• Walter Gasperi

Düster, fatalistisch, abgründig: Film noir international


Aus der Kriegs- und Nachkriegsstimmung heraus entstand in den 1940er Jahren in den USA der Film noir, der durch eine fatalistische Stimmung und Weltsicht gekennzeichnet ist. Spätestens ab den 1980er Jahren fand diese Filmrichtung als Neo Noir nicht nur in den USA eine Wiedergeburt. Das Filmpodium Zürich widmet dem internationalen Film noir eine Filmreihe.


Im Film noir fand die düstere Stimmung der Kriegs- und Nachkriegszeit ihren filmischen Ausdruck. Beeinflusst vom pessimistischen poetischen Realismus des Frankreichs der Vorkriegszeit und in der Lichtführung vom deutschen expressionistischen Film entstanden in dieser Zeit nicht nur Krimis, sondern auch Melodramen, die von den Schattenseiten Amerikas erzählten und von Fatalismus geprägt waren. Die Hoffnungslosigkeit kommt dabei vielfach schon durch die Erzählhaltung zum Ausdruck, denn nicht vorwärts entwickelt sich die Handlung, sondern vielmehr bestimmt häufig eine große Rückblende diese Filme: Am Beginn ist hier oft schon alles vorüber und die Protagonisten liegen vielfach im Sterben.


Als Endpunkt des klassischen Film noir gilt Orson Welles´ 1958 entstandener "Touch of Evil", doch unübersehbar zeigen sich schon in den Filmen des Amerika- und Hollywood-Fans Jean-Pierre Melville Einflüsse dieser filmischen Richtung. Zwar bestimmt keine Rückblendenstruktur die Filme des Franzosen und auch keine düsteren und verregneten Städte, aber nicht weniger hoffnungslos als im klassischen Film noir ist die Situation der Protagonisten seiner Gangsterfilme "Le doulos" (1962), "Le samourai" (1966) oder "Le cercle rouge" (1970). Nie gibt es hier Hoffnung auf ein Happy End, immer führt Verrat zum Scheitern aller Pläne und zum Tod.


In den USA verband der Brite John Boorman in "Point Blank" (1967), in dem sich Lee Marvin als alternder, aus der Haft entlassener Gangster an seinen Komplizen, die ihn verraten haben, rächen will, klassische Elemente des Film noir wie den Pessimismus mit moderner non-linearer Erzählweise und psychedelischer Farbdramaturgie. Auch im New Hollywood schlug sich der Film noir im Paranoia-Kino, vor allem aber in der düsteren Stimmung von Martin Scorseses "Taxi Driver" (1976) und in Roman Polanskis in der Zeit der klassischen Film noirs spielendem "Chinatown" (1973), in dem Jack Nicholson in einer Korruptionsaffäre ermittelt, nieder.


Ein echtes Revival erlebte der Film noir aber erst ab den 1980er Jahren, eingeleitet mit Lawrence Kasdans "Body Heat" ("Heißblütig, kaltblütig", 1981). Nicht nur zahlreiche Remakes klassischer Film noir entstanden mit beispielsweise Bob Rafelsons "The Postman Always Rings Twice" (1981), Taylor Hackfords "Against All Odds" ("Gegen jede Chance", 1984) betitelte Neuverfilmung von Jacques Tourneurs Klassiker "Out of the Past" oder Roger Donaldsons Aktualisierung von John Farrows "The Big Clock – Spiel mit dem Tode" mit "No Way Out" (1987) in den folgenden Jahren, sondern Regisseure wie Curtis Hanson und Brian De Palma erweckten mit Filmen wie "L.A. Confidential" (1997) und "The Black Dahlia" (2006) auch das Hollywood der 1940er Jahre wieder zum Leben.


Am leidenschaftlichsten arbeiteten sich freilich die Coen-Brüder am Film noir ab, die sich von ihrem Debüt "Blood Simple" (1984) über "The Man Who Wasn´t There" (2001) bis zu ihrem Oscar-Erfolg "No Country for Old Man" (2007) immer wieder an dieser filmischen Strömung orientierten. Auch Michael Mann präsentierte sich mit seinen Gangsterfilmen "Thief" (1981) und "Heat" (1995) nicht nur als großer Stilist, sondern in seinen einsamen Protagonisten und der Vorliebe für Nachtszenen schlug sich auch deutlich der Einfluss des Film noir nieder.


Kühn mit den Elementen eines Film noir spielte dagegen David Lynch in seinen vertrackten Thrillern "Lost Highway" (1997) und "Mulholland Drive" (2001). während Ridley Scott mit "Blade Runner" (1982) bewies, das man die düstere Stimmung des Los Angeles der 1940er Jahre und einen Detektiv wie die klassischen Sam Spade und Philipp Marlowe problemlos auch ins beginnende dritte Jahrtausend transponieren kann.


Längst arbeiten aber Regisseure weltweit mit Elementen des Film noir. Vor allem Korea hat sich im Genre des Thrillers einen Namen gemacht und "Parasite"-Regisseur Bong Jong-ho gelang schon 2003 mit "Memories of Murder" ein meisterhafter, beunruhigender Thriller im Stil von David Finchers vier Jahre später entstandenem "Zodiac". Ein düsteres Bild Spaniens wenige Jahre nach Francos Tod zeichnet dagegen Roberto Rodriguez Librero im großartigen "La isla mínima – Mörderland" (2014), in dem zwei Polizisten im Marschland des Unterlaufs des Guadalquivir nach einem Serienmörder fahnden. Und ein ebenso düsteres wie wuchtiges Mafiadrama gelang Stefano Sollima mit dem komplex erzählten "Suburra" (2015), der ganz im Stil eines klassischen Film noir mit einem nicht enden wollenden Gewitter einsetzt. Musterbeispiel für den skandinavischen Film noir ist wiederum die Verfilmung von Stig Larssens Millennium-Trilogie.


Nicht nur internationaler ist der Noir aber inzwischen geworden, sondern vermehrt stehen dabei auch Frauen und People of Colour hinter der Kamera. Eindrückliches Beispiel dafür ist "Destroyer" (2018), in dem Karyn Kusama mit einer herausragenden Nicole Kidman in der Hauptrolle ein packendes Porträt einer Polizistin zeichnet, die physisch und psychisch am Rande eines Zusammenbruchs steht. - Offen für unterschiedliche Genres, Schauplätze und Geschichten kann diese klassische Filmrichtung so immer wieder variiert und inhaltlich aktualisiert werden und bringt so immer wieder neue und aufregende Früchte.


Filmpodium Zürich: 16. Mai bis 30. Juni


Trailer zu "The Man Who Wasn´t There"