• Walter Gasperi

Streaming: Das Mädchen (1968)


Márta Mészáros´ Porträt einer jungen Frau, die sich aus der tradierten Geschlechterrolle befreit, war 1968 der erste ungarische Spielfilm einer Frau. Das Debüt, das durch die Präsenz der Hauptdarstellerin Kati Kovacs, die nüchterne, teilweise quasidokumentarische Inszenierung und starke Schwarzweißbilder immer noch beeindruckt, kann bei mubi.com ebenso wie Mészáros´ zweiter Spielfilm "Der geworfene Stein / Binding Sentiments" gestreamt werden.


Frauen als Regisseurinnen hinter der Kamera gab es zumindest bis in die 1970er Jahre im Westen wie im Osten kaum. Zu den großen Ausnahmen zählen die Französin Agnès Varda und jenseits des Eisernen Vorhangs die Tschechin Vera Chytilova und die 1931 geborene Ungarin Márta Mészáros. Nachdem letztere 1956 ihr Studium an der Filmhochschule Moskau abgeschlossen und in ihrer Heimat mehrere Dokumentarfilme gedreht hatte, machte sie schon mit ihrem 1968 entstandenen Spielfilmdebüt auf sich aufmerksam.


Als programmatisch kann man die ersten Bilder ansehen, in denen sich junge Frauen im Bogenschießen üben: An Amazonen lassen sie denken, die stark und selbstbewusst auftreten und sich nicht in Hausarbeit und Kindererziehung zurückdrängen lassen.


Dass der Fokus ganz auf der jungen Erzsi (Kati Kovacs) liegt, macht anschließend der Vorspann deutlich, der einzig aus Großaufnahmen – mal von vorne, mal von hinten und dann wieder von der Seite – der Protagonistin besteht. Die den Bildern unterlegte ungarische Rockmusik erzeugt dabei das Gefühl eines Aufbruchs und einer Befreiung aus verkrusteten Strukturen.


In Kontrast dazu stehen die von Grau dominierten Schwarzweißbilder von Kameramann Tamás Somló, die eine triste und bedrückende Stimmung verbreiten. Unzufrieden und unglücklich wirkt auch die 24-jährige Fabrikarbeiterin, die in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, in dem sie ihre Mutter nach ihrer Geburt abgegeben hat. Mit einer Zeitungsanzeige versucht sie diese Mutter nun zu finden. Als eine Frau mit einem Brief darauf reagiert, reist Erzsi von Budapest zu einem Treffen aufs Land.


Blicken schon in der Hauptstadt immer wieder junge Männer ihr nach und versuchen sie in ein Gespräch zu verwickeln, so setzt sich dies bei der Zugfahrt fort. Nicht viel ist nötig, um ein Bild der männlich dominierten Gesellschaft zu zeichnen, die freilich in der Provinz noch deutlicher zu Tage tritt. Fortschrittliche Großstadt und konservative bäuerliche Welt treffen hier mit der jungen Frau, die einen Minirock und eine Sonnenbrille, die an Audrey Hepburn erinnert, trägt und ihrer Mutter, die ihre Haare unter einem schwarzen Kopftuch versteckt, aufeinander.


Aber auch persönlich distanziert sich die Mutter klar von ihrer Tochter, wenn sie diese als ihre Nichte ausgibt, und auch ein Gartenzaun, der beide bei der ersten Begegnung trennt, signalisiert, dass Welten zwischen ihnen liegen. Deutlich wird auch beim Abendessen, dass hier die Macht des Mannes noch ungebrochen ist: Während er in die Kneipe geht, sollen die Frauen den Abwasch besorgen. Mit quasidokumentarischem Gestus fängt die Kamera diese beengende bäuerliche Welt ein, in der Erzsi keinen Schritt unbeobachtet machen kann.


Wohl nicht zuletzt aufgrund der kühlen Begegnung mit ihrer Mutter löst sich Erzsi endgültig aus der tradierten Geschlechterrolle, lässt sich auf der Heimfahrt zwar mit einem jungen Mann ein, behält aber dabei immer die Oberhand: Nicht sie wird von den Männern dirigiert, sondern vielmehr gibt sie auch in der Folge den Ton an, bis "Das Mädchen" mit einer eingefrorenen Großaufnahme Erzsis nach 80 Minuten abrupt endet.


Durch die gänzlich unsentimentale, nüchterne und kühle Erzählweise gelang Mészáros so ein starkes Porträt einer unabhängigen Frau und ein frühes Beispiel eines entschieden feministischen Films, aber auch ein präzises Bild der Stadt-Land-Differenz im Ungarn der 1960er Jahre und des Aufbruchs der Jugend. Getragen wird "Das Mädchen" dabei nicht nur von der großen Präsenz der das Selbstbewusstsein Erzsis intensiv vermittelnden Hauptdarstellerin Kati Kovacs, sondern auch von der feinfühligen Kamera von Tamás Somló, die in ihren Bewegungen immer wieder auf die Figuren reagiert und mit ihnen interagiert.


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