• Walter Gasperi

55. Solothurner Filmtage: Engagement statt Rückzug ins Private


Wie der Chemie-Nobelpreisträger Jacques Dubochet in Stéphane Goëls Dokumentarfilm „Citoyen Nobel“ von den Wissenschaftlern öffentliches Engagement fordert, so erzählten mehrere Filme der heurigen Solothurner Filmtage vom Spannungsfeld zwischen privatem Glück und der Notwendigkeit von gesellschaftlichem Engagement. Dazu gehört auch Boutheyna Bouslamas Dokumentarfilm „À la recherche de l´homme à la caméra“, der mit dem mit 60.000 Schweizer Franken dotierten Prix Soleure ausgezeichnet wurde. Der mit 20.000 dotierte Prix du Public ging dagegen an Samirs soliden Thriller „Baghdad in My Shadow“.


Beginnend mit der Verleihung des Nobelpreises für Chemie im Oktober 2017 begleitete Stéphane Goël den Lausanner Jacques Dubochet über mehr als zwei Jahre. Wofür Dubochet genau den Nobelpreis bekam, interessiert Goël dabei wenig, auch seine Ehe und sein Privatleben, in das Home-Movies aus früheren Tagen kleinen Einblick bieten, werden nur am Rande gestreift. Im Zentrum steht, wie der Preisträger mit seiner plötzlichen Berühmtheit umgeht.


Im Gemeinderat von Morges waren Dubochet und seine Frau schon lange aktiv, jetzt geht er aber auch auf Fridays for Future-Demonstrationen und zu Tagungen zur Klimakrise und erhebt seine Stimme. Vom Porträtfilm wird „Citoyen Nobel“ so zunehmend zu einem Film über die Notwendigkeit von gesellschaftlichem Engagement, bleibt aber in der konventionellen Machart und in der dahinplätschernden, nichts verdichtenden und akzentuierenden Erzählweise doch ohne nachhaltige Wirkung.


Allein von der Präsenz seines Protagonisten wird dieser Film getragen, von seiner umgänglichen Art und seinem Sinn für Humor, gleichzeitig bewegt sich Dubochet dabei freilich auch an der Grenze zum Selbstdarsteller und nachvollziehbar ist, dass sein Sohn ihm gegen Ende im Scherz vorwirft, ein Exhibitionist zu sein, der von Kongress zu Kongress reist.


Engagiert hat sich auch der Syrer Oussama, indem er die Proteste gegen das Regime mit seiner Kamera festhielt. Doch dann verschwand er 2013. Ausgehend von Kindheitsfotos und der Erinnerung an die erste Begegnung mit Oussama bei einem Urlaub in Syrien in den 1990er Jahre spürt die Tunesierin Boutheyna Bouslama in ihrem Dokumentarfilm „À la recherche de l´homme à la caméra“ dem Verschwinden ihres Kindheitsfreundes nach.


Sie befragt Freunde Oussamas ebenso wie andere Demonstranten, einen Widerstandskämpfer, der in den 1990er Jahren inhaftiert war, und einen regimekritischen Kameramann, der beim Dokumentarfilm „Homs – Ein zerstörter Traum“ die Kamera führte. Vom sehr persönlichen und bewegenden Film einer mehrjährigen Suche weitet sich „À la recherche de l´homme à la caméra“ so zu einer Auseinandersetzung mit der Macht oder auch Machtlosigkeit der Bilder und der Gefahr, die die Bildproduktion für die Akteure bedeuten kann.


Denn während die Verbrechen des Regimes in früheren Jahren im Geheimen abliefen, können sie heute mittels Sozialen Medien weltweit verbreitet werden – gleichwohl schaut die Weltöffentlichkeit tatenlos zu, während die Leute, die diese Bilder machten, Gefahr eines „gewaltsam verursachten Verschwindens“ laufen.


