauen Geistwesen kontrastiert werden, sorgt ebenso für betörende Poesie wie später die ebenfalls in kaltes Blau getauchte Unterwelt, in der Pinocchio mehrmals landet.


Ans Original halten sich del Toro und Gustafson, wenn ein Jahrmarktbesitzer Pinocchio als Attraktion für sich gewinnen will, doch gleichzeitig bringt er auch die Stimmung im faschistischen Italien ins Spiel. Da stellt er nicht nur den liebevollen Gepetto dem Bürgermeister gegenüber, der seinen Sohn nur als Schwächling und Feigling demütigt, sondern stellt mit dem faschistischen Credo "Glauben, gehorchen, kämpfen" auch die Botschaft von Collodis Buch auf den Kopf.


Statt von der Erziehung der widerspenstigen Puppe zum folgsamen Jungen zu erzählen, zeigt das Regie-Duo nämlich, wohin extremer Gehorsam führt, sodass Pinocchios Widerstand gegen Autoritäten und sein Individualismus sich als Qualität erweisen. Gleichzeitig zeigt er aber auch, wie der Bürgermeister die unsterbliche Puppe sogleich als Soldat für den Faschismus einspannen will.


Aber ebenso leichthändig wie treffend zeigen del Toro / Gustafson auch, wie Kunst und Politik zusammenhängen, wenn der Jahrmarktbesitzer seine Shows als Propaganda für den Faschismus anlegt, andererseits aber Pinocchio wiederum nicht mitspielt, sondern die Bühne nutzt, um sich über den kleinen Diktator Mussolini lustig zu machen.


Ein Wunder ist, wie bruchlos diese politischen Akzente und die Vater-Sohn-Geschichte ineinander fließen. Nicht fehlen darf freilich auch die berühmte Episode, in der der Vater und schließlich auch der Sohn im Bauch eines Wals landen. Auch dabei wird die Handlung mit dem Krieg verknüpft, wenn das Meer mit Minen übersät ist.


Und auch hier wird mit der Botschaft Collodis gebrochen, wenn Pinocchio auf Biegen und Brechen nicht nur lügen darf, sondern muss, um seinen Vater, die Grille und auch sich selbst mittels der durchs wilde Lügen endlos lang gewachsenen Holznase retten zu können.


Nicht wie in Collodis Roman zum gehorsamen Sohn entwickelt sich Pinocchio so im Laufe des Films, sondern bewahrt sich seine Individualität. Eine Wandlung macht vielmehr Gepetto durch, der Pinocchio schließlich so akzeptiert wie er ist und ihn nicht mehr ständig mit dem verstorbenen Carlo vergleicht.


Souverän schließt der Film auch den Kreis zum Anfang, wenn das Politische am Ende wieder in den Hintergrund tritt und wieder das Leben, aber auch das Sterben im Allgemeinen ins Zentrum rückt. So ziehen sich auch Kreuzmotive von einem riesigen geschnitzten Kruzifix bis zu einer Kreuzigung Pinocchios durch den Film. Doch der Tod hat am Ende keinen Stachel mehr, sondern erscheint als Teil des Lebens, denn wie der Todesengel dem unsterblichen Pinocchio erklärt, macht gerade die Sterblichkeit und die Kürze des Lebens dieses so wertvoll.


Beglückend verbinden del Toro und Gustafson so warmherzige mit abgründigen Momenten, private Geschichte mit politischem Hintergrund und gießen den inhaltlichen Reichtum in eine wunderbar detail- und einfallsreiche Inszenierung, bei der es keinen falschen Ton gibt: Ein großer, zeitloser Märchenfilm.



Guillermo del Toros Pinocchio USA / Mexiko / Frankreich 2022 Regie: Guillermo del Toro und Mark Gustafson Animationsfilm mit den Stimmen von: Gregory Mann, Ewan McGregor, Cate Blanchett, Finn Wolfhard Länge: 117 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Skino Schaan und im St. Galler Kino Scala - ab 9. Dezember auf Netflix


Trailer zu "Guillermo del Toros Pinocchio"


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