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L´Engloutie – Das Mädchen im Schnee

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 3 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
"L´Engloutie - Das Mädchen im Schnee": In Louise Hémons betörendem Spielfilmdebüt trifft Aufklärung auf alte Bräuche
"L´Engloutie - Das Mädchen im Schnee": In Louise Hémons betörendem Spielfilmdebüt trifft Aufklärung auf alte Bräuche

Betörend und rätselhaft: Eine junge Frau kommt Ende des 19. Jahrhunderts in ein abgeschiedenes französisches Bergdorf, um dort im Winter die wenigen Kinder zu unterrichten. Die aufgeklärte Lehrerin trifft dabei aber auf eine fremde Welt mit archaischen Bräuchen und einer eigenen Sprache.


Mit einem Schulfilm und Feelgood-Movie wie Éric Besnards "Louise Violet" ("Louise und die Schule der Freiheit") hat Louise Hémons mit dem Jean-Vigo-Preis und dem André-Bazin-Preis der Cahiers du Cinéma ausgezeichnetes Spielfilmdebüt nichts gemein. Während Besnard nämlich in malerischen Bildern vom langsamen Auftauen der zunächst verschlossenen Dorfbevölkerung erzählt, bestimmen dunkle Bilder und eine scheinbar unüberwindliche Distanz zwischen der jungen Lehrerin und der Bevölkerung des Bergdorfs "L´Engloutie".


Mehr noch als der französischen Originaltitel, der übersetzt "Die Verschlungene" heißt, lässt der deutsche Titel "Das Mädchen im Schnee", der allerdings auch nicht ganz passend ist, da die Protagonistin als Lehrerin doch schon eine junge Frau und sicher kein Mädchen mehr ist, an ein Märchen denken. Zunehmend schleichen sich so auch in die zunächst realistische Schilderung eines archaischen Bergdorfs mythische und märchenhafte Momente ein, die in dem überwiegend mit Laiendarsteller:innen gedrehten Film eine dichte Atmosphäre evozieren.


In einer langen ersten Einstellung sieht man, wie sich in einer windgepeitschten Winternacht des Jahres 1899 langsam zwei Lampen durch eine dunkle Schneelandschaft nähern. Das Licht, das die junge Lehrerin Aimée (Galatéa Bellugi) hier mit sich trägt, kann auch als Metapher für Aufklärung und Rationalität gelesen werden, die sie in das in den südfranzösischen Alpen liegende Dorf bringen will.


So liest sie in ihrer Hütte auch René Descartes´ "Abhandlung über den Menschen". Wie anders diese Welt aber ist und wie groß die Kommunikationsprobleme sind, muss sie schon in der ersten Unterrichtsstunde zur Kenntnis nehmen, wenn die beiden Schüler:innen nicht nur nicht Französisch, sondern Okzitanisch sprechen, sondern ihr auch erklären, dass eine Kuh hier nicht "Muh", sondern "Bruh-Bruh" macht.


Doch nicht nur sprachlich gibt es eine große Kluft, sondern auch kulturell, wenn sich die Dorfbewohner:innen dagegen wehren, dass Aimée die Kinder wäscht, da die Kruste am Kopf das Gehirn schütze, oder verlangen, dass nach einem Todesfall ein Fenster offenbleibt, damit die Seele entweichen könne.


Aufklärung und archaische Traditionen treffen auch aufeinander, wenn Aimée die Ansicht vertritt, dass Lesen und Schreiben vor Täuschung schütze, die alten Dorfbewohnerinnen sich aber gegen die Niederschrift einer Geschichte stellen, weil diese dadurch gestohlen werde. Symbolisch ist so die Situierung der Handlung am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert zu lesen, doch diese Zeitenwende bringt hier eben keine Veränderung, sondern einzementiert scheint die alte Ordnung.


Mehr noch als durch das 4:3-Format wird die beklemmende Enge durch die meist in Halbdunkel getauchten und nur von Kerzenlicht und Kaminfeuer erhellten Innenszenen evoziert. In scharfem Kontrast dazu stehen zwar die in das gleißende Weiß des Schnees getauchten Außenszenen, doch auch in diesen sorgen einerseits die hochragenden Berge für Begrenzung und Enge, andererseits immer wieder herabdonnernde Lawinen für Momente der Bedrohung.


Große visuelle Kraft entwickelt "L´Engloutie" durch das von Kamerafrau Marine Atlan meisterhaft umgesetzte Spiel dieser Gegensätze. Gleichzeitig steigert die suggestive Filmmusik von Emile Sornin die Atmosphäre des Rätselhaften ebenso wie eine Erzählweise, bei der viel angedeutet, aber nicht alles ausformuliert wird.


Ein Fremdkörper ist Aimée in dieser Welt dabei auch dadurch, dass sie die einzige junge Frau ist, weil die anderen jüngeren Frauen des Dorfes im Winter im Tal als Dienstmägde arbeiten. Langsam taucht die aufgeklärte Frau dennoch nach anfänglicher Ablehnung in die Mythen und Bräuche dieser Bauern ein, lässt sich bei einem Fest durch Gesang und Tanz mitreißen und entdeckt auch ihr bislang wohl verdrängtes sexuelles Begehren.


Wenn am Ende dieses formal beeindruckenden und faszinierenden, aber auch aufregend rätselhaften Films der Frühling mit sprudelnden Bächen und satten grünen Wiesen Einzug hält und die Lehrerin das Dorf wieder Richtung Tal verlässt, während die einheimischen Frauen nun zurückkehren, scheint sich im Dorf nicht viel verändert zu haben, aber die blühende Natur kann auch als Bild für das emotionale und sexuelle Erwachen der Protagonistin gelesen werden.



L ´Engloutie – Das Mädchen im Schnee

Frankreich 2025

Regie: Louise Hémon

mit: Galatéa Bellugi, Matthieu Lucci, Samuel Kircher, Oscar Pons, Sharif Andoura, Amid Bouselahane

Länge: 98 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.



Trailer zu "L´Engloutie - Das Mädchen im Schnee"

 


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