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  • AutorenbildWalter Gasperi

Filmbuch: Charlie Chaplin - Die Comic-Biographie


In drei Kapiteln zeichnen Laurent Seksik als Autor und David François als Illustrator in ihrer im Knesebeck Verlag erschienenen Graphic Novel Leben und Karriere Charlie Chaplins nach: Ein unterhaltsames und informatives, aber teilweise auch sehr oberflächliches Buch.


Ein Leben von 88 Jahren in einem Buch von gut 200 Seiten darzustellen, ist immer ein schwieriges Unterfangen. Wenn dieses Leben auch noch mit einem recht umfangreichen künstlerischen Werk verbunden ist, wird es noch schwieriger.


Mit der Überfahrt Charlie Chaplins (1989 – 1977) von England in die USA im Oktober 1912 lassen Laurent Seksik und David François ihre Graphic Novel beginnen. Rückblickend erzählt Chaplin auf dieser Fahrt einer geflüchteten Russin von seinen Anfängen in England und seinem Weg vom Clown zum Schauspieler am Theater.


Knapp wird der Aufstieg Chaplins in den USA nachgezeichnet, der nach dem Flop seines Theaterstücks mit dem Filmpionier Mack Sennett einsetzt, der den Engländer nach Hollywood holt. Originell, aber historisch wohl kaum korrekt ist freilich, wie er die Figur des Tramps noch vor seinem ersten Film in der Kostümabteilung des Studios entwickelt.


Den Wechsel Chaplins zu Mutual Films skizzieren Seksik / François ebenso wie Chaplins wachsendes Interesse an der Regie. Aber auch der Vorwurf der Kriegsdienstverweigerung während des Ersten Weltkriegs wird beleuchtet und ausführlich widmet sich das Buch in den 1930er und 1940er Jahren der Überwachung durch das von J. Edgar Hoover geleitete FBI.


Diese Bespitzelung und der dabei angelegte umfangreiche Akt, der den Vorwurf von Chaplins Nähe zum Kommunismus stützen sollte, führte während der McCarthy-Ära 1952 während einer England-Reise des weltberühmten Komikers und Filmemachers zu einem Verbot der Wiedereinreise in die USA.


Viel Raum nehmen auch die Ehefrauen Chaplins ein, die allerdings bis zur Karikatur negativ gezeichnet sind. Sind schon die männlichen Figuren vielfach mit langen spitzen Nasen dargestellt, so verstärkt sich das noch bei den Frauen. Sie erscheinen als geldgierige Furien, die den wohlhabenden Filmkünstler bei der Scheidung jeweils richtig ausnehmen wollen.


Detailliert entwickelt wird angesichts der Fülle von Chaplins Leben in den drei Kapiteln "Chaplin in Amerika", "Chaplin - Hollywoods Prinz" und "Chaplin gegen J. Edgar Hoover" aber kaum etwas. Markante Beispiele für diese Verkürzungen sind Chaplins Begegnungen mit Winston Churchill, Gandhi und Einstein während seiner Europareise 1931 und ein Attentat auf den japanischen Premierminister 1932, dem Chaplin nur durch Zufall entging. Wie diese Ereignisse jeweils auf zwei Seiten abgehandelt werden, so widmen Seksik / François den 20 Jahren vom Verlassen der USA 1952 bis zur Verleihung des Ehrenoscars 1972 gerade einmal zehn Seiten.


Aber im Mittelpunkt der Biographie eines großen Filmschaffenden sollten sowieso seine Filme stehen. Interessant ist hier, wie der Tod von Chaplins Sohn, der drei Tage nach seiner Geburt starb, als Inspirationsquelle für "The Kid" gedeutet wird, doch insgesamt werden der Produktion der Filme, dem Inhalt und markanten Szenen zu wenig Raum zugestanden. Da wird zwar die Entstehung des Brötchentanzes aus "Goldrush" mit einem Gespräch bei einem Essen und die Story von "City Lights" mit einer Begegnung mit einer taubblinden Obdachlosen erklärt, doch damit hat sich das dann auch schon.


Die Kenntnis der Filme wird im Grunde schon vorausgesetzt, etwas ausführlicher sind die Filmszenen zu "The Great Dictator", bei dem der berühmten Schlussrede eine Seite gewidmet wird (S. 182). Andererseits ist der Sinn der Gegenüberstellung von Chaplin und Hitler mit gleichem Geburtsjahr, schwerer Kindheit und steilem Aufstieg (S. 180) rätselhaft und ruft wohl nur Kopfschütteln hervor.


Auch hinsichtlich der graphischen Gestaltung kann man nicht wirklich von einem großen Wurf sprechen. Auffallend ist die Tendenz zum Monochromen mit einerseits in Blau- und andererseits in Brauntöne getauchten Szenen, von denen wieder Rückblicke in die Kindheit oder Filmszenen durch Schwarzweiß abgehoben sind. Die Sprechblasen sind einförmig gehalten, für visuelle Abwechslung sorgen fallweise aber Zeitungsschlagzeilen.


Insgesamt bietet "Charlie Chaplin – Die Comic-Biografie" so eine flotte und unterhaltsame Lektüre, bleibt aber auch sehr an der Oberfläche. Lohnender als ein Überblick über Chaplins gesamtes Leben wäre es wohl gewesen, sich auf einzelne Aspekte oder eine Lebensphase zu konzentrieren und diese detailliert auszuloten. Eines gelingt dieser Graphic Novel, auch wenn sie beispielsweise mit dem ersten Band von Noël Simsolos und Dominique Hés verwandtem Werk über Alfred Hitchcock nicht mithalten kann, aber auf jeden Fall: Lust auf die Filme dieses ersten Weltstars des Kinos und auch auf eine intensivere Auseinandersetzung mit seinem Leben zu wecken. - Und das ist wohl das Wichtigste.



Laurent Seksik, David François, Charlie Chaplin – Die Comic-Biografie, Knesebeck Verlag, München 2022, 224 S. € 28, 978-3957284754


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