• Walter Gasperi

Filmbuch: Wim Wenders - PARIS, TEXAS


Der Münchner Verlag edition text + kritik startet mit „Film | Lektüren“ eine neue Reihe, in der pro Jahr ein bis zwei Bände erscheinen sollen. Auf rund 100 Seiten soll dabei jeweils ein Film vorgestellt werden. Den Anfang macht Wim Wenders´ „Paris, Texas“, den Jörn Glasenapp detailliert analysiert.


Glasenapp, der auch Herausgeber der Reihe ist, nähert sich über das Gesamtwerk von Wenders dem 1984 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Meisterwerk. Wie schon im ebenfalls bei edition text + kritik erschienenen Band „Film-Konzepte“ zu Wenders untersucht der Autor auch hier das Spannungsfeld von Geschichtenverweigerer und Geschichtenerzähler, in dem sich Wenders bewegt, blickt auf das Amerika-Bild des deutschen Regisseurs und dessen Veränderung im Laufe seiner Karriere sowie die Bedeutung seines Fotobandes „Written on the West“ für seine Entwicklung als Regisseur.


In drei - entsprechend den Schauplätzen des Films - „Die Wüste“, „Los Angeles“ und „Houston“ überschriebenen Kapiteln analysiert Glasenapp anschließend „Paris, Texas“. Das Genre des Roadmovie und dessen Veränderungen im Lauf der Zeit nimmt der Autor dabei ebenso unter die Lupe wie Nastassja Kinskis Verkörperung Janes als Kindfrau, Mutter und Hure.


Der Schwerpunkt liegt aber auf dem Protagonisten Travis, den Glasenapp psychoanalytisch untersucht und als altes, der Sprache zunächst nicht mächtiges Kind schildert, dessen Verhalten gegenüber seiner Frau Jane durch seine schwierige Beziehung zu seinen Eltern geprägt ist.


Die ausführliche Filmbeschreibung besticht mit einer Fülle an Details und präzisen Beobachtungen, scheint aber manchmal auch übers Ziel zu schießen und mehr hinein zu interpretieren als herauszulesen. Ob beispielsweise Wenders und Drehbuchautor Sam Shepard das Betanken des Mietwagens von Travis´ Bruder wirklich als Metapher fürs sexuelle Penetrieren anlegten, erscheint doch zweifelhaft.


Auffallend stark arbeitet der Autor auch die Rolle von Drehbuchautor Sam Shepard heraus und stellt immer wieder Bezüge zu dessen Gesamtwerk her, untersucht aber auch den Einfluss von William Faulkners „Light in August“, von dem ein Exemplar in Janes Wagen liegt.


Immer wieder stellt Glasenapp dabei auch Bezüge zu Wenders anderen Spielfilmen her und lässt seine reiche und profunde Analyse folglich auch in ein Kapitel über „Don´t Come Knocking“, der sich nach Meinung des Autors zusammen mit „Paris, Texas“ als Wenders´ und Shepards „Dilogie des Westens“ bezeichnen ließe, münden.


Auf jeden Fall macht dieser zwar nicht ausladend, aber ansprechend farbig bebilderte Band Lust auf mehr und lässt gespannt darauf warten, welcher Film als nächstes in diesen „Film | Lektüren“ vorgestellt wird.


Jörn, Glasenapp (Hg.), Film | Lektüren 1: Wim Wenders: PARIS, TEXAS. Edition text + kritik, München 2019. 116 S., € 20