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  • AutorenbildWalter Gasperi

Coup de chance – Ein Glücksfall

Glück, Zufall und die Unberechenbarkeit der Liebe: Woody Allen variiert in seinem 50. Film bekannte Themen, schlägt aber trotz ernstem Hintergrund einen komödiantischen Ton an und führt souverän eine Ehegeschichte in einen Krimi über.


Ganz entscheidend war Woody Allens Werk bis Anfang der 2000er Jahre von New York bestimmt. Dann aber begann er quer durch Europa Filme zu drehen, rückte London in "Match Point" (2005) ebenso ins Bild wie Barcelona in "Vicky Cristina Barcelona" (2008), Rom in "To Rome with Love", Paris in "Midnight in Paris" (2011), Rom in "To Rome with Love" (2012) oder zuletzt San Sebastian in "Rifkin´s Festival" (2020).


Erstmals hat Allen, der im nächsten Jahr 90 wird und bei der Premiere in Venedig erklärte, dass dies vielleicht sein letzter Film sein wird, nun aber einen Film ganz in französischer Sprache und mit französischen Schauspieler:innen gedreht. Der Grund mag auch darin liegen, dass der New Yorker, seit seine Ex-Frau Mia Farrow 1992 den bislang nicht bewiesenen Vorwurf erhob, dass er seine damals siebenjährige Adoptivtochter sexuell missbraucht habe, in den USA sehr umstritten ist und sich schwer tut Produzenten zu finden.


"Coup de chance – Ein Glücksfall" sieht man diese Probleme aber nicht an, denn die Inszenierung ist ausgesprochen leichthändig und rund. Die Herbstbilder, die sich durch den Film ziehen, obwohl behauptet wird, dass sich die Handlung über Monate hinzieht, strahlen Wärme aus, Witz entwickeln die geschliffenen Dialoge und auch mit dem jazzigen Soundtrack wird ein lockerer Erzählton angeschlagen.


Direkt ist der Einstieg mit der Begegnung Fannys (Lou de Laâge) und ihres alten Schulfreunds Alains (Niels Schneider) auf den Champs-Élysées. Während sie ihn nicht gleich erkennt, ist der mäßig erfolgreiche Schriftsteller Feuer und Flamme, erzählt von seiner einstigen Schwärmerei für sie, redet auf sie ein und bittet sie um ein weiteres Treffen. - So zufällig diese Begegnung, so schicksalhaft ist sie gleichzeitig und die Basis für die gesamte folgende Handlung. So bringt Allen schon mit diesem Einstieg die Frage nach Zufall, Schicksal und Glück ins Spiel.


Denn Fanny, die in einem Auktionshaus arbeitet, ist zwar glücklich verheiratet und wird von ihrem Mann Jean (Melvil Poupaud), dessen dubioser Beruf es ist, Reiche noch reicher zu machen, mit kostspieligen Geschenken überhäuft, merkt aber durch die Begegnung mit Alain doch, dass ihr etwas fehlt. Sie lebt zwar in ihrem goldenen Käfig in Luxus, doch Romantik und echte Leidenschaft gibt es hier nicht.


Vorhersehbar ist so, dass sie dem Werben Alains nicht auf Dauer widerstehen wird. So entwickelt sich eine Affäre, gleichzeitig wird aber auch zunehmend Jeans Besitzanspruch und Streben nach Kontrolle über Fanny sichtbar. Nicht zufällig wird sie von Bekannten mehrmals als dessen Trophäe bezeichnet.


Zunehmend schöpft Jean so Verdacht, lässt Nachforschungen zum Tagesablauf seiner Frau anstellen und langsam wandelt sich die Ehebruchsgeschichte zu einem Krimi. Souverän steigert Allen dabei die Spannung, setzt aber nicht auf Thrill, sondern zieht den komödiantischen Ton durch die leichte Jazzmusik, die in Kontrast zur Handlung steht, durch.


So nimmt "Coup de chance – Ein Glücksfall" nach einem smarten, aber sich auch in klassischen Bahnen bewegendem Beginn zunehmend Fahrt auf, erfreut mit überraschenden Wendungen und mündet in einen großartigen Knalleffekt, der das Thema der Unwägbarkeit des Glücks und der Macht des Zufalls nochmals treffend und herrlich ambivalent auf den Punkt bringt.


Die großen Sehenswürdigkeiten von Paris spart Allen dabei aus. Nie bekommt man hier den Eiffelturm oder das Sacre Coeur zu sehen, doch durch die Cafés, die Dachwohnung von Alain und die Treffen im Jardin du Luxembourg atmet dieser komödiantische Krimi trotzdem die Atmosphäre der französischen Hauptstadt. Mit dem Luxusleben von Fanny und Jean kann der Film auch in die obere Gesellschaft mit vornehmen Partys einführen und elegante Kleider vorführen.


Fast schon penetrant taucht Star-Kameramann Vittorio Storaro ("Apocalypse Now", "Der letzte Kaiser") die Einstellungen mit Fanny in goldgelbe Farben und Licht und stellt dieser Wärme mit bläulichem Licht im geräumigen Haus des Ehepaars Kälte gegenüber. Kontrastiert wird damit auch Fannys gefühlsbetontes Handeln mit dem kühl berechnenden, herrschsüchtigen und materialistischen Charakter Jeans.


Ein großer Film ist das kaum, denn zu sehr bewegt sich Allen doch in gewohnten Bahnen, variiert vor allem sein Meisterwerk "Matchpoint", doch geschliffene, leichthändige Unterhaltung, die gleichzeitig eine treffsichere Auseinandersetzung mit der Unsicherheit des Glücks, an das Jean sowieso nicht glaubt, und die Macht des Zufalls, der das Glück leicht zerstören kann, ist dem Amerikaner hier dennoch gelungen. – Einzig ein Lottoschein, den Alain kauft, bleibt seltsam in der Luft hängen.

Coup de chance – Ein Glücksfall USA / Frankreich / Großbritannien 2023 Regie: Woody Allen mit: Lou de Laâge, Niels Schneider, Melvil Poupaud, Valérie Lemercier, Anna Laik, Yannick Choirat, Guillaume de Tonquédec, Elsa Zylberstein Länge: 93 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und Kinok St. Gallen.


Trailer zu "Coup de chance - Ein Glücksfall"



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