• Walter Gasperi

Armageddon Time - Zeiten des Umbruchs


Autobiographisch gefärbt erzählt James Gray von einer Kindheit im Brooklyn der frühen 1980er Jahre, aber auch von systemischem Rassismus und der Spaltung der US-Gesellschaft: Atmosphärisch stimmige und stark gespielte Mischung aus gefühlvoller Coming-of-Age-Geschichte und Zeitbild, der auch als Kommentar zur gegenwärtigen Situation der USA gelesen werden kann und soll.


1980 sitzt der kleine Paul Graff (Banks Repeta) in einer öffentlichen Schule von Brooklyn. Statt dem Lehrer zuzuhören, zeichnet er lieber und steht so bald zusammen mit dem Afroamerikaner Johnny (Jaylin Webb) als Strafe vor allen Schüler*innen. Doch immerhin beginnt damit eine Freundschaft zwischen Paul und Johnny, dem aufgrund seiner sozialen Lage und seiner Hautfarbe schon jetzt alle Zukunftschancen genommen werden.


Schon zum zweiten Mal sitzt er nämlich in dieser Klasse, kann nicht auf Unterstützung durch seine demente Großmutter hoffen, während Pauls jüdische Familie zum Mittelstand aufgestiegen ist, die aus der Ukraine eingewanderten Eltern der Mutter (Anne Hathaway) sogar akademisch gebildet sind.


Im Gegensatz zu Paul geht sein älterer Bruder so auch auf eine teure Privatschule, die Mutter engagiert sich in der Schulpartnerschaft und strebt das politische Amt einer Bezirksschulrätin an. Im Fernsehen läuft der Wahlkampf Ronald Reagans, der von einer drohenden Armageddon Time – einem Atomkrieg – warnt und Paul eckt immer wieder mit seinen Eltern an, bekommt die Schläge des Vaters (Jeremy Strong) zu spüren.


Einzig vom Großvater (Anthony Hopkins) fühlt er sich verstanden. Mit den familiären Flüchtlingserfahrungen seiner ukrainisch-jüdischen Vorfahren lehrt er Paul Menschlichkeit, fordert ihn auf, die Vergangenheit zu betrachten, damit sie sich nicht wiederholt, und einzustehen für die Schwachen und Benachteiligten.


Doch schwierig ist es für den kleinen Jungen zu seinem Freund Johnny zu stehen, der von Lehrern und Mitschülern diskriminiert wird. Dennoch übersteht die Freundschaft auch die Versetzung Pauls an die Privatschule. Während dort Maryanne Trump (Jessica Chastain), die Tochter des Baulöwen Fred Trump und ältere Schwester von Donald Trump, als Gönnerin der Schule und erfolgreiche Staatsanwältin die Schüler*innen auf harte Arbeit und Einsatz als Grundlage für den Aufstieg einschwört, zeichnet Paul lieber.


Das Gerede von der Elite Amerikas in Politik, Wirtschaft und Finanzen interessiert ihn nicht, denn er will Künstler werden und träumt mit Johnny von einem Ausbruch aus dieser Welt. Doch wieder zeigt sich die Chancenungleichheit von Weiß und Schwarz, wenn Pauls Vater nach einem Fehltritt seines Sohnes mittels Beziehungen alles richten kann, Johnny aber in der Patsche sitzen bleibt.


Mit Zeitlupe akzentuiert James Gray das Gefühl des Verrats, das Paul erfüllt, der zwar immer versucht, seinem Freund beizustehen, damit in der Erwachsenenwelt aber nicht viel Erfolg hat. Und parallel dazu wird im Fernsehen vom Wahlsieg Ronald Reagans berichtet.


Rund und stimmungsvoll erzählt James Gray diese autobiographisch gefärbte Coming-of-Age-Geschichte. Atmosphärisch dicht werden die 1980er Jahre beschworen und leichthändig verbindet Gray die private Geschichte mit einem Zeitbild der USA, indem wieder die Gegenwart gespiegelt wird.


Am Einzelschicksal Johnnys wird so von einem systemischen Rassismus ebenso erzählt wie im Gegensatz von öffentlicher Schule und bestens ausgestatteter Privatschule von einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung. Denn während die Schüler*innen der Privatschule darauf vorbereitet werden, die Elite des Landes zu bilden, werden die Absolvent*innen der öffentlichen Schule kaum Aufstiegschancen haben und zu den Abgehängten der Gesellschaft gehören.


Ohne grob zu dramatisieren erzählt Gray ruhig und gefühlvoll diese Geschichte und bietet Anthony Hopkins als Großvater eine große Altersrolle. Man spürt sein persönliches Engagement und seine Identifikation mit dem kleinen Paul. Ein schöner Film ist dem Amerikaner hier gelungen, der damit auch zum Schauplatz seines Debüts "Little Odessa" (1994) zurückkehrt, das im Milieu von Exil-Russen in Brooklyn spielte.


Gleichzeitig schreibt Gray, der zuletzt mit "Ad Astra" (2019) einen bildgewaltigen Science-Fiction-Film drehte, aber auch teilweise das Melodram "The Immigrant" (2013) fort, in dem er von den Schwierigkeiten zweier polnischer Schwestern bei der Ansiedlung in den USA in den frühen 1920er Jahre erzählte.

Und wie "The Immigrant" und der große Abenteuerfilm "The Lost City of Z" (2016) steht auch "Armageddon Time – Zeiten des Aufbruchs" ganz in der Erzähltradition des klassischen Hollywoods. Dessen Inszenierungstechniken beherrscht Gray zweifellos souverän, doch dieser formale Konservativismus lässt bei allen Schönheiten und Qualitäten dieses Films auch das Gefühl zurück, dass das gewisse Etwas, der letzte Punch und Druck fehlen, um dieses Coming-of-Age-Drama zu einem wirklich großen Film zu machen.

Armageddon Time – Zeiten des Umbruchs USA 2022 Regie: James Gray mit: Anne Hathaway, Jeremy Strong, Banks Repeta, Anthony Hopkins, Jessica Chastain, Jaylin Webb Länge: 115 min.



Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn.


Trailer zu "Armageddon Time - Zeiten des Aufbruchs"