• Walter Gasperi

Erlösungssuche in der Hölle – Die filmische Welt von Abel Ferrara


Abel Ferrara (geb. 19. 7. 1951)

Das filmische Werk weniger Regisseure ist so kompromisslos und beklemmend wie das Abel Ferraras. In die Unterwelt von New York tauchte er immer wieder ab und schickt seine Protagonisten auf eine verzweifelte Suche nach Erlösung – den wettsüchtigen namenlosen Cop in "Bad Lieutenant" (1992) ebenso wie eine Schauspielerin in "Mary" (2005) oder Clint in seinem bislang letzten Film "Siberiade" (2020). Am 19. Juli wird der gebürtige New Yorker, der seit 2005 in Rom lebt und arbeitet, 70.


Wie die Filme von Martin Scorsese sind auch die von Abel Ferrara – beide sind Italoamerikaner – vom New Yorker Stadtteil Bronx geprägt. Beide tauchen auch in ihren ersten Filmen in die Straßen dieses Viertels ein. Zu kompromisslos blieb aber Ferrara, als dass er beim großen Publikum reüssieren hätte können. Nur selten schaffen es seine Filme inzwischen in die Kinos, laufen meist nur noch auf Festivals.


Nach mehreren Amateurfilmen drehte Ferrara 1979 sein Spielfilmdebüt mit "The Driller Killer". Er selbst spielte darin einen Maler, der zusehends den Verstand verliert. Beachtung bei der internationalen Kritik fand dann "Ms. 45 – Die Freu mit der 45er Magnum" (1981), in der Ferrara eine stumme junge Frau nach einer zweifachen Vergewaltigung auf die Jagd nach den Tätern schickte. Auf Genremuster baut Ferrara bei diesen frühen Filmen immer wieder auf, näherte sich mit dem Serienkillerfilm "Fear City – Manhattan 2 Uhr nachts" (1984) auch dem Mainstreamkino und drehte auch einige Folgen der Krimiserien "Miami Vice" (1984/85) und "Crime Story" (1986).


Als wiederkehrendes Thema zieht sich durch Ferraras Filme, deren Drehbücher oft der ketzerische Katholik Nicholas St. John schrieb, die Auseinandersetzung mit Süchten. Im Zentrum von "King of New York" (1990) steht ein New Yorker Drogendealer, im Vampirfilm "The Addiction" (1994) wird eine junge Philosophiestudentin von Blutdurst infiziert und in "Bad Lieutenant" (1992) stürzt der von Harvey Keitel gespielte namenlose Cop durch seine Wett- und Drogensucht immer mehr in den Abgrund. Förmlich in den Wahnsinn treibt ihn aber die Tatsache, dass eine bestialisch vergewaltigte Nonne ihrem Täter vergibt. Furios verbindet Ferrara dabei die Handlung über Radioübertragungen mit der Finalserie in der US-Baseball-Liga, in der die New York Mets, auf die der Lieutenant Unsummen setzt, einen hohen Vorsprung gegen die L.A Dodgers noch verschenken.


Dezidiert mit Religion und Glauben setzte sich Ferrara in "Mary" (2005) auseinander. Ausgehend von den Dreharbeiten zu einem Bibelfilm spürt er bohrend der Aktualität des Evangeliums nach und erweist sich wie schon in "Bad Lieutenant" als verzweifelt Suchender. Die Zerrissenheit der Figuren wird dabei immer auch direkt durch die Form vermittelt: ungeschönt sind die Bilder, lange Einstellungen wechseln mit hektischen Schnittfolgen und grobkörnigen Videobildern.


An postmodernen ironischen Spielchen mit Genremotiven und Vorbildern ist Ferrara nie interessiert. Man spürt in der Rohheit seiner Filme und in der Inbrunst der Inszenierung, wie sehr ihm die aufgeworfenen Fragen unter den Nägeln brennen. Nirgends wird dies offensichtlicher als im schonungslos autobiographischen "Snake Eyes" (1993), in dem der wiederum von Harvey Keitel gespielte Regisseur seine künstlerische Kraft gerade aus dem Scheitern im Leben bezieht.


An die Stelle von Harvey Keitel als Alter Ego des Regisseurs trat in den letzten Jahren William Dafoe. Mit ihm in der Hauptrolle zeichnete er in "Pasolini" (2014) den letzten Tag im Leben des 1975 ermordeten italienischen Schriftstellers und Regisseurs Pier Paolo Pasolini nach, in dem man in seiner Kompromisslosigkeit und der katholischen Prägung einen Seelenverwandten Ferraras sehen kann. Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen in "Tommaso" (2018), in dem Dafoe einen alternden Filmemacher spielt, in dem man teilweise Ferrara selbst erkennen kann. Und auch beim Höllenritt in die Alpträume, Ängste und beklemmenden Erinnerungen eines in der Abgeschiedenheit lebenden und wiederum von Dafoe gespielten Mannes in "Siberiade" (2020) scheinen sich Inszenierung und reale Ängste und Traumata Ferraras zu vermischen.


Leicht zu konsumierende Feelgood-Movies sind diese letzten Filme Ferraras so wenig wie seine frühen, aber aufregendes, erschütterndes und verstörendes Kino, das in keine Schublade passt und einen Sog und eine Kraft entwickelt, die in den Bann schlagen.


Trailer zu "Bad Lieutenant"