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Filmbuch: Jacques Tati – Sein Leben und seine Kunst

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • 19. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit
"Jacques Tati": David Bellos zeichnet in seiner 500-seitigen Biographie akribisch Leben und Schaffen des französischen Komikers nach.
"Jacques Tati": David Bellos zeichnet in seiner 500-seitigen Biographie akribisch Leben und Schaffen des französischen Komikers nach.

Der britische Literaturwissenschaftler David Bellos zeichnet in seiner 500-seitigen Biographie akribisch Leben und Schaffen des französischen Komikers Jacques Tati nach und spart dabei auch dessen schwierigen Charakter und dunklen Seiten nicht aus.


David Bellos, der als Professor für Romanistik, französische Literatur und Komparatistik an der Princeton University lehrte, sieht sich selbst nicht als Filmkritiker oder Filmexperte. Als Literaturwissenschaftler hat er dafür unter anderem Biographien über Georges Perec und Victor Hugo geschrieben. Schon 1999 erschien sein Buch "Jacques Tati. His Life and Art" und wurde 2024 schließlich von Angelika Arend ins Deutsche übersetzt.


Eine Fülle an Quellen studierte Bellos für diese Biographie über den genialen französischen Komiker (1907 – 1982) und führte auch ein Interview mit Tatis Tochter Sophie. Großartig fügt er dieses Material, dessen Verwendung er mit über 400 Fußnoten belegt, und seine eigenen Überlegungen und Erkenntnisse zu einer bruchlosen Darstellung, die große Lesefreude bereitet.


Von "Jour de fête" (1949) über "Les vacances de Monsieur Hulot" (1953) und "Mon Oncle" (1958) bis zu "Playtime" (1967) und "Trafic" (1971) drehte Tati zwar nur fünf lange Spielfilme, dennoch bietet diese Karriere und dieses Leben für Bellos genug Stoff, um 500 ebenso spannende wie informative Seiten zu füllen.


Akribisch zeichnet der Brite so Tatis Leben von der Herkunft seiner russisch-französischen Familie über seine wenig erfreuliche Schullaufbahn bis zu seiner Arbeit im Bilderrahmengeschäft seines Großvaters nach. 150 Seiten nimmt schon die Darstellung dieser Jugend bis zu seinen ersten pantomimischen Versuchen mit Imitationen von Sportlern, seiner schwierigen Situation während der Weltwirtschaftskrise und seinen ersten Kurzfilmen wie "Gai Dimanche" (1935), "Soigne ton gauche" (1936) und "L´école des facteurs" (1947) ein.


Detailreich arbeitet der Autor dabei heraus, wie Tatis Gags teilweise von persönlichen Erfahrungen wie dem Tennisspiel seines Vaters beeinflusst sind und wie andererseits die frühen Pantomimen in den späteren Filmen immer wieder in Variationen einflossen.


Gleichzeitig spart Bellos aber auch nicht den schwierigen bis problematischen Charakter des Franzosen aus. Sein Antisemitismus wird sichtbar, wenn er während des Zweiten Weltkriegs auf die Bestürzung einer Bekannten über die Situation der Juden erwiderte "Du bist doch keine Jüdin, was hast du denn da zu befürchten?" (S. 127) und noch deutlicher, wenn er noch 1961 auf eine Kontroverse mit zwei jüdischen Filmfinanziers mit dem Satz "Wirklich, die hätten die Gaskammern doch nicht abreißen sollen" reagierte (S. 107f.).


Ohne zu beschönigen, zeichnet Bellos Tati während der Kriegszeit als Mitläufer und Opportunisten, der auf Tournee geht und auch in Berlin auftritt. Ein dunkler Fleck in seinem privaten Leben ist aber auch sein Umgang mit seiner unehelichen Tochter. Die Vaterschaft für diese ließ er nämlich aberkennen und vermied jeden Kontakt zu ihr. Bellos aber erweist dieser 2023 verstorbenen Helga Schiel in einem Nachwort, in dem er ihr Leben nachzeichnet, seinen Respekt.


In Kontrast zu diesen markanten Schwächen, zu denen auch Arroganz und Sturheit im Umgang mit seinen Mitarbeiter:innen zählt, steht freilich Tatis künstlerische Genialität. In akribischer Schilderung bietet Bellos Einblick in die Technik seiner Gags, seine Arbeit mit dem Ton, seine Vorliebe für Totalen und seinen Verzicht auf eine echte Narration. Schlüssig wird dabei auch herausgearbeitet, wie sich die Themen Freizeit, Geschwindigkeit und Auseinandersetzung mit der modernen Welt durch alle Filme ziehen.


Immer wieder wird dabei Tatis Arbeit in die filmgeschichtlichen Hintergründe eingebettet. Die französische Filmpolitik wird so ebenso beleuchtet wie beim Blick auf die Produktion von "Jour de fête" die unterschiedlichen Farbfilmsysteme. Ausführlich widmet sich Bellos auch der Wahl der Drehorte wie des Provinzstädtchens Sainte-Sévère-sur Indre für "Jour de fête" oder des Ferienorts Saint-Marc-sur-Mer für "Les vacances de Monsieur Hulot" sowie des Baus des Sets für "Playtime".


Viel Raum nehmen aber auch die Streitigkeiten mit Produzenten, die oft schwierige und jahrelange Produktion der Filme und vor allem der finanzielle Misserfolg von "Playtime" ein, der Tati in den Bankrott stürzte. Detailreich werden aber auch der sich daran anschließende Versuch eines Comebacks und die vielen gescheiterten Pläne wie der eines letzten großen Films mit dem Titel "Confusion" geschildert.


So zeichnet Bellos in seiner voluminösen Biographie, die mit 94 Abbildungen aufgelockert und einem Literaturverzeichnis und einem Personenregister abgerundet wird, nicht nur ebenso spannend wie faktenreich Tatis Leben und Schaffen nach, sondern er zeichnet auch ein beeindruckend differenziertes Bild eines zwar genialen Künstlers, aber eben auch eines schwierigen und problematischen Menschen. Gleichzeitig wecken die ausführlichen Analysen der einzelnen Filme aber auch die Lust diese Höhepunkte der französischen Filmkomödie nochmals zu sehen. – Mehr kann ein Filmbuch kaum leisten.

 

 

David Bellos, Jacques Tati. Sein Leben und seine Kunst, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2024, 544 S., € 32, ISBN 978-3-96311-879-1

 

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