• Walter Gasperi

Alice et le maire


Weil sich der sozialistische Bürgermeister von Lyon ausgebrannt fühlt und keine Ideen mehr hat, holt er die junge Philosophin Alice Heimann in den Stab. – Nicolas Pariser gelang eine mit Fabrice Luchini und Anaïs Demoustier glänzend besetzte intelligente Komödie über Macht und die fehlende Bodenhaftung heutiger Politik.


Mit einem Schwenk über Lyon wird der Schauplatz vorgestellt. Verankert ist diese Einstellung im Blick der 30-jährigen Alice Heimann (Anaïs Demoustier), die nach Jahren des Studierens und Reisens in ihre Heimat zurückkehrt. Sogleich marschiert sie entschlossenen Schrittes von ihrer Wohnung durch die Stadt über den Hauptplatz ins prächtige, an einen königlichen Palast erinnernde Regierungsgebäude des sozialistischen Bürgermeisters Paul Théraneau (Fabrice Luchini).


Eine neue Stelle soll Alice hier antreten, ihre Aufgabe erklärt ihr der Bürgermeister persönlich: Nicht ins operative Geschäft soll sie sich einmischen, sondern vielmehr den Blick auf das große Ganze richten und ihm neue Ideen liefern. Jahrzehntelang sprühte er zwar vor Ideen, jetzt aber sei sein Tank leer.


Mit den Augen von Alice, die sich selbst nicht als Philosophin sieht, blickt der Zuschauer aufs Räderwerk der Politik, erkennt wie die Protagonistin, welche Kluft zwischen den Mächtigen und der Bevölkerung besteht. Rasch durchschaut Alice, dass in der Politik nur noch verwaltet wird, aber die zukunftsweisenden Ideen fehlen und der Bürgermeister nur noch funktioniert und seine Auftritte und Sitzungen routiniert, aber leidenschaftslos herunterspult.


So regt Alice ihn zu Bescheidenheit an, erklärt ihm, dass es wichtig sei, die Bodenhaftung und die Nähe zum Volk wieder zu finden. Das ist aber leichter gesagt als getan angesichts der vielen Gruppierungen, die mitreden oder kritisieren bis hin zum Einfluss eines Millionärs, der die Vorbereitungen für die 2500-Jahr-Feier von Lyon leitet, dabei aus Sicht von Alice aber nur absurde Vorschläge macht.


Wie immer ein Vergnügen ist es Fabrice Luchini zuzusehen, dessen Rolle etwas an den Manager in "L´homme pressé – Das zweite Leben des Monsieur Alain" erinnert. Er lebt diesen Vollblutpolitiker, dessen Blick immer verloren wirkt, und macht seine Hilf- und Ratlosigkeit in jeder Geste und Bewegung sichtbar. Eine perfekte ungleiche Partnerin hat Luchini in Anaïs Demoustier, die für Unbefangenheit und Bodenhaftung steht, aus ganz anderer Perspektive auf das politische Alltagsgeschäft blickt und durch die der Bürgermeister langsam wieder aufwacht und zum Leben findet.


Nicolas Pariser, der seinen zweiten Kinofilm nicht digital, sondern auf 35mm gedreht hat, versteht es seine beiden Hauptdarsteller richtig in Szene zu setzen, ihnen eine Bühne zu bieten, überzeugt aber auch mit flüssiger Erzählweise und genauem Blick. Präzise deckt er in ebenso intelligenten wie pointierten Dialogen und prägnanten Szenen die Spannungsfelder auf, plädiert für mehr Philosophie in der Politik und bietet am Rande auch Einblick in die persönliche Situation des Bürgermeisters und von Alice.


Während sie noch nach dem Weg im Leben sucht, erklärt er ihr, dass für ihn Beruf und Politik immer an erster Stelle standen und er dafür auch seine Ehe geopfert hat. Weil diese private Ebene aber doch etwas zu kurz kommt und die Charaktere weitgehend auf ihren Beruf reduziert bleiben, packt "Alice et le maire" insgesamt emotional nicht wirklich und kommt in seinem theoretischen Diskus doch ziemlich kühl daher.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - z.B.: Kinok St. Gallen und Skino in Schaan


Trailer zu "Alice et le maire"