• Walter Gasperi

Diebe wie wir - Thieves Like Us


In der Depressionszeit der 1930er Jahre schlagen sich drei Gangster in den Südstaaten der USA mit Banküberfällen durch. – Robert Altmans das Genre entmystifizierender Gangsterfilm ist bei explosive media (Vertrieb: Koch Films) auf DVD und Blu-ray erschienen.


In den frühen 1970er Jahren arbeitete sich Robert Altman, der zu den zentralen Vertretern des New Hollywood gehört, am klassischen Genrekino ab. Mit "McCabe & Mrs. Miller" (1971) entmystifizierte er den Western und zeichnete ein ungeschönt-realistisches Bild einer Westernstadt und der Eroberung des Westens, in der Raymond Chandler-Verfilmung "The Long Goodbye" (1973) dekonstruierte er den Detektivfilm und in "California Split" (1974) den Spielerfilm.


Der Bezug mehr zum klassischen Film noir als zum Gangsterfilm ist bei dem während der Zeit der großen Depression der 1930er Jahre spielenden "Diebe wir wir" (1974) schon dadurch gegeben, dass es sich dabei um ein Remake von Nicholas Rays 1948 entstandenem "They Live by Night" handelt. Der Düsternis des Film noir stehen bei Altman aber lichtdurchflutete, sommerliche Bilder eines ländlichen Mississippi gegenüber.


Mit einem endlos langen Schwenk (Kamera: Jean Boffety) über eine weite Wiesenlandschaft lässt Altman seinen achten Spielfilm beginnen. Sieht man zuerst Häftlinge auf einer Draisine, so kommen bald zwei Fischer in einem Kanu ins Bild und schließlich im Hintergrund ein sich nähernder Wagen. Rasch entpuppen sich die beiden Fischer als Sträflinge. Mit Hilfe ihres schon zuvor geflohenen Kumpels Bowie (Keith Carradine) gelingt ihnen mit dem Wagen die Flucht.


Weil das Trio sonst nichts gelernt hat, wird es in der Folge Banken überfallen. Unterschlupf werden sie immer wieder bei Verwandten und Bekannten finden und Bowie wird sich in die schüchterne Keechie (Shelley Duvall) verlieben.


Aber nicht Planung und Durchführung der Überfälle stehen im Zentrum des Films, sondern vielmehr der Alltag dazwischen und die Sehnsucht nach einem ganz gewöhnlichen kleinbürgerlichen Leben auf dem Land. Weder baut Altman das Bild von heldenhaften Outlaws auf noch das von brutalen Gangstern, vielmehr zeichnet er das Trio als Menschen, die in diesen bedrückenden Zeiten sich irgendwie durchschlagen wollen.


Während T-Dup (Bert Remsen) feststellt "Ich hätte als Teenager auch Arzt oder Jurist werden können, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen", erklärt der jüngere Bowie "Ich habe nie etwas anderes gelernt als Banken zu überfallen". Moralische Bedenken haben sie bei ihren Überfällen keine, denn sie klauen ihrer Meinung ja nur das Geld den Banken, die es zuvor der Bevölkerung abgenommen haben: Die Banken sind für sie Diebe wie wir.


Großartig fängt die Kamera von Jean Boffety die Landschaft ein und beschwört mit blassen Farben und tristen Settings die Stimmung der Depressionszeit. Verdichtet wird diese durch das omnipräsente Radio, das in den 1930er Jahren das wichtigste Massenmedium war. Wie mit Hörspielen über Gangster die Überfälle kommentiert werden, so kommentiert eine Sendung über "Romeo und Julia" die Liebesbeziehung von Bowie und Keechie. Sichtbar wird dabei freilich auch die Fallhöhe zwischen der romantischen Inszenierung und der unglamourösen Realität.


Dazu kommen im Radio Nachrichten über ihre Überfälle, aber auch eine Ansprache Roosevelts vom neuen Aufbruch Amerikas bis hin zu einer Predigt, in der am Ende die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und eine Rückbesinnung auf die Werte der Gründungszeit der USA beschworen wird. Auch diese Predigt korrespondiert mit einem Aufbruch Keechies und einem Neubeginn. Offen bleibt freilich, ob sich damit etwas bessern wird.


Meisterhaft versteht es Altman, der beim Fernsehen mit Regiearbeiten unter anderem für Folgen der Westernserie "Bonanza" angefangen hat, sich der Muster des Genrekinos zu bedienen, es aber zu dekonstruieren. Aufbauend auf dem Gangsterplot wird "Diebe wir wir" so zu einem kritischen Bild der USA der 1930er Jahre. Nichts bleibt hier vom amerikanischen Traum und die Behörden agieren im finalen Angriff, der an das Ende von "Bonnie und Clyde" erinnert, nicht weniger brutal als die Gangster: Gewalt erscheint als Grundkonstante der US-Geschichte und Gesellschaft. - Fern ist dagegen jeder Traum von Karriere, Reichtum und Glück.


An Sprachversionen bieten die bei explosive media (Vertrieb: Koch Films) erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben dem englischen Kinotrailer sowie Trailer zu weiteren Titeln dieses Labels einen – allerdings nur englischen – Audiokommentar von Robert Altman.


Trailer zu "Diebe wie wir - Thieves Like Us"