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  • AutorenbildWalter Gasperi

Diagonale ´23: Meernixenträume und quälende Erinnerungen

Aktualisiert: 26. März 2023


So unterschiedlich Franziska Pflaums buntes und lebensfrohes Spielfilmdebüt "Mermaids Don´t Cry" und Ludwig Wüsts minimalistischer Spielfilm "I Am Here" auch sein mögen, so verbindet sie doch die Selbstfindung der Protagonist:innen durch den Ausbruch aus selbst geschaffenen Gefängnissen. – Zwei starke Beispiele für die Vitalität und Vielfalt des österreichischen Spielfilms.


Die pinken Haare der von Stefanie Reinsperger mit Leidenschaft gespielten Supermarktkassierin Annika geben schon den Erzählton von Franziska Pflaums Tragikomödie "Mermaids Don´t Cry" vor. In seinen knalligen Farben verbreitet dieses Spielfilmdebüt Lebensfreude und Vitalität, auch wenn der Alltag in einer Wiener Wohnanlage und der Job im Supermarkt kaum Anlass zu Glücksgefühlen bietet.


Wirklich befreit wirkt Annika nur, wenn sie im Schwimmbad mit ihrer Meernixenflosse in eine märchenhafte und bunte Meereswelt abtaucht, doch gleichzeitig verweist das enge Becken auch auf ihr inneres Gefängnis. Sind schon ihre finanziellen Verhältnisse ziemlich prekär, so wird sie auch noch von ihrer Umwelt ausgenutzt. Denn einerseits zieht ihr Vater, der vorgibt behindert und auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, in ihrer kleinen Wohnung ein, andererseits gibt ihre Kollegin und Freundin Karo ihre beiden Kinder am liebsten bei Annika ab, um sich mit einem ihrer rasch wechselnden Lover zu vergnügen.


Dazu kommt auch noch eine esoterische Chefin, die zwar jeden Arbeitstag mit ihren Mitarbeiter:innen mit Entspannungsübungen beginnt, gleichzeitig aber auch Entlassungen androht oder sogar vornimmt. Nicht genug damit, reißt auch noch Annikas Meernixenflosse, sodass sie eine neue kaufen muss.


Bald findet sie zwar ein passendes Stück im Internet, doch kostet dieses beachtliche 2500 Euro. Ihr ganzes Streben richtet sich so auf Beschaffung dieses Geldes, doch wird sie schließlich erkennen, dass sie das Glück nicht im Meerjungfrauentraum, sondern vielmehr in der Befreiung aus allen Zwängen und der Ausbeutung durch ihre Umwelt findet. - An die Stelle des Schwimmbeckens tritt so am Ende auch das weite Meer.


Leichthändig wahrt Franziska Pflaum die Balance zwischen Ernst und Witz, zwischen Realismus und Märchenwelt, verankert die Handlung atmosphärisch dicht in einem stimmig eingefangenen, alltäglichen Setting Setting und punktet auch mit ebenso knapper wie markanter Figurenzeichnung. Vertrauen kann sie dabei auch auf ein lustvoll aufspielendes Ensemble. Da brillieren eben nicht nur Stefanie Reinsperger als Annika und Julia Franz Richter als ihre Freundin Karo, sondern auch alle Nebenrollen sind trefflich besetzt und tragen wesentlich zum Vergnügen bei, das diese Tragikomödie bereitet.


Gegenpol zu diesem tempo- und ereignisreichen Debüt bildet "I Am Here", mit dem sich Ludwig Wüst ein weiteres Mal als österreichischer Meister des Slow Cinema erweist. Zwei Menschen und ein Waldspaziergang reichen Wüst aus, um ein ebenso minimalistisches wie intensives Drama über quälende Erinnerungen und die Suche nach Lebensglück zu entwickeln.


In langen, ruhigen Einstellungen folgt Wüst seinen von Martina Spitzer und Markus Schramm famos gespielten gut 50-jährigen Protagonisten. Im gleichen Dorf sind aufgewachsen, kennen sich seit Kindertagen, haben sich aber seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Während sie nun wieder gemeinsam durch den Wald spazieren, erzählt die Frau bald vom Tod ihrer Mutter, die sie in ihren letzten Lebensmonaten immer wieder im Pflegeheim besuchte, und der Mann von Vater und Mutter sowie von einer Beziehung zu einer Prostituierten.


So wie der Mann im Wald mit einer Schaufel ein Loch gräbt, werden hier zunächst Erinnerungen ausgegraben, später werden diese Erinnerungen mit alten Fotos auf einem abgeernteten Feld aber auch verbrannt und begraben. Eine Befreiung und ein Neubeginn scheint erst mit der Aufarbeitung dieser Vergangenheit möglich und so wechselt der Film am Ende auch abrupt nach Ägypten und endet mit der Betonung der Gegenwärtigkeit, wenn die Hand des Mannes auf ein Blatt "I Am Here" schreibt.


In seinem Verzicht auf jeden klassischen Handlungsaufbau und der Beschränkung auf zwei Figuren steht "I Am Here" in Opposition zum konventionellen Kino. Doch in den langen ruhigen Naturbildern, in der Stille, der Wüst Raum lässt, und in den intensiven Erzählungen von Spitzer und Schramm, die so authentisch wirken, dass sie berühren, entwickelt dieser auf analogem 16-mm Material gedrehte Film, sofern man sich auf seinen langsamen Erzählrhythmus einlässt, große Schönheit und Intensität.


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