• Walter Gasperi

Filmbuch: Vera Chytilová (Film-Konzepte 58)


In den 1960er Jahren war Vera Chytilová eine der Galionsfiguren der tschechoslowakischen Neuen Welle und schuf mit "Tausendschönchen" ein avantgardistisches Meisterwerk. Der 58. Band der bei et+k erscheinenden Reihe Film-Konzepte bietet in sechs Essays Einblick in das Schaffen der 2014 verstorbenen Tschechin.


Der Prager Frühling führte Mitte der 1960er Jahre auch zu einem kurzen, aber heftigen Aufblühen des tschechoslowakischen Filmschaffens. Junge Regisseure wie Jiri Menzel, Milos Forman und Ivan Passer und als einzige Frau Vera Chytilová wagten lustvolle filmische Experimente und übten in scheinbar leichten Komödien, die aber immer wieder ein genauer Blick für den Alltag einfacher Leute auszeichnete, bissige Kritik am sozialistischen System. Der Einmarsch russischer Truppen im August 1968 beendete nicht nur Alexander Dubceks Experiment eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" abrupt, sondern auch diese filmische Erneuerungsbewegung: Berufsverbote oder Emigration in den Westen folgten.


Wesentlich beeinflusst wurde diese Bewegung vom französischen Cinéma vérité und dem amerikanischen Direct Cinéma. Ausführlich legt Andreas Rauscher dar, wie Vera Chytilová in ihren frühen Kurzfilmen "Die Decke" und "Ein Sack voller Flöhe" Momentaufnahmen im Stil des Direct Cinema und avantgardistische Stadt-Impressionen im Stil von Michelangelo Antonionis "Liebe 62" und Louis Malles "Fahrstuhl zum Schafott", aber auch eigene Erfahrungen verarbeitete und sozialistischen Erbauungserzählungen ebenso wie dem kantenlosen und unpersönlichen Cinéma de qualité eine Absage erteilte. Durch Verbindung von dokumentarischen und fiktionalen Formen gelingt Chytilová dabei für Rauscher "eine Errettung der äußeren Wirklichkeit, jenseits der verklärenden Formen des Sozialistischen Realismus und jenseits der indexikalischen Fallgruben eines allzu unmittelbaren Dokumentarismus" (S. 26).


Immer wieder kreisen die Essays um die Wahrheitssuche der 1929 geborenen Regisseurin. So stellt Nicole Kandioler Chytilovás Langfilmdebüt "Von etwas anderem", in dem der reale Alltag der Spitzenturnerin Eva Bosáková dem Leben einer fiktiven Hausfrau gegenübergestellt wird, in Bezug zu der 1992 entstandenen Satire "Das Erbe". Die Autorin arbeitet mit der dokumentarischen Unmittelbarkeit des Debüts und der klamaukhaften Zuspitzung einer Fiktion in "Das Erbe" dabei nicht nur markante Unterschiede heraus, sondern zeigt auch auf, wie die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen und der Ruf nach Veränderung beide Filme verbinden.


Katerina Svatanová wiederum analysiert detailliert die Kameraarbeit sowie die Arbeit mit Farbe und Licht in den innovativen Meisterwerken "Tausendschönchen" und "Die Früchte des Paradieses" und zeigt auf, dass diese formalen Experimente schon in den Home-Movies von Chytilová und ihrem damaligen Ehemann und Kameramann Jaroslav Kucera vorbereitet wurden. Svatanová arbeitet aber auch heraus, dass es sich dabei nie um Spielereien handelt, sondern dass die Ästhetik immer mit der Suche nach der Wahrheit und einer Kritik am pervertierten Geschichtsglauben des Realsozialismus (S. 55) verbunden ist.


Herausgeberin Margarete Wach widmet sich in ihrem Essay den Bezügen zwischen der französischen Nouvelle Vague und Chytilová. Auf die Herausarbeitung der Parallelen zwischen der Tschechin und Agnés Varda, die beide die praktisch einzigen Frauen in männlich dominierten Bewegungen waren, folgt der Blick auf die polemische Kritik Jean-Luc Godards an Chytilovás Filmen, die sich nicht nur in Texten, sondern auch in seinem in Prag entstandenen Dokumentarfilm "Prawda" äußerte. Dem gegenüber steht die Beeinflussung der Tschechin durch Godards Erzähltechniken und Farbexperimente in "Pierrot le Fou" sowie die filmkritische Begleitung ihres Schaffens durch Jacques Rivette und die unübersehbare Beeinflussung von dessen "Céline und Julie fahren Boot" durch "Tausendschönchen".


In einem zweiten Beitrag analysiert Wach Chytilovás dokumentarische Porträts von Milos Forman, ihrer Ko-Autorin und Kostümbildnerin Ester Kumbachova und von drei tschechischen Fotografen. Indem die Autorin dabei immer auch aufzeigt, wie sich die Regisseurin in diesen Filmen selbst ins Spiel bringt und Unterschiede zwischen ihr und den Porträtierten herausarbeitet, zeichnet der Beitrag auch ein plastisches Bild Chytilovás.


Wie in der Filmgeschichtsschreibung im Allgemeinen liegt auch in diesem Band der Schwerpunkt auf den Filmen der 1960er Jahre. Gerade deshalb ist Shamma Schahadats Beitrag zu Chytilovás 1979 entstandenem "Geschichte der Wände" spannend. Sehr anschaulich und differenziert analysiert die Autorin diesen Spielfilm, arbeitet plastisch heraus, wie gesellschaftliche Wirklichkeit und filmische Form ständig ineinandergreifen und wie in der Schilderung des Alltags in einem Plattenbau scharfe Kritik am sozialistischen System und seinem Wohnungsbau geübt wird.


Wie gewohnt bei dieser Reihe wird der Reigen der hochstehenden Beiträge von einer kurzen Bio- und Filmographie abgeschlossen.


Margarete Wach (Hg.), Film-Konzepte 58: Vera Chytilova, Edition text + kritik, München 2020. 114 S., € 20, ISBN 978-3-96707-087-3