• Walter Gasperi

Die Wilby Verschwörung


Ein schwarzer Aktivist und ein weißer britischer Bergbauingenieur auf der Flucht vor der Staatssicherheit des südafrikanischen Apartheid-Regimes. – Ralph Nelsons mit Sidney Poitier und Michael Caine stark besetzter Mix aus Road-Movie und Polit-Thriller, der 1975 als einer der ersten US-Filme schonungslos die rassistische südafrikanische Politik angriff, ist bei Explosive Media (Vertrieb: Koch Films) auf DVD und Blu-ray erscheinen.


Rassendiskriminierung ist ein zentrales Thema im Werk des amerikanischen Regisseurs Ralph Nelson (1916 – 1987). Humorvoll und sanft erzählte er davon in "Lilien auf dem Felde" (1962), in dem aus der DDR nach Arizona geflüchtete Nonnen einen schwarzen Gelegenheitsarbeiter aufnehmen, härter im Western "Duell in Diablo" (1965).


Als einer der ersten kritisierte er im - wiederum harten - Western "Das Wiegenlied vom Totschlag" 1970 auch den Völkermord an den Indianern und gleichzeitig verdeckt amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam wie das Massaker von My Lai. Fünf Jahre später schilderte er mit seiner Verfilmung von Peter Driscolls 1972 erschienenem Roman "Die Wilby Verschwörung" wiederum als einer der ersten in einem US-Film die Brutalität des südafrikanischen Apartheid-Regimes.


Nelson fackelt nicht lange, versetzt den Zuschauer mitten in eine Gerichtsverhandlung, bei der die Anwältin (Prunella Gee) für die Freilassung des seit Jahren auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island inhaftierten schwarzen Aktivisten Shack (Sidney Poitier) plädiert. Überraschend stimmt auch der Staatsanwalt ihrer Argumentation zu, dass diese Haft gegen die Menschenrechte verstoße, und Shack wird umgehend freigelassen.


Gemeinsam wollen die Anwältin, der mit ihr befreundete britische Bergbauingenieur Jim (Michael Caine) und Shack den Erfolg feiern. Doch schon bei der Fahrt in ihr Büro gerät das Trio in eine Polizeikontrolle. Nicht nur das schikanöse und brutale Vorgehen der weißen Beamten unterscheidet sich dabei in nichts vom Verhalten von US-Polizisten gegenüber Afroamerikanern, wie es beispielsweise in "Queen & Slim" geschildert wird, sondern auch die daraus resultierende Eskalation der Situation, die Jim und Shack schließlich zwingt, in Notwehr zurückschlagen und zu flüchten.


Die Flucht des Duos wiederum erinnert, auch wenn Jim kein Rassist ist, aber auch nicht entschieden für den Afrikaner Partei ergreift, an Stanley Kramers Klassiker "Flucht in Ketten". Wie dort ein weißer Rassist (Tony Curtis) und ein Afroamerikaner (Sidney Poitier) als ungleiche Kettensträflinge flüchten und zusammenarbeiten müssen, so sind auch hier Jim und Shack aufeinander angewiesen.


Von Kapstadt ins 900 Meilen entfernte Johannesburg soll Jim Shack bringen. In Details und kleinen Szenen bietet Nelson auf dieser Reise – gedreht wurde großteils in Kenia – immer wieder Einblick in den Terror des südafrikanischen Regimes. Personifiziert wird dieser durch zwei Beamten der Staatssicherheit (South African Bureau for State Security), die bald die Anwältin brutal verhören, einen Helfer der Flüchtlinge ermorden und deren Auto mit einem Peilsender versehen, um ständig Zugriff zu haben.


Aber auch die Erwähnung Shacks von Folter mit Elektroschock während der Haft und die gezielt engen Handschellen, die sich ins Fleisch schneiden sollen, weiten das Bild des brutalen Regimes und der Ohnmacht und Ausgeliefertheit der schwarzen Bevölkerung.


In Johannesburg wiederum wird überzeugend das Bild einer multikulturellen Stadt gezeichnet, in der neben Weißen und Schwarzen auch die indische Community eine wichtige Rolle spielt. Die Verfolger lassen sich aber auch hier nicht abschütteln, versuchen Jim zur Kooperation zu zwingen, bis es an der Grenze zu Botswana zum großen Finale kommt und auch Hintergründe aufgedeckt werden.


Geschickt versteht es Nelson die entschiedene Kritik am rassistischen System in spannendes Genrekino zu verpacken. Filmische Feinheiten werden zwar nicht geboten, aber die solide Inszenierung, das überzeugende Zusammenspiel von Sidney Poitier und Michael Caine und Nicol Williamson als eiskalter und zynischer Major der Staatssicherheit sowie das humanistische Engagement machen diesen selten zu sehenden und wenig bekannten Film auch fast 50 Jahre nach seiner Uraufführung sehenswert.


An Sprachversionen bieten die bei Explosive Media (Vertrieb: Koch Films) erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras beschränken sich auf den Kinotrailer und eine Bildergalerie sowie Trailer zu weiteren Titeln dieses Labels.


Trailer zu "Die Wilby Verschwörung"