top of page
  • AutorenbildWalter Gasperi

Der erste Tag meines Lebens - Il primo giorno della mia vita


Ein engelhafter Mann bewahrt vier Menschen vor dem Selbstmord, lässt sie sich an ihr vergangenes Leben erinnern und bietet ihnen auch Einblick in ihr mögliches zukünftiges Leben: Frank Capras Weihnachtsklassiker "It´s a Wonderful Life" lässt grüßen, aber Paolo Genovese bringt auch ein paar neue Aspekte ins Spiel.


Mit "Perfetti Sconosciuti" ("Perfect Strangers") gelang Paolo Genevese 2016 ein Überraschungserfolg, der nicht nur in über 80 Länder verkauft wurde, sondern der in nur sechs Jahren auch 20 ausländische Neuverfilmungen nach sich zog. Mit der Idee eines Abendessens, bei dem alle Gäste ihre Smartphones offenlegen, hat der 1966 geborene Römer wohl perfekt den Zeitgeist getroffen. Bei der nunmehrigen Verfilmung seines eigenen, 2018 erschienenen zweiten Romans "Il primo giorno della mia vita" orientiert er sich dagegen unübersehbar an einem Klassiker der Filmgeschichte.


Denn wie in Frank Capras "It´s a Wonderful Life" (1946) ein etwas unbeholfener Engel dem schwer suizidgefährdeten James Stewart am Weihnachtsabend zeigen muss, welchen Wert sein bisheriges Leben für seine Familie und seine Bekannten hat und wie anders deren Leben ohne ihn aussehen würde, so greift hier ein namenlos bleibender, nur "Uomo – Mann" bezeichneter, engelhafter Mann (Toni Servillo) in einer Regennacht ein, als vier Römer:innen unmittelbar vor ihrem Selbstmord stehen.


Die querschnittgelähmt im Rollstuhl sitzende ehemalige Spitzenturnerin Emilia (Sara Serraiocco), die nicht nur unter ihrer körperlichen Beeinträchtigung leidet, sondern auch darunter, dass sie immer "nur" Zweite wurde, und der am Leben verzweifelnde Motivations-Coach Napoleone (Valerio Mastandrea) hat der mysteriöse Mann schon in seinen alten Volvo-Kombi geholt. Jetzt greift er auch noch ein, als sich die Polizistin Arianna (Margherita Buy) mit ihrer Dienstwaffe das Leben nehmen will.


Im Hotel, das mit dem Namen "Columbia" Assoziationen an eine Taube und damit neben dem Engel an ein weiteres religiöses Motiv weckt, wartet schon der schwer übergewichtige 12-jährige Daniele (Gabriele Cristini), den nicht nur Mobbing in der Schule, sondern mehr noch seine Youtube-Vermarktung als fresssüchtiges Kind durch seinen Vater zur Verzweiflungstat trieb.


Ein weiteres biblisches Motiv findet sich im Umstand, dass der Mann seinen vier Schützlingen eine Woche Zeit geben will, ihre Selbstmordabsichten zu überdenken. Ohne von den anderen Menschen gesehen zu werden, kann das Quartett durch Rom streifen, kann schauen, wie das Leben ihrer Angehörigen weiter geht. In einem alten, halb verfallenen Kino dürfen die Vier aber auch in kurzen Filmschnipseln einen Blick auf ihr mögliches zukünftiges Leben werfen und sie dürfen sich vom Fremden, der am Strand mit Spaghetti mit Muscheln ihre Lebensfreude wieder wecken will, auch etwas wünschen.


Langsam öffnen sich während dieser Woche, begleitet von Jazz, den der Fremde liebt, und Italo-Schlagern, auch die vier Selbstmordkandidat:innen. Einerseits bieten sie zunehmend Einblick in ihre Traumata und setzen sich mit diesen auseinander, andererseits kommen sie sich aber auch näher. Nur Napoleone bleibt zurückhaltend und skeptisch, pocht immer wieder darauf, selbst über sein Lebensende entscheiden zu dürfen.


So sehr "Der erste Tag meines Lebens" in der Ausgangssituation auch an "It´s a Wonderful Life" erinnert, so sehr treten dabei im Verlauf der Handlung auch Unterschiede zu Tage. Denn während bei Capra der Wert Stewarts für die Gemeinschaft herausgestrichen wird, liegt der Fokus bei Genovese einzig bei den Glücksmomenten, die das Leben den vier Römer:innen noch bieten könnte.


Auch vom Fremden wird dabei nicht verschwiegen, dass es immer wieder Tiefschläge geben und das Leben selbst die Menschen erschöpfen kann, doch stellt er diesem bedrückenden Aspekt die Hoffnung auf Phasen des Glücks gegenüber, die man durch einen vorzeitigen Tod verpassen würde. Ein eindrückliches Bild dafür, wie wenige Menschen wirklich glücklich sind, gelingt Genovese in einer der schönsten Szenen des Films: Auf einem Hügel über das nächtliche Rom blickend, lässt der Fremde in allen Häusern, in denen die Menschen unglücklich sind, die Lichter erlöschen. Dünn gesät sind die Fenster, die danach noch erleuchtet sind.


Auch der Fremde wird gegen Ende dieses von dunklen Farben und Nachtbildern dominierten Films Einblick in sein eigenes Schicksal bieten. Mag er im Grunde nur ein Begleiter von Arianna, Emilia, Napoleone und Daniele sein, so sorgt Paolo Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo mit seinem gütigen Blick, seinem sanften Lächeln, seiner Empathie und seinem Einsatz für diese ihm anvertrauten Menschen doch dafür, dass diese Figur haften bleibt.


Da der Mensch aber immer einen freien Willen hat, wird nicht alles gut enden, wenn dieser gefühlvolle, aber auch etwas behäbig erzählte Ensemble-Film nach einer Woche zum Anfang und zur Entscheidung fürs Leben oder den Freitod zurückkehrt.


Der erste Tag meines Lebens - Il primo giorno della mia vita Italien 2023 Regie: Paolo Genovese mit: Toni Servillo, Gabriele Cristini, Margherita Buy, Valerio Mastandrea, Sara Serraiocco, Vittoria Puccini, Lino Guanciale Länge: 121 min.



Läuft derzeit in den österreichischen Kinos - Spielboden Dornbirn: Di 26.9. + Fr 29.9.


Trailer zu "Der erste Tag meines Lebens - Il primo giorno della mia vita"


Comments


bottom of page