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  • Walter Gasperi

Babylon - Rausch der Ekstase


Nach der Hommage ans klassische Musical mit "La La Land" fokussiert Damien Chazelle auf der wilden Übergangszeit zwischen Stummfilm und Tonfilm in den späten 1920-er Jahre: Frenetisches Kino und ein immer wieder furioser Film, der aber im Laufe der drei Stunden auch zunehmend in Einzelteile zerfällt.


Mit rund 110 Millionen Dollar werden die Produktionskosten von Damien Chazelles nach "Whiplash" (2014), "La La Land" (2016) und "First Man – Aufbruch zum Mond" (2018) viertem Spielfilm angegeben. Diese Kosten sieht man dem visuell opulenten Zeitbild auch an, denn Chazelle zelebriert förmlich ausladende Partyszenen mit zahllosen Gästen und Filmdrehs mit Massenszenen.


Während Michel Hazanavicius in seinem Oscar gekrönten Stummfilm "The Artist" (2011) aber anhand einer kleinen Geschichte vom Abstieg eines Stars und gleichzeitigen Aufstieg eines Starlets von dieser Frühzeit des Films erzählte, geht "Babylon – Rausch der Ekstase", dessen Titel an Kenneth Angers 1965 erschienene, berüchtigte Skandal-Chronik "Hollywood Babylon" angelehnt ist, in die Breite. Unterschiedlichste Aspekte sollen beleuchtet werden, gleichzeitig franst die Erzählung damit auch zunehmend aus.


Zumindest in den USA stieß diese Kraftanstrengung auf wenig Gegenliebe. Nicht nur die Kritiken fielen sehr verhalten aus, sondern auch das Kinopublikum blieb aus. Im Vorfeld als großer Oscar-Anwärter gehandelt, scheinen diese Träume inzwischen geplatzt. Viel zu bieten hat dieser ekstatische Film, der über drei Stunden seine treibende Kraft durchhält und kaum einmal zur Ruhe kommt, dennoch.


Fulminant ist schon der Auftakt, wenn der mexikanischstämmige Manny Torres (Diego Calva) einen Elefanten zur Party eines Filmproduzenten durch die kalifornische Halbwüste befördern soll. Wenn dabei der Dickhäuter seinen Dung über den Fahrer ergießt, der den Lastwagen einen Hügel hinaufzuschieben versucht, wird schon der derbe Ton angeschlagen, der "Babylon" immer wieder kennzeichnet. Kein Film der leisen Zwischentöne will das sein, sondern pralles und deftiges Kino soll geboten werden, in dem Glamour und Vulgarität, Glanz und Dreck nah beieinander liegen.


Wenn Manny vor der Villa, in der die Party stattfindet, auf das Starlet Nellie LaRoy (Margot Robbie) trifft, sind die beiden Protagonist:innen vorgestellt: Sie will als Schauspielerin Karriere machen, er über diverse Jobs im Filmgeschäft hinter der Kamera Fuß fassen. Über dieses Duo führt Chazelle in die Party ein, für die er sich rund 30 Minuten Zeit lässt. – Erst danach wird das Titel-Insert folgen.


Mit der dynamischen, sich stets bewegenden Kamera von Linus Sandgren, die bald kreist, bald nach vorwärts drängt, bald sich in die Höhe erhebt, dem Schnitt von Tom Cross und der mitreißenden Musik von Chazelles Stammkomponisten Justin Hurwitz lässt der 37-jährige Amerikaner eintauchen in das exzessive Treiben, bei dem nicht nur ekstatisch getanzt, gekokst und getrunken wird, sondern auch Frauen und Männer vor den Augen der anderen am Rande der Tanzfläche kopulieren.


Während Manny als Mädchen für alles eine junge Schauspielerin, die in einem Hinterzimmer nach einer Überdosis Drogen kollabierte, heimlich beiseite schaffen soll, erregt Nellie, für die der Stummfilmstar Clara Bow als Vorbild diente, mit einem furiosen Tanz Aufsehen. So darf sie auch am nächsten Tag für die kollabierte Schauspielerin bei einem Film einspringen.


Doch Chazelle nützt die Party auch, um weitere Protagonist:innen vorzustellen. Da gibt es den renommierten Stummfilm-Star Jack Conrad (Brad Conrad), der wieder einmal vor einer Scheidung steht, ebenso wie die Klatschkolumnistin Elinor St. John (Jean Smart), die chinesischstämmige Texterin von Zwischentiteln Lady Fay Zhu (Li Yun Li) oder den schwarzen Jazz-Musiker Sidney Palmer (Jovan Adepo). Nur in dieser Szene sind alle Figuren versammelt, anschließend werden sich ihre Wege trennen und der Film wird ihnen in einer an Robert Altman erinnernden Parallelmontage folgen.


