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Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit
"Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger": Carmen Maura billiert in warmherziger Tragikomödie als resiliente Seniorin
"Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger": Carmen Maura billiert in warmherziger Tragikomödie als resiliente Seniorin

Carmen Maura brilliert als Seniorin, die von ihrer Tochter in ein Pflegeheim abgeschoben wird, sich aber widersetzt und nochmals Lebensfreude findet: Gefühlvoll und rund inszeniertes, warmherziges Feelgood-Movie über Selbstbestimmung im Alter und Bindung an ein Milieu, das sich aber auch in bekannten Bahnen entwickelt und Ecken und Kanten weitgehend vermissen lässt.


Nah dran an Zimt, Paprika und weiteren Gewürzen und Früchten ist die Kamera von Virginie Surdej in der ersten Szene, wenn die auf die 80 zugehende Maria Ángeles (Carmen Maura) auf dem Markt von Tanger einkauft. Wie in diesem Auftakt und der anschließenden Kochszene so entwickelt Maryam Touzanis dritter Spielfilm auch später im nahen Blick auf den gealterten Körper und die fleckige Haut der Protagonistin eine Sinnlichkeit, die schon ihre ersten beiden Spielfilme "Adam" (2019) und "Das Blau des Kaftans"  (2022) auszeichneten.


Die Marokkanerin, die "Calle Málaga" ihrer Großmutter gewidmet hat, hat nun aber nicht nur erstmals auf Spanisch statt wie bisher auf Arabisch gedreht, sondern hat sich auch sehr stark an die Muster des europäischen Feelgood-Kinos angepasst. Wenn der Vorspann endet, trifft auch schon Marias in Madrid lebende Tochter Clara (Marta Etura) in der marokkanischen Küstenstadt ein. Nicht nur Scheidung, die Erziehung von zwei Kindern und beruflicher Stress belasten sie, sondern auch ihre finanzielle Situation ist angespannt.


So will sie die Wohnung der Mutter, die ihr der vor über 20 Jahren verstorbene Vater überschrieben hat, verkaufen, und die Mutter selbst überreden, mit nach Madrid zu kommen oder ins spanische Seniorenheim von Tanger zu ziehen. Ein Riss geht damit durch die Mutter-Tochter-Beziehung, jede Kommunikation bricht ab. Für die Mutter sind nämlich die mit zahlreichen Erinnerungen verbundene Wohnung, in der sie über 40 Jahre lebte, und die Bewohner:innen ihrer Straße, das Umfeld, aus dem sie Lebensfreude schöpft.


Man spürt Marias inneren Widerwillen und die Trauer, wenn sie wortlos dem Verkauf ihrer Möbel - und auch ihres geliebten Plattenspielers - zusieht. Auch die Übersiedlung ins Seniorenheim nimmt sie notgedrungen hin, doch in der neuen Umgebung stirbt sie förmlich innerlich. Teilnahmslos sitzt sie im Gemeinschaftsraum, nimmt allein ihr Essen zu sich, bis ihr die Bevormundung zu viel wird.


So erwacht ihr Widerstandswillen und sie verlässt das Seniorenheim unter dem Vorwand zu ihrer Tochter zu ziehen, kehrt in Wahrheit aber in ihre Wohnung in Tanger zurück. Probleme wie die Besuche des Maklers mit Wohnungsinteressenten und Geldmangel sind damit vorprogrammiert, und auch der Rückkauf der geliebten Möbel von einem scheinbar nur am Geld interessierten, gefühllosen Antiquitätenhändler (Ahmed Boulane) stellt eine Herausforderung dar.


In den in warmes Licht und Farben getauchten Bildern, in Marias leuchtend roten und beigen Blusen und vor allem natürlich im Spiel von Pedro Almodóvars jahrzehntelanger Stammschauspielerin Carmen Maura spürt man, wie die Lebensfreude rasch zurückkehrt. In jeder Szene ist die spanische Schauspiellegende präsent, die diese Figur mit Verve spielt und schon mit ihrem Lachen für sich einnimmt. Konsequent aus ihrer Perspektive erzählt Touzani und lässt so hautnah an ihrem Aufblühen teilhaben.


Für Witz sorgen dabei sowohl die nicht ganz legalen Überlebensstrategien, die sie entwickelt, als auch die wiederholten Besuche bei einer befreundeten Nonne in einem Schweigekloster, der sie von ihren Sorgen und ihren Glücksmomenten erzählt, ohne dass diese darauf verbal reagieren darf.


Andererseits bewegt sich "Calle Málaga" aber eben auch sehr in den Bahnen ähnlicher Feelgood-Movies über Resilienz und Lebensfreude im Alter. Nicht fehlen darf dabei auch das Glück einer späten Liebe.


Eigenes Flair und Charme entwickelt diese Tragikomödie aber dann doch wieder durch die atmosphärisch stimmige Verankerung in der multikulturellen nordafrikanischen Stadt, in der während des Spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur viele Spanier:innen Zuflucht suchten und eine neue Heimat fanden. Marias Blick von ihrem Balkon auf das Gewusel in der titelgebenden Gasse, die wiederholten Besuche beim Straßenverkäufer, die Begegnungen mit ihren arabischen Nachbar:innen oder auch ein Antiquitätenladen verleihen diesem Frauenporträt doch seinen eigenen Charme.


Dazu kommt auch die sehr runde und warmherzige Inszenierung. Souverän mischt Touzani Witz und Gefühl, bringt auch die spanische Fußballbegeisterung ins Spiel, feiert das Selbstbewusstsein und die Resilienz ihrer Heldin und stellt bewegend der Entwurzelung durch den Umzug ins Heim eindrücklich die Lebenskraft gegenüber, die Maria im vertrauten Milieu durch die langjährigen Bekanntschaften und die ihr ans Herz gewachsenen Orte und Möbel wieder entwickelt.


Wirklich überraschend kommt aber nur das Ende, das offen gehalten wird und angesichts der zuvor verbreiteten positiven Stimmung doch erstaunlich nachdenklich zurücklässt.



Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger

Frankreich / Deutschland / Belgien / Marokko 2025

Regie: Maryam Touzani

mit: Carmen Maura, Marta Etura, Ahmed Boulane, María Alfonsa Rosso, Sanae Regragui, Miguel Garcés

Länge: 116 min.



Läuft derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) und im Kino GUK Feldkirch (span. OmU.) und ab Donnerstag (9.4.) in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.



Trailer zu "Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger"



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