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  • AutorenbildWalter Gasperi

Die stillen Trabanten


Thomas Stuber verdichtet drei Erzählungen von Clemens Meyer über Begegnungen in der Nacht zu einem lakonisch-poetischen Wunderwerk über Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe. – Bei Zorro Medien ist das von einem herausragenden Ensemble getragene Juwel auf DVD erschienen.


Schon fast tragisch ist, wie ein so stiller und beglückender Film wie Thomas Stubers "Die stillen Trabanten" im lauten Kinogeschäft kaum eine Chance hat. So unspektakulär ist, was der 42-jährige Leipziger erzählt, dass sich außerhalb von Deutschland kein Verleiher gewagt hat, diesen Film in die Kinos zu bringen. Wie schon bei Hans-Christian Schmids "Wir sind dann wohl die Angehörigen" zeigt sich so ein weiteres Mal, dass es nicht zu wenig großartige Filme gibt, dass aber das Problem ist, dass ihnen die Sichtbarkeit verweigert wird.


Nach seinem Debüt "Herbert" und der meisterhaften Tragikomödie "In den Gängen" hat Stuber ein weiteres Mal mit dem mit ihm befreundeten Schriftsteller Clemens Meyer zusammengearbeitet. Drei Kurzgeschichten aus dem 2017 erschienenen Erzählband "Die stillen Trabanten" haben sie gemeinsam für die Leinwand adaptiert und zu einem schwebend leichten, von Melancholie durchzogenen und doch auch Hoffnung ausstrahlenden leisen Nachtfilm verwoben.


Vorangestellt ist ein Prolog, in dem eine Gruppe von Straßenarbeitern auf eine Familie von Flüchtlingen stößt, die den Tod eines Mädchens betrauert, das offensichtlich eine giftige Pflanze gegessen hat. Es ist eine kurze Szene und doch entwickelt sie schon eine Präsenz und Intensität, die packt.


Zu verdanken ist das Stubers lakonischer Erzählweise ebenso wie der atmosphärisch dichten Verankerung im Schauplatz, am genauen Blick für die Menschen, den Raum und das Geschehen und der enormen Präsenz von Stubers Stammschauspieler Peter Kurth.


Neu setzt der Film nach diesem Einstieg mit drei parallel erzählten Geschichten von nächtlichen Begegnungen ein. Kurth kommt nur noch in einer kurzen Szene vor, doch was er hier erzählt, macht klar, dass inzwischen mehrere Jahre vergangen sein müssen.


In einer Bahnhofskneipe trifft die Reinigungskraft Christa (Martina Gedeck) die Friseurin Birgitt (Nastassja Kinski), der Wachmann Erik (Charly Hübner) entdeckt bei seinen Rundgängen um ein Ausländerwohnheim auf einem Spielplatz die junge, aus der Ukraine geflohene Marika (Irina Starshenbaum) und der Imbissbesitzer Jens (Albrecht Schuch) verliebt sich bei nächtlichen Zigaretten auf dem Balkon eines Plattenbaus in seine zum Islam konvertierte, psychisch sehr labile Nachbarin Aisha (Lilith Stangenberg), die mit ihrem Freund Hamed (Adel Bencherif) zusammenlebt.


Scheinbar kleine Leute sind das, weit abseits der konventionellen Figuren deutscher Film- und Fernsehproduktionen. Aber nah am Leben sind diese Charaktere. Um sie bauen Stuber / Meyer auch keine dramatischen Geschichten auf, sondern bleiben im Alltäglichen und entwickeln aus dem Bedrückenden eine beglückende Poesie.


Im genauen Blick auf ihre Protagonist:innen, im Raum, den sie Gesten, Blicken und Berührungen lassen, machen sie deren Verlorenheit ebenso wie deren Sehnsucht nach Nähe spürbar. Genau kennen die beiden Leipziger auch das Milieu, verankern ihren Film in und um den nächtlichen Hauptbahnhof.


Mehr als nur ein Hauch der Stimmung der Gemälde von Edward Hopper weht in den Blicken auf die Theke der Bahnhofskneipe, den Imbiss von Jens oder in den Totalen der leeren Bahnhofshalle, durch die Christa geht, durch diesen Film, doch nie wird das zum prätentiösen Zitat. Ganz unaufdringlich, aber intensiv beschwört die Kamera von Peter Matjasko in diesen Szenen, aber auch im Blick auf den nächtlichen Spielplatz, auf dem die Ukrainerin Marika schaukelt, oder den Zigaretten-Begegnungen auf dem Balkon eine tiefmelancholische Stimmung der Einsamkeit.


Wirklich verzahnen muss Stuber die Geschichten nicht, verbindet sie bestenfalls mit einem einfachen Schwenk vom Balkon zum Bahnhof, während gleichzeitig die Blicke auf die erleuchteten Hochhausfenster, die für Jens die stillen Trabanten sind, die Ahnung verbreiten, dass sich hinter diesen Wänden zahllose ähnliche Geschichten abspielen. Ganz selbstverständlich fließen in die Gegenwartshandlung auch Erinnerungen ein oder bei einem Tanz in einer zerfallenen russischen Kaserne erwacht das Leben im einstigen Kasernen-Casino neu.


Großartig trägt dabei auch die Konzentration auf die Nacht zur melancholischen Stimmung bei, denn verstärkt wird durch die Abwesenheit des hektischen Alltags die Atmosphäre der Einsamkeit. Gleichzeitig verbreiten Stuber / Meyer in diesem unglaublich zarten und empathischen Film aber auch Hoffnung, wenn sie allen drei Paaren einen Moment des Glücks gönnen.


Getragen wird dieser betörende Film aber von einem großartigen Ensemble. Da überzeugt Albrecht Schuch ebenso als Imbissbesitzer wie Lilith Stangenberg als junge Frau, die im Islam Halt sucht und scheinbar gefunden hat, oder Charly Hübner als einsamer Wachmann und Martina Gedeck als Reinigungskraft, die die Zurechtweisungen ihrer Vorgesetzten zermürben.


Ein Glücksfall ist aber vor allem die Besetzung der Friseurin Birgitt mit Nastassja Kinski. Nur selten sah man die einst gefeierte Schauspielerin in den letzten Jahren auf der Leinwand. Hier aber kann sie wiederum ihr ganzes Können zeigen und weckt in Gesten, Blicken und ihrem Tonfall unweigerlich Erinnerungen an die legendäre Peepshow-Szene in Wim Wenders´ "Paris, Texas".


An Sprachversionen bietet die bei Zorro Medien erschienene DVD die deutsche Originalfassung, zu der Untertitel für Hörgeschädigte zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Hörspielfassung. Die Extras beinhalten neben einer Trailershow zu weiteren Titeln dieses Labels jeweils rund fünfminütige Interviews mit allen Hauptdarsteller:innen sowie mit Regisseur Thomas Stuber.


Trailer zu "Die stillen Trabanten"


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