Doch während sich in den Filmen Altmans wie dem famosen "Nashville" vielfache Querverbindungen zwischen Figuren und Szenen einstellen, laufen hier die einzelnen Erzählstränge zunehmend ohne weitere Beziehung nur noch parallel. Statt eine stringente Handlung zu entwickeln, zerfällt "Babylon" so in durch Schwarzblenden und Zeitinserts voneinander getrennte Episoden.


Diese Einzelteile haben es freilich immer wieder in sich. So mitreißend die Partyszene ist, so fulminant ist beispielsweise auch die folgende ebenfalls etwa 30-minütige Sequenz, in der parallel von den Dreharbeiten an einem großen Historienfilm mit Jack Conrad und einer Komödie, mit der Nellie den Durchbruch schafft, erzählt wird.


Mit einer Regisseurin von Nellies Film streicht Chazelle dabei die starke Rolle der Frauen in der Stummfilmzeit Hollywoods ebenso heraus wie mit einem deutschen Regisseur des Historienfilms die damalige Präsenz von europäischen Regisseuren wie Erich von Stroheim, Friedrich Wilhelm Murnau oder Ernst Lubitsch.


Wie der Film zwischen den Protagonist:innen wechselt, so spannt er auch den Bogen von 1926 bis 1932. Mit einer ausführlichen Schilderung der Dreharbeiten eines Tonfilms wird anschaulich und eindrücklich vermittelt, welche Umstellung die neue Technik im Vergleich zum Stummfilm brachte. Gleichzeitig wird aber auch vom zunehmenden Misserfolg des einstigen Stars Conrad, dessen Kostümfilme und romantischen Rollen in der neuen Zeit nicht mehr ankommen, und dem raschen Platzen der Karriere der spiel- und drogensüchtigen Nellie erzählt.


Den Dreharbeiten stehen dabei immer wieder markante Partyszenen gegenüber, die die Eröffnungsszene teilweise kontrastieren. Mehr angedeutet als wirklich ausformuliert wird dabei die Entwicklung von einer freizügigen zu einer zunehmend restriktiven und prüden Gesellschaft. Völlig ausgespart bleiben die Hintergründe, wie der Schwarze Freitag vom 24.10. 1929 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise.


Der hemmungslosen Party am Beginn steht so später eine Abendgesellschaft der vornehmen Gesellschaft gegenüber, in der ein Brechanfall wiederum das Gegenstück zur Elefantenszene am Beginn darstellt. Vollends ins Gegenteil gekehrt wird der Auftakt aber mit einer finalen Partyszene, die nur noch geheim in einem Bunker stattfinden darf. Der ebenso exzessiven wie lustvollen Feier am Beginn steht dabei eine an die Filme David Lynchs erinnernde nächtliche Höllenfahrt und ein Abtauchen in ein Monstrositäten-Kabinett gegenüber, in dem es auch wiederum ein Gegenstück zum Elefanten gibt.


Übervoll ist so dieser Film an Figuren und Ereignissen und gönnt zumindest Brad Pitt als Jack Conrad einen bewegenden Moment. Dünn bleibt aber letztlich die sich nie erfüllende Liebesgeschichte von Manuel und Nellie, die von Margot Robbie mit großem Körpereinsatz und Lust am Vulgären gespielt wird. In der vorwärts ebenso wie in die Breite drängenden Erzählweise, in deren Zentrum immer Chazelle selbst steht, der seine Meisterschaft zelebrieren will, findet der Film kaum Zeit sich auf die Figuren und ihre Gefühle einzulassen.


Raffiniert spielt Chazelle zwar mit Spiegelungen von Film-im-Film-Szenen und Handlungselementen, wenn sich Film-Küsse oder Film-Tränen auf der Handlungsebene wiederholen, aber großes Gefühlskino stellt sich kaum ein, denn der eigentliche Star des Films ist das Kino und die Filmgeschichte selbst. Hier steigert sich "Babylon" im 30 Jahre später (1952) spielenden Epilog auch nochmals zu einer mitreißenden Apotheose der siebten Kunst, wenn in einer fulminanten Montagesequenz an Klassiker der Filmgeschichte von Méliès "Die Reise zum Mond" über Bunuels "Der andalusische Hund" und Dreyers "Die Passion der Jeanne d´Arc" bis zu Hitchcocks "Psycho" und Spielbergs "Jurassic Park" erinnert wird.

Babylon – Rausch der Ekstase USA 2022 Regie: Damien Chazelle mit: Brad Pitt, Margot Robbie, Diego Calva, Jean Smart, Jovan Adepo, Li Jun Li, P. J. Byrne, Lukas Haas, Tobey Maguire, Olivia Hamilton, Max Minghella Länge: 188 min.



Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "Babylon - Rausch der Ekstase"


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