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Diagonale ´26: Problematisches Aktivisten-Porträt, konstruiertes Familiendrama

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 5 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
Diagonale ´26: "Meeting Götz" von Gregor Centner und Birgit Bergmann, "Our Girls" von Mike van Diem
Diagonale ´26: "Meeting Götz" von Gregor Centner und Birgit Bergmann, "Our Girls" von Mike van Diem

Der niederländische Oscar-Preisträger Mike van Diem präsentiert bei der heurigen Diagonale mit "Our Girls" ein dicht inszeniertes, aber auch sehr konstruiertes Familiendrama. Gregor Centner und Birgit Bergmann porträtieren dagegen im Dokumentarfilm "Meeting Götz" spannend, aber auch zwiespältig den rechtsextremen Autor, Verleger und Aktivisten Götz Kubitschek.


Gregor Centner kennt Götz Kubitschek aus seiner Jugendzeit. Etwas älter ist Kubitschek zwar, doch sie besuchten zur gleichen Zeit, wenn auch in unterschiedlichen Klassen das Spohn-Gymnasium in Ravensburg. Während sich Centner im Film explizit als linksliberal definiert, ist Kubitschek einer der zentralen Akteure der Neuen Rechten in Deutschland.


In seinem gemeinsam mit Birgit Bergmann gedrehten Dokumentarfilm möchte Centner der Frage nachspüren, wie es zu dieser unterschiedlichen politischen Entwicklung kommen konnte. Trotz der ihm durchaus bewussten Bedenken, mit Rechtsextremen den Dialog zu suchen, entschied er sich dennoch für dieses Filmprojekt, das sich über sechs Jahre hinzog.


Centner dokumentiert, wie er zunächst mittels analogen Mini-Audiokassetten den Kontakt mit Kubitschek sucht, ihn bezüglich Mitarbeit an einem Film befragt, ehe es zum persönlichen Kontakt kommt. Gemeinsam besuchen sie die Wohngegend ihrer Jugend und sitzen vor dem Gymnasium, aber auch auf einer politischen Veranstaltung, bei einer Demonstration, in seinen 2024 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" eingestuften Antaios Verlag und in seine neue Heimat in Schnellroda in Sachsen-Anhalt begleitet der Filmemacher den Autor, Verleger und Aktivisten mit der Kamera.


Centner bleibt im Hintergrund, überlässt Kubitschek die Bühne, der sich als wortgewandter und sanfter Mensch präsentiert. Zwar fragt der Filmemacher zum Verständnis des Gegenübers von Nationalität und Flüchtlingen nach, nimmt aber nie eine entschiedene Gegenposition ein. Eine große Bühne für den Rechtsextremisten bietet der unaufgeregte Dokumentarfilm so und korrigiert dieses positive Bild einzig durch immer wieder eingeblendete und vorgelesene Passagen aus den Schriften des Porträtierten, in denen seine Ideologie zum Ausdruck kommt.


Gleichermaßen spannend wie zwiespältig ist "Meeting Götz", bei dem schon der Titel durch den Vornamen statt des Nachnamens ein Naheverhältnis herstellt, in seinem unvoreingenommenen Blick. Einerseits vermeiden Centner / Baumann nämlich eine plumpe Dämonisierung, andererseits gibt es doch zu wenig Gegengewicht zur großen Selbstinszenierung Kubitscheks, da seine Präsenz im Bild doch wesentlich stärker haften bleibt als die bildlosen Textinserts.


Keine Rolle spielt Politik in Mike van Diems Familiendrama "Our Girls". 1998 gewann der Niederländer mit "Karakter" den Oscar für den Besten fremdsprachigen Film und handwerklich souverän ist auch sein in Tirol spielender neuer Film inszeniert.

Ausgiebig muss aufgrund von Förderung durch Cine Tirol selbstverständlich die prächtige Tiroler Berglandschaft ins Bild gerückt werden, wenn sich zwei niederländische Ehepaare mit ihren beiden kleinen Töchter bei einem Urlaub kennenlernen, bald ein Ferienhaus kaufen und jährlich gemeinsam in die österreichischen Alpen fahren.


Die Töchter sind aber inzwischen im Teenageralter. Sie gehen lieber ihre eigenen Wege und rauschen mit einem einheimischen Jungen mit einem Quad durch die Gegend, bis es zu einem schweren Unfall kommt. Die Folgen fordern die Eltern nicht nur, sondern führen zunehmend auch zu Rissen nicht nur in der Freundschaft, sondern auch innerhalb der Ehen.


An der Oberfläche ist an diesem Film kaum etwas zu kritisieren. Dicht wird die Handlung entwickelt, das Ensemble spielt überzeugend, wenn auch nicht herausragend, doch trotz Tiroler Bergwelt stellt sich in den aufgeräumten Bildern keine Atmosphäre ein, sondern postkartenhaft wirkt die Landschaft. Vor allem aber ist die Konstruktion des Drehbuchs von Anfang an spürbar.


Fraglos sind Drehbücher immer Konstruktion, doch unterscheidet sich eben ein gutes Drehbuch von einem schlechten durch seine Glaubwürdigkeit. In "Our Girls" wird aber diese Glaubwürdigkeit nicht nur durch die sehr schematisch auf Gegensätze angelegte Figurenzeichnung strapaziert, sondern vor allem durch die zunehmend hanebüchenen Wendungen, mit der diese am Reißbrett entworfene Kinomaschine am Laufen gehalten werden soll.

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