• Walter Gasperi

Un homme pressé – Das zweite Leben des Monsieur Alain


Nach einem Schlaganfall muss sich ein Manager neu orientieren. – Hervé Mimran wahrt erstaunlich sicher die Balance zwischen Drama und Komödie und kann auf einen überragenden Fabrice Luchini in der Hauptrolle vertrauen, verzettelt sich teilweise aber in Nebengeschichten.


Um 5.30 Uhr lässt sich der Topmanager Alain Wapler (Fabrice Luchini) von den Wirtschaftsnachrichten wecken, doch an diesem Morgen kann er seinen Arm nicht mehr richtig bewegen. Mit Mühe quält er sich aus dem Bett. Langsam bessert sich sein Zustand und er macht weiter wie bisher, denn „Ich ruhe mich aus, wenn ich tot bin“.


Für seine Haushälterin hat er kein nettes Wort, seinen Hund beachtet er kaum, per Chauffeur geht es in die Automobilfirma, wo er Mitarbeiter schult, Jobbewerber prüft, um dann noch an der Uni einen Vortrag zu halten. – Mit rasanter und perfekt getakteter Montage überträgt Hervé Mimran das rastlose und durchgeplante Leben Alains auf die filmische Erzählweise.


Einen Sturz beim Verlassen der Firma übergeht er als Kleinigkeit, doch als er sich bei der Heimfahrt übergibt, fährt ihn sein Chauffeur ins Krankenhaus. Nach drei Tagen erwacht er aus dem Koma, will sofort weitermachen wie bisher, doch seine sprachlichen Fähigkeiten sind eingeschränkt. Einerseits hat er nämlich seinen Orientierungssinn verloren, andererseits vertauscht er immer wieder Buchstaben oder ganze Silben, leidet unter der sogenannten Aphasie, im speziellen wohl einer Wernicke-Aphasie. Bald muss er zudem feststellen, dass auch seine Firma trotz seiner langjährigen Verdienste nicht an einem Mitarbeiter festhalten will, der nicht mehr 100% Leistung erbringen kann.


Ernst sind die Themen, die Mimran in der Verfilmung des 2014 erschienenen autobiographischen Romans von Christian Streiff, des ehemaligen Chefs von Airbus und Citroen, anschlägt, doch sicher hält er die Balance zwischen Drama und Komödie. Etwas zu leicht nimmt er zwar die Folgen eines Schlaganfalls, zu einfach verläuft die Genesung, aber der empathische Blick auf den Protagonisten und Fabrice Luchinis Spiel nehmen doch für diese Tragikomödie ein.


Großartig vermittelt der 68-jährige Franzose nicht nur, wie Alain am alten Leben festhalten will und doch erkennen muss, dass er sich ändern muss, langsam Zeit für andere Menschen wie seine Tochter entwickelt und sich zu bedanken lernt, sondern macht auch berührend Alains Beeinträchtigungen spürbar. Plötzlich muss seine Tochter ihn nämlich durch sein eigenes Haus führen, ihm erklären, dass dies das Zimmer seiner verstorbenen Frau gewesen sei, und vom wenige Meter entfernten Café findet er nicht mehr nach Haus.


Für Witz sorgen die im Grunde gar nicht witzigen Sprachprobleme Alains, bei denen beispielsweise aus „Guten Tag“ „Auf Wiedersehen“, aus der „Logopädin“ eine „Psychopathin“, aus „Whisky“ „SkyWhi“ und aus „Genf“ „Senf“ wird. Auch hier sorgt Luchini, der schon ziemlich grandios die vielfältigen Verballhornungen der Dialoge verinnerlicht hat und ganz selbstverständlich und todernst von sich gibt, dafür dass „Das zweite Leben des Monsieur Alain“ nie in Peinlichkeit abgleitet, sondern hinter dem Witz immer die Tragik spüren lässt.


Schwer vorzustellen ist freilich, dass diese „Sprachspielereien“ bei einer untertitelten Fassung funktionieren, sofern man nicht sehr gut französisch beherrscht. Für einmal scheint hier die synchronisierte Fassung empfehlenswert.


Im Zentrum steht aber die Kritik an einem Wirtschaftssystem, das dem Menschen keine Schwächen und keine Ruhepausen zugesteht. Prägnant zeigt Mimran, wie rücksichtslos ausgetauscht wird, wer dem Druck nicht mehr Stand hält, denn die Verkaufszahlen gehen über alles.


Rund und flüssig ist das inszeniert, andererseits packt Mimran aber auch zu viel hinein. Dass Alain von einer Logopädin (Leïla Bekhti) betreut wird, ist ja noch durchaus logisch, dass diese dann aber auch noch nach ihrer Mutter sucht, die sie nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat, ist zu viel des Guten. Auch auf einen Krankenpfleger, der um diese Logopädin wirbt, hätte man verzichten können, andererseits sorgt dieser mit einer Skateboardfahrt zu zweit durch das nächtliche Paris für eine hemmungslos romantische Szene.


Geschickt versteht es Mimran auch Emotionen durch den Musikeinsatz zu schüren. Den Bogen spannt er dabei von „As Time Goes By“, zu dem auch Ausschnitte aus dem unverwüstlichen Klassiker „Casablanca“, offensichtlich Alains Lieblingsfilm, kommen, über Cat Stevens „Father and Son“ bis zu Harry Nilssons „Everybody´s Talking“, - Das wirkt zweifellos, wirkt in seiner Fülle aber auch wie Kitt, der erzählerische Lücken schließen oder übertünchen muss.


Wirklich den Faden verliert Mimran aber nach rund eineinhalb sehr unterhaltsamen Stunden aber im Finale, wenn er Alain auf eine Reise schickt, bei der nur noch Postkartenansichten, die landschaftlich und klimatisch im Grunde nicht zusammenpassen, aneinandergereiht werden. Schön anzusehen sind freilich auch diese Bilder, aber das Feelgood-Movie verkommt hier zur Tourismuswerbung und die Entschleunigung und das befreite Leben, die hier vermittelt werden sollen, bleiben reine Behauptung. Um diese erfahrbar zu machen, hätte in diesen Szenen, die gezielt als Gegenpol zum Auftakt des Films angelegt sind, auch das Erzähltempo zurückgenommen werden müssen, doch die Schnittfrequenz bleibt hoch und so rasch wie am Beginn die Arbeitsszenen wechseln nun die Schauplätze, an die Alain seine Reise führt.


Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung), im Kino Rio (franz. O.m.U.) und im Kinok St. Gallen (franz. O.m.U.)


Trailer zu "Un homme pressé - Das zweite Leben des Monsieur Alain"