Eindrücklich vermittelt Bouslama ihre zunehmende Trauer und Verzweiflung. Nicht nur ein Klagegesang über den persönlichen Verlust ist das, sondern auch einer über die Situation in Syrien und die Gleichgültigkeit der Welt und erst im Epilog tritt an die bange, aber immer noch von leiser Hoffnung durchzogene Unsicherheit tragische Gewissheit.


Von Widerstand gegen einen Raubtierkapitalismus erzählt dagegen Sabine Boss in ihrem Spielfilm „Jagdzeit“. Im Mittelpunkt steht der sich langsam steigernde Konflikt zwischen dem humanistisch gesinnten Finanzchef (Stefan Kurt) eines Schweizer Autozulieferers und dem neuen Manager, der mit unüberlegten Aktionen das angeschlagene Unternehmen in den Untergang zu stürzen droht.


Ganz für die Firma lebt dieser Finanzchef, seine Arbeitswut zerstörte schon seine Ehe, für seinen Sohn hat er nie Zeit. Die kalte Designer-Wohnung vermittelt ebenso wie das kalte Firmengebäude dieses emotionslose Leben.


Hält er zunächst zu dem mit Ulrich Tukur ideal besetzten Manager, der sich jovial gibt, aber auch zeigt, dass er keine Widerrede duldet, so geht er bald zunehmend auf Distanz, doch gleichzeitig führt der Druck auch zunehmend zu psychosomatischen Störungen, bis er nur noch einen Ausweg sieht, um gegen den Manager zu protestieren.


Detailreich bietet Sabine Boss Einblick in kapitalistische Arbeitswelten und Arbeitsweisen, vergleicht das Agieren des Mangers mit seiner Jagdlust und das Verhältnis von Manager und Angestellten mit dem Verhältnis zwischen Samurai und Fürst im japanischen Mittelalter.


Gleichzeitig stellt sie diesem rücksichtslosen Wirtschaften, das nur auf Boni des Vorstandsrates abzielt, den Wert des Menschen gegenüber und fragt mit Blick auf die zerbrochene Familie des Finanzchefs, was letztlich wesentlich ist. Wie am Reißbrett ist freilich das dicht geschnürte Drehbuch entworfen, lässt keinen Raum für Brüche und Ambivalenzen, packt aber durch die stringente Erzählweise und die starke Besetzung.


Ganz im Privaten bleibt dagegen Delphine Lehericeys „Le milieu de l´horizon“, der in vier Kategorien für den Schweizer Filmpreis nominiert ist. Mit lichtdurchfluteten Bildern und Zirpen von Grillen versetzt sie von Beginn an den Zuschauer in den sengend heißen Sommer von 1976. Mehr noch als die Menschen leiden Tiere und Natur in dieser ländlichen Region auf dem Bauernhof der Eltern des 13-jährigen Gus unter der Hitze. Das Getreide verdorrt, die Hühner im Plastikzelt verenden, Wasser muss mit Tankwagen herbeigeschafft werden.


Vor oder auch durch diesen hitzigen Hintergrund kommen aber auch die Gefühle der Protagonisten in Bewegung. Während bei Gus sexuelles Interesse erwacht, brechen bei seiner Mutter die Gefühle für Cécile durch, die sie in einem feministischen Buchclub kennenlernte. Verstört beobachtet Gus die Mutter bei ihrem heimlichen Treffen, wie ein Gewitter brauen sich Spannungen auf, als auch der Vater hinter die Affäre seiner Frau kommt.


Unterstützt von Kameramann Christophe Beaucarne, der intensiv die sommerliche Hitze beschwört, und hervorragenden Schauspielern gelang Lehericey mit dieser Verfilmung von Roland Butis Roman „Das Flirren am Horizont“ eine bildstarke und gefühlsintensive Coming-of-Age-Geschichte, die mit Spannung auf weitere Filme der 45-jährigen Regisseurin warten lässt.


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