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  • AutorenbildWalter Gasperi

Filmbuch: Friedrich Wilhelm Murnau – City Girl


Der fünfte Band der Reihe "Film I Lektüren", die im Münchner Verlag edition text + kritik erscheint, widmet sich Friedrich Wilhelm Murnaus wenig bekanntem Stummfilm "City Girl". Auf 100 Seiten arbeitet der Filmwissenschaftler Julian Hanich akribisch die Spiegelung gesellschaftlicher Entwicklungen der späten 1920er Jahre im Film heraus.


Im Gegensatz zu Meisterwerken wie "Nosferatu" (192), "Der letzte Mann" (1924), "Faust" (1926) oder "Sunrise" (1927) ist "City Girl" ein weitgehend unbekannter Film Friedrich Wilhelm Murnaus. Mehr noch als ein Streit mit der Produktionsfirma Fox verhinderte wohl das Aufkommen des Tonfilms die Verbreitung dieses späten Stummfilms. Auch der Versuch "City Girl" als "part talkie" in einer um 20 Minuten gekürzten Fassung in die Kinos zu bringen, brachte keinen Erfolg.


Julian Hanich beleuchtet zunächst die Entstehungsgeschichte des auf dem Theaterstück "The Mud Turtle" von Elliott Lester, dem Vater des Regisseurs Richard Lester, beruhenden Films und arbeitet dann die stilistischen Besonderheiten heraus. Im Gegensatz zur auftrumpfenden Inszenierung in "Faust" und "Sunrise" entdeckt Hanich hier einen zurückhaltenden Stil und eine komplexe Reduktion, findet aber in der Chiaroscuro-Fotographie auch Einflüsse des Expressionismus und Momente großer filmischer Poesie.


Im Zentrum von Hanichs Analyse steht aber der Blick auf Parallelen zwischen zeitgenössischen gesellschaftlichen Strömungen und Entwicklungen sowie Filmhandlung. Mit rund 70 Seiten nimmt dieser Abschnitt auch den weitaus größten Teil des 100-seitigen Buchs ein.


Unglaublich detailreich und mit Bezugnahme auf eine Fülle wissenschaftlicher Literatur zur USA der späten 1920er Jahren arbeitet der Filmwissenschaftler so die Spiegelung der Anti-Farmer-Polemik dieser Zeit im Film heraus und beschreibt akribisch die Vaterfigur von "City Girl" als verbohrten Calvinisten, für den Arbeit und wirtschaftlicher Erfolg alles bedeutet und finanzielle Schuld mit moralischer Schuld zusammenfällt.


Genauso detailliert wie die bäuerliche Welt, die auch von Agrarspekulationen und Modernisierungen bestimmt ist, analysiert Hanich auch die Darstellung der Großstadt, die von Beschleunigung, Zeitdruck, Hektik und Einsamkeit gekennzeichnet ist.


Die Gegenüberstellung von Filmstills und "Einsamkeitsbildern" von Edward Hopper auf der einen Seite und Bildern, die die Rückbesinnung auf das bäuerliche Leben und die Provinz feiern, auf der anderen Seite belegen dabei eindrücklich, wie sehr Murnaus Film in einem künstlerisch-gesellschaftlichen Kontext steht.


Eindrücklich arbeitet Hanich dabei aber auch immer wieder heraus, wie Murnau über parallele Motive wie beispielsweise Brot und Weizen das Stadt- und Landleben verzahnt und dichotomisch arbeitet, aber kein klares Urteil fällt, sondern in beiden Bereichen Negatives findet.


Bestechend ist auch die Analyse der beiden Protagonist:innen, bei der der Domestizierung Kates die Entwicklung Lems, dessen Name Hanich mit den dem Strom folgenden Lemmingen assoziiert, vom Jungen zum Mann gegenübergestellt wird. Auch diese Aspekte bindet der Autor unter Verwendung wissenschaftlicher Literatur in damalige gesellschaftliche Entwicklungen ein, bleibt aber auch nah am Film, wenn er mit Filmstills belegt, wie der Raum Kates auf der Farm immer mehr auf das Haus eingeschränkt und ihre Freiheit eingeengt wird.


Eindrücklich wird herausgearbeitet, wie der Traum von einem paradiesischen Landleben für Kate rasch zerplatzt. Denn die Männer auf dem Land sind nicht weniger übergriffig als die in der Stadt und zudem tritt an die Stelle der finanziellen Unabhängigkeit, die der Job als Kellnerin in der Großstadt sicherte, auf dem Land völlige Abhängigkeit aufgrund der unbezahlten Hausarbeit.


Gleichzeitig zeichnet Hanich, der in Murnau keinen Befürworter dieser Entwicklungen sieht, sondern jemanden, der sie mit feinem Gespür aufzeichnet, bei Kates Geliebtem und Ehemann eine Entwicklung vom unsicheren Landei, das in der Großstadt völlig verloren ist, zum selbstbewussten Mann. Präzise zeichnet der Autor auch diese Entwicklung nach, die sich vom Visuellen (Blicke) übers Verbale (Worte) bis zum Physischen (Körper) mit dem Einschreiten gegen die übergriffigen Erntehelfer steigert. Nur gegen den Vater wagt Lem nie aufzubegehren.


So überzeugt und begeistert dieser auch gut lesbare Band der FILM I LEKTÜREN durch die unglaublich detailreiche Analyse von "City Girl" ebenso wie durch den tiefen und vielfältigen Einblick in die gesellschaftlichen Entwicklungen, die die USA am Vorabend des Großen Börsencrashs vom 24. Oktober 1929 und weit in die Zeit der Zeit der Großen Depression der 1930er Jahre hinein bestimmten.


Julian Hanich, Film | Lektüren 5: Friedrich Wilhelm Murnau: CitY GIRL. Edition text + kritik, München 2022. 101 S., € 20, ISBN 978-3-96707-735-3



Trailer zu "City Girl"



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