• Walter Gasperi

Ad Astra


© 2019 Twentieth Century Fox

In den endlosen Weiten des Weltraums erzählt James Gray eine intime Vater-Sohn-Geschichte, stellt dem Forscherdrang das Private gegenüber und fragt im Kern nach dem Wesentlichen im menschlichen Leben. – Ein bildgewaltiger, von einem großartigen Brad Pitt getragener Science-Fiction-Film, der auch erzählerisch zwischen Action-Szenen und meditativen Passagen pendelt.


Elektromagnetische Stürme, die durch Explosionen in der Nähe des Neptuns verursacht werden, kosten nicht nur dem Astronauten Roy McBride (Brad Pitt) beim Bau einer gewaltigen Weltraumantenne fast das Leben, sondern verursachen auch auf der Erde zunehmend schwere Katastrophen. Der US-Geheimdienst glaubt, dass Roys Vater (Tommy Lee Jones) dahinter steckt, der vor über 20 Jahren mit einem Team in den Weltraum geschickt wurde, um nach außerirdischem Leben zu suchen, aber anscheinend den Verstand verloren hat und nun Erde und Menschheit mit terroristischen Anschlägen zerstören will.


Um diesen als Held verschollenen Astronauten aufzuspüren, setzt die NASA Roy ein, schickt ihn - entsprechend dem Vergils "Aeneis" entnommenen Titel "Ad Astra - Zu den Sternen" - über Mond und Mars, wo die Menschen riesige Raumstationen errichtet haben, in Richtung Neptun.


Unübersehbar ist das Vorbild von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now", in dem ein US-Offizier im Vietnamkrieg den Auftrag bekommt einen Fluss hinaufzufahren und einen hoch dekorierten, aber verrückten Offizier, der im Dschungel sein eigenes Reich errichtet hat, zu liquidieren. Gleichzeitig erinnert die Vater-Sohn-Geschichte und der ausgiebige Einsatz von Voice-over aber auch an Terrence Malicks "The Tree of Life".


Andererseits steht "Ad Astra" aber auch ganz in der Nachfolge von James Grays eigenem Abenteuerfilm "The Lost City of Z". Wie dort ein Vater aufbrach, um im Amazonasdschungel eine versunkene Stadt zu finden, verließ auch hier der Vater die Familie, um ferne Welten zu entdecken. In beiden Filmen steht Forscherdrang und wissenschaftliche Erkenntnis den persönlichen Beziehungen gegenüber und wird letztlich die Frage aufgeworfen, was wirklich wesentlich im Leben ist.


Gray gibt letztlich einfache Antworten, faszinierend ist aber, wie er diese im Grunde simple Geschichte erzählt. Konsequent arbeitet er nämlich mit Gegensätzen, setzt einerseits – verstärkt durch das Voice-over Pitts – auf einen meditativen Erzählrhythmus, streut andererseits fulminante und hochspannende Actionszenen ein. Dazu kommt das meisterhafte Spiel mit dem Gegensatz von endlosem Weltraum und intimer Vater-Sohn-Geschichte.


Immer wieder machen die grandiosen Weltraumbilder die Kleinheit und Verlorenheit des Menschen spürbar und werfen die Frage auf, was er denn da draußen sucht. Die gleitende Kamera von Hoyte van Hoytema lässt auch den Zuschauer die Schwerelosigkeit erfahren, aber eben auch die Melancholie und Einsamkeit. Im äußeren Raum spiegelt sich dabei auch Roys innere Befindlichkeit.


Den Weltraum mögen die Menschen hier besiedeln, doch das Leben auf dem Außenposten auf dem Mond scheint sich durch nichts von dem auf der Erde zu unterscheiden. Die gleichen Shopping-Malls und Lichtreklamen gibt es auch auf dem Trabanten, auch hier herrscht Gier nach Ressourcen, die zu brutalen Überfällen führt.


Aber auch Kritik an Behörden wie der NASA übt Gray, denn diese benutzt Roy nur, versucht ihn kalt zu stellen, als Gefahr aufkommt, dass er gegen deren Interessen handeln könnte. Doch der erfahrene Astronaut, den nichts aus der Ruhe bringen kann lässt sich nicht mehr aufhalten, sondern will persönlich seinem lange vermissten Vater gegenübertreten.


Wie in "Apocalypse Now" mit der Begegnung zwischen Willard und Kurtz stehen sich hier schließlich Vater und Sohn gegenüber. Allein mögen sie im Weltraum sein, doch wie eine Nabelschnur sind sie durch ein Seil verbunden, bis sich der Sohn doch vom Vater löst.


Bei aller visuellen und akustischen Brillanz (Sounddesign von Gary Rydstrom; Musik von Max Richter) sollte man auch die schauspielerische Leistung von Brad Pitt, der hier nach Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" zum zweiten Mal in diesem Jahr brilliert, nicht übersehen. Intensiv spielt er diesen Astronauten, der sein Verhältnis zu seinem Vater ausagieren und neu definieren muss, macht hinter der kühlen und gelassenen Fassade, die ihm von der NASA antrainiert wurde, die Verlorenheit dieser Figur, die erst wieder zu einem Menschen mit Gefühlen werden muss, spürbar.


Die zahlreichen Großaufnahmen von Pitt stehen dabei wiederum im Kontrast zu den Totalen des Weltraums und mehr als die grandiosen Bauten der Raumstationen oder eine spektakuläre Verfolgungsjagd auf dem Mond, die deutlich machen, wohin das Budget von rund 90 Millionen Dollar geflossen ist, interessiert Gray die Psyche seines Protagonisten. Von der endlosen Weite führt "Ad Astra" so zum Innersten: zur Entwicklung des Protagonisten von der funktionierenden Maschine, die niemandem vertraut, zum Menschen, der wieder leben und lieben kann.


Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "Ad Astra"