Ein Kuchen für den Präsidenten – The President´s Cake
- Walter Gasperi

- vor 3 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Im Irak des Jahres 1991 soll eine Neunjährige anlässlich des Geburtstags von Diktator Saddam Hussein in die Schule einen Kuchen mitbringen. Doch in dem unter der Diktatur und UN-Sanktionen leidenden Land fehlt es am Nötigsten: Hasan Hadi gelang ein sich am italienischen Neorealismus orientierendes, bewegendes Langfilmdebüt, das in Cannes mit der Camera d´Or und in der Sektion Quinzaine des cinéastes mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde.
Im Italien der unmittelbaren Nachkriegszeit begründeten Filmemacher wie Vittorio De Sica mit ihrem Blick auf den entbehrungsreichen Alltag und mit Laiendarsteller:innen den Neorealismus. An Filme wie "Sciuscià" ("Schuhputzer", 1946) und "Ladri di biciclette" ("Fahrraddiebe", 1948) erinnert Hasan Hadis von Erinnerungen an seine eigene Kindheit im Marschland des Südiraks inspiriertes Langfilmdebüt. Auch dieser Film entwickelt seine Kraft durch eine im Grunde unspektakuläre, aber dicht in einen quasidokumentarisch eingefangenen Alltag eingebettete Geschichte und durch das bewegende Spiel von Laiendarsteller:innen.
Ein kurzes Insert verankert die Handlung 1991 und weist auf die Belastungen des Landes aufgrund der UN-Sanktionen nach der irakischen Besetzung Kuwaits hin. Mit einem langen Schwenk über das Marschland und die auf Stelzen gebauten Hütten wird der Schauplatz vorgestellt, ehe sich der Blick auf die neunjährige Lamia (Baneen Ahmed Nayyef) und ihre Großmutter Bibi (Waheed Thabet Khreibat) verengt.
Nichts erfährt man über Lamias Mutter, über den Vater nur beiläufig, dass er verstorben ist. Ein karges Leben führen die Großmutter, deren Gesicht von Wetter und Alter gegerbt ist, und das Mädchen, das eine gute Schülerin ist. Wie auf staatlicher Ebene aber Saddam Hussein, der mittels Porträts nahezu omnipräsent ist, Schrecken verbreitet, so führt in der Schule der Lehrer diktatorisch den Unterricht und stiehlt Lamia sogar ihren Apfel aus der Schultasche. Indoktriniert werden hier auch jeden Morgen die Liebe und Treue zum Diktator, wenn jeder Schultag mit dem Ruf "Mit unserem Blut und unseren Seelen opfern wir uns für dich, Saddam!" begonnen wird.
Durch Auslosung wird bestimmt, was jede/r Schüler:in zum bevorstehenden Geburtstag Saddams in die Schule mitbringen oder leisten muss: Der eine muss die Schule putzen, Lamias Freund Saeed (Sajad Mohamad Qasem) muss Obst mitbringen und Lamia selbst einen Kuchen backen. Da es in ihrer Hütte aber an Zutaten fehlt, bricht sie mit ihrer Großmutter und ihrem Hahn Hindi in die nächste Stadt auf. Markanten Kontrast zur Flusslandschaft stellt das dortige hektische Treiben dar.
Als Lamia aber erkennt, dass ihre alternde Großmutter in der Stadt nicht nur Zutaten für den Kuchen kaufen will, sondern auch noch eine andere Absicht verfolgt, läuft sie weg. Bald findet sie Saeed, mit dem sie auf der Suche nach Zucker, Eier, Backpulver und Mehl durch die Stadt streift, während die Großmutter sie zu finden versucht.
In Parallelmontage erzählt so Hadi. Die Suche der Großmutter, die von einem freundlichen Postboten unterstützt wird, ermöglicht ihm Einblick in die teilnahmslosen Behörden und ein völlig überlastetes und desolates Krankenhaus zu bieten, während Lamia und Saeed bei ihrem Versuch die Zutaten für den Kuchen zu kaufen, immer wieder betrogen und ausgebeutet werden. Sichtbar wird in den einzelnen Szenen aber auch, dass unter den UN-Sanktionen und dem Krieg nicht die Mächtigen, sondern vor allem die einfache Bevölkerung leidet.
Stets auf Augenhöhe mit den beiden Kindern ist Hadi, zeichnet sie als scheinbar leichte Opfer einer männlich dominierten, gewissenlosen Gesellschaft, feiert aber auch ihren Widerstandswillen und ihren Einfallsreichtum, wenn sie den Erwachsenen doch immer wieder ein Schnippchen schlagen.
Atmosphärisch dicht verankert Hadi, der an der New Yorker Tisch School of Arts studierte und auch in der US-Metropole lebt, mit den grobkörnigen und ungeschönten Bildern des rumänischen Kameramanns Tudor Vladimir Panduru die Odyssee der beiden Kinder im städtischen Alltag. Auch der weitgehende Verzicht auf künstliches Licht trägt zum realistischen und quasidokumentarischen Look des zur Gänze im Irak gedrehten Films bei.
So bedrückend dabei aber auch die materielle Lage ist, die kontrastiert wird von Umzügen zur Feier von Saddams Geburtstag, so durchzieht mit der Entschlossenheit und Chuzpe der beiden Kinder, aber auch mit Lamias steter Sorge um ihren Hahn doch auch Humor und Hoffnung "Ein Kuchen für den Präsidenten". Hadi drückt auch nicht auf die Tränendrüse, sondern erzählt nüchtern, gleichwohl sorgen die beiden großartigen Kinderdarsteller:innen Baneen Ahmed Nayyef und Sajad Mohamad Qasem dafür, dass das Schicksal von Lamia und Saeed zutiefst bewegt und nicht so schnell vergessen wird.
Noch einmal wird dabei die Fallhöhe zwischen ihrer Situation und dem Leben des Diktators, die immer wieder sichtbar wird, im Finale auf den Punkt gebracht, wenn ihre Angst bei einem Luftangriff von – freilich schon 1987 entstandenem - Archivmaterial von der Feier des 50. Geburtstags Saddams kontrastiert wird: Während sie unter der Schulbank kauern und sich verängstigt anblicken, wird andernorts eine mehrere Meter hohe Geburtstagstorte angeschnitten.
Ein Kuchen für den Präsidenten – The President´s Cake
Irak / Katar / USA 2025
Regie: Hasan Hadi
mit: Baneen Ahmed Nayyef, Waheed Thabet Khreibat, Sajad Mohamad Qasem, Rahim AlHaj
Länge: 106 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 1.4., 18 Uhr + Do 2.4., 19.30 Uhr (arab. OmU)
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mi 11.3., 20 Uhr + Mo 16.3., 18 Uhr (arab. OmU)
Leinwandlounge in der Remise Bludenz: Mi 10.6., 19 Uhr (arab. OmU)
Trailer zu "Ein Kuchen für den Präsidenten - The President´s Cake"




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