• Walter Gasperi

55. Solothurner Filmtage: Berührende Blicke auf Kinder

Aktualisiert: Jan 29


Starke Dokumentarfilme drücken den Solothurner Filmtagen den Stempel auf. Großes Einfühlungsvermögen und tiefe Menschlichkeit zeichnen „Where We Belong“, in dem Jacqueline Zünd Scheidungskinder porträtiert, und Edgar Hagens Einblick in Leben und Betreuung von Kindern mit schwerer Behinderung in „Wer sind wir?“ aus. Daniel Howald dokumentiert dagegen in „Who´s Afraid of Alice Miller?“ die Suche von Martin Miller nach der Biographie seiner berühmten Mutter Alice Miller.


Weltberühmt wurde die polnisch-schweizerische Psychologin Alice Miller durch die Bestseller „Das Drama des begabten Kinds“ und „Am Anfang war Erziehung“. Entschieden setzte sie sich in der Öffentlichkeit für Rechte der Kinder und gegen elterliche Gewalt ein, ihr Sohn Martin erlebte sie aber als gefühlskalte Frau, die nie eingriff wenn der Vater ihn schlug.


Verstört über diesen Widerspruch machte sich der als Psychotherapeut arbeitende Sohn nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 2010 auf eine Spurensuche nach deren Biographie. Über eine in den USA lebende Tante führte ihn der Weg dabei nach Polen und von der Gegenwart zurück in die Zeit der NS-Herrschaft, während der Miller als junge Frau unter falschem Namen untertauchen und sich verstecken musste.


So weitet sich in der sorgfältig aufgebauten, aber auch sehr wortlastigen Spurensuche der Blick von der biographischen Suche zum historischen Verbrechen der Shoah und rückt die lebenslange Traumatisierung durch diese Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs ins Zentrum.


Während Howald eine kalte Mutter-Sohn-Beziehung, in die auch immer wieder aus dem Off eingesprochene Briefe von Alice Miller Einblick bieten, durch die Biographie der Mutter erklärt, fokussiert Edgar Hagen in „Wer sind wir?“ auf dem bedingungslosen Einsatz einer Mutter beziehungsweise eines Elternpaares für ihre Kinder, die mit schwerster Behinderung leben müssen.


Während die 19-jährige Helena an tuberöser Sklerose leidet, wurde beim 12-jährigen Jonas neun Monate nach seiner Geburt eine schwere Störung des Gehirns diagnostiziert. Da beide Betroffenen deshalb nicht sprechen können, Jonas zudem im Rollstuhl sitzt, ist es für ihre Umwelt schwer, Zugang zu ihnen finden.


Mit einfühlsamem Blick, fern von jedem Voyeurismus bietet Hagen in begleitender Beobachtung Einblick in den Alltag dieser Menschen mit Behinderung und zeigt, wie sie mit entsprechender Förderung auch Fortschritte machen können. Gleichzeitig dokumentiert Hagen aber auch, wie sich das Leben der Eltern durch die Diagnose völlig veränderte und wie sie lernten neue Wertigkeiten zu setzen.


So ist „Wer sind wir?“ auch eine Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft, fragt nach der Akzeptanz dessen, was nicht in unsere Vorstellungen passt, und zeigt, wie beispielsweise in einer inklusiven Schule auch Toleranz gefördert wird, wenn eine Mitschülerin von Jonas erklärt, dass sie mit ihm wie in einer Fremdsprache über die Augen kommuniziere.


Ganz auf Augenhöhe von fünf Scheidungskinder unterschiedlichen Alters begibt sich Jacqueline Zünd in „Where We Belong“. In statischen Einstellungen erzählen sie frontal in die Kamera, wie sie die Scheidung der Eltern erlebten, wie sie jeder Elternteil auf seine Seite zu ziehen versuchte, sie manipulierte und über den jeweils anderen Elternteil herzog.


Die Eltern bleiben mit einer Ausnahme außen vor, dafür unterbricht Zünd die Interviewebene immer wieder mit poetischen Bildern von den im Meer tauchenden Zwillingen, vom Besuch eines Jahrmarkts, oder von der Landschaft um den Bauernhof, auf dem Thomas lebt. Diese Momente, die von großartigem Sounddesign und Musik unterstützt werden, lockern die sehr klaren, aber auch bitteren Ausführungen der Scheidungskinder nicht nur auf, sondern verleihen „Where We Belong“ auch einen schwebenden traumhaften Rhythmus.


Nicht um konkrete Informationen geht es hier, sondern mit großartigem Gespür für rhythmische filmische Gestaltung, für Bilder und Töne, Farben und Musik entsteht ein kunstvolles Filmgedicht, das intensiv die Gefühle und die Befindlichkeit dieser Kinder nachempfinden lässt und bei allen schmerzenden Erfahrungen dennoch Hoffnung verbreitet, dass diese kleinen Protagonisten einen positiven Weg in die Zukunft finden werden.


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