• Walter Gasperi

Adam


Zwei Frauen, ein Kind, eine Backstube und eine Wohnung. – Viel mehr benötigt die Marokkanerin Maryam Touzani nicht, um ein ebenso feinfühliges wie visuell bestechendes Kammerspiel über Frauenfreundschaft und Mutterschaft, aber auch übers Backen zu entwickeln. – Eine bezaubernde filmische Perle, die man nicht übersehen sollte.


Einen Gegenpol zum Spektakelkino, das oft mit viel Aufwand und Budget innere Leere zu kaschieren versucht, stellt das Langfilmdebüt der 39-jährigen Marokkanerin Maryam Touzani dar. Sie beweist mit „Adam“, wie wenig letztlich notwendig ist, um einen kleinen großen Film zu drehen, wenn der Blick und die Schauspieler stimmen und feinfühlig ein Thema ausgeschöpft wird: Ganz klein gehalten ist die Geschichte, ganz eng gefasst ist der filmische Raum – und doch ist alles da, was nötig ist.


Im Mittelpunkt steht die hochschwangere Samia (Nisrin Erradi), die in der Altstadt von Casablanca nach Arbeit und Unterkunft sucht. An die biblische Herbergssuche erinnert, wie sie an den verschiedenen Türen, an die sie in den engen Gassen klopft, immer wieder abgewiesen wird. Auch die Bäckerin Abla (Lubna Azabal) will sie nicht aufnehmen, da sie wie alle anderen das Gerede der Nachbarn fürchtet. Als sie aber Samia in einem Hauseingang gegenüber ihrer Wohnung übernachten sieht, hat sie doch Mitleid und nimmt die junge Frau auf.


Nur für wenige Tage will Abla, die allein mit ihrer etwa achtjährigen Tochter Warda lebt, Samia Unterkunft gewähren, schickt sie auch bald wieder weg, holt sie auf Drängen der Tochter dann aber doch wieder zurück.


Fast ausschließlich in der Wohnung Ablas, in der auch Brot und Backwaren wie Msemen oder Harcha hergestellt und dann durch ein Fenster zur Straße verkauft werden, spielt „Adam“. Durch die warmen Brauntöne, in die die polnische Kamerafrau Virginie Surdej diese Wohnung und ihre Bewohner taucht, wirken viele Einstellungen wie Gemälde.


Nie freilich ist die visuelle Ebene selbstzweckhaft, sondern immer stehen die beiden gegensätzlichen Frauen und ihre Beziehung im Zentrum. Dass dabei freilich ein Kontakt überhaupt möglich wird, ist vor allem Ablas Tochter Warda zu verdanken. In ihrer Unbefangenheit fungiert sie als Bindeglied zwischen ihrer verhärmten, schroffen und abweisenden Mutter und der lebensfrohen Samia.


In langen Großaufnahmen stellt Touzani die beiden Frauen, die mit Lubna Azabal und Nisrin Erradi auch ideal besetzt sind, einander gegenüber. Feinfühlig und einfühlsam arbeitet sie die unterschiedlichen Charaktere heraus. Der einen kommt kein Lachen übers Gesicht, verbietet das Abspielen von Musik, zeigt dem Lieferanten Slimani, der rührend um sie wirbt, die kalte Schulter, die andere ist offen und freundlich, beide aber sind einsam und stehen als Witwe und unverheiratet Schwangere am Rand der Gesellschaft.


Übers Backen kann Samia bei Abla langsam etwas in Bewegung setzen. Denn die junge Frau bringt mit dem Spaghetti-Brot Rziza nicht nur ein Produkt in Ablas Sortiment, das die Bäckerin schon lange nicht mehr hergestellt hat, sondern lehrt sie auch den Teig anders zu kneten. Auch bei der Arbeit steht nämlich der Härte Ablas die Sanftheit Samias gegenüber.


Aber auch wenn es immer wieder ums Backen geht, sinnliches und kulinarisches Kino geboten wird, so verfällt „Adam“ doch nie in Kitsch und Süßlichkeit. Abla öffnet sich zwar unter dem Einfluss Samias, erzählt ihr vom Tod ihres Mannes und eine dynamische Schnittfolge und erstmals einsetzende Filmmusik vermittelt die neu gewonnene Lebensfreude, doch damit schlägt der Film auch schon eine neue Richtung ein, fokussiert nun stärker auf der anstehenden Mutterschaft Samias.


Wie Samia auf Abla eingewirkt hat, muss nach der Geburt Abla auf Samia einwirken, die ihr Kind nicht annehmen will. Offen bleibt, was mit dem Vater des Kindes passiert ist, aber offensichtlich hat Samia schlechte Erinnerungen an ihn und glaubt, dass ihr Sohn als uneheliches Kind keine Chance in der marokkanischen Gesellschaft hat.


Nur ganz am Rande wird hier vom Patriarchat erzählt, wenn Abla von ihrer Ausgrenzung beim Tod ihres Mannes erzählt und Samia feststellt „Uns Frauen gehört nur wenig wirklich“, dennoch will „Adam“ keine Abrechnung mit der Männergesellschaft sein, verzichtet weitgehend auf Moralisieren und Kritisieren und beschränkt sich darauf bewegend und einfühlsam von der Kraft einer Freundschaft unter Frauen und weiblicher Solidarität zu erzählen.


Unaufdringlich verknüpft Touzani dabei auch das Thema Backen mit der Schwanger- und Mutterschaft Samias. Wie der Teig liebevoll geknetet werden muss, so muss auch Samia langsam erst psychisch in die Mutterrolle hineinwachsen, muss eine emotionale Beziehung zu ihrem Kind entwickeln. Dass dieses „Adam“ heißt und zudem dem Film den Titel gibt, obwohl es erst kurz vor Schluss geboren wird, kann auch als Verweis auf den biblischen Adam gelesen werden und lässt mit auch Raum für Interpretationen offen.

Läuft derzeit im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Kein Starttermin für Österreich und Deutschland bekannt.


Trailer zu "Adam"