• Walter Gasperi

Vorschau auf die 55. Solothurner Filmtage (22. - 29. 1. 2020)

Aktualisiert: Jan 29


Mit 178 Filmen bieten die Solothurner Filmtage vom 22. bis 29. Januar 2020 wieder einen Einblick ins aktuelle Schweizer Filmschaffen. Ein Spezialprogramm widmet sich dabei Serien und im „Rencontre“ wird das Schaffen der renommierten Dokumentarfilmerin Heidi Specogna vorgestellt.


Erstmals werden die Solothurner Filmtage heuer von Anita Hugi geleitet, die Seraina Rohrer nachfolgt, die nach acht Jahren zur Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia wechselte. Gespannt sein darf man, ob und welche Akzente die neue Direktorin setzen wird.


Eröffnet werden die 55. Filmtage mit Micha Lewinskys Spielfilm „Moskau Einfach!“, in dem auf der Grundlage des Schweizer Fichenskandals von einem Polizisten erzählt wird, der im Herbst 1989 unmittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer im Zürcher Schauspielhaus eingeschleust wird, um Informationen zu sammeln.


Zwei Spielfilme und zehn Dokumentarfilme konkurrieren im Wettbewerb um den mit 60.000 Schweizer Franken dotierten Prix de Soleure, der thematisch auf gesellschaftlich aktuelle Filme mit humanistischem Inhalt ausgerichtet ist. Schon von anderen Festivals oder vom Kinoeinsatz bekannt sind hier der Dokumentarfilm „African Mirror“, in dem Mischa Hedinger anhand der in den 1950er und 1960er Jahren entstanden Afrikafilmen René Gardis das Schweizer Afrikabild in Frage stellt, oder Esen Isiks zweiter Spielfilm „Al-Shafaq – Wenn der Himmel sich spaltet“. Isik erzählt darin parallel von einem jungen türkischstämmigen Schweizer, der sich zunehmend radikalisiert und in den Dschihad nach Syrien aufbricht, und einem syrischen Jungen, der in diesem Krieg seine ganze Familie verliert.


Schon beim Filmfestival von Locarno hatte dagegen Basil Da Cunhas „O fim do Mundo“ Premiere, doch auch Uraufführungen fehlen nicht. Gespannt sein darf man so auf den Dokumentarfilm „Citoyen Nobel“, in dem Stéphane Goel den Chemie-Nobelpreisträger Jacques Dubochet porträtiert und zeigt, wie der Forscher seinen Ruhm in den Dienst der Zivilgesellschaft und des Klimaschutzes stellt. Weltpremiere feiert in Solothurn aber auch der Dokumentarfilm „Arada“, in dem Jonas Schaffter drei in der Schweiz aufgewachsene Männer, die nach Straftaten in ihr Herkunftsland Türkei abgeschoben wurden, mit der Kamera begleitet.


Daniel Howald erkundet dagegen in „Who´s Afraid of Alice Miller?“ die persönlichen Abgründe hinter dem Psychologie-Standardwerk „Das Drama des begabten Kindes“. Mit „Jagdzeit“ von Sabine Boss feiert aber auch ein Spielfilm im Wettbewerb um den Prix de Soleure Weltpremiere. Boss erzählt darin vom Finanzchef einer Traditionsfirma, der sich in einen Machtkampf mit einem skrupellosen Topmanager verstrickt.


Im Wettbewerb um den mit 20.000 Schweizer Franken dotierten Prix du Public dominieren zahlenmäßig mit acht zu vier die Spielfilme gegenüber den Dokumentarfilmen. Neben schon erfolgreich gestarteten Filmen wie Niklaus Hilbers „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ oder Samirs Thriller „Baghdad in My Shadow“ und Natascha Bellers Komödie „Die fruchtbaren Jahre“ finden sich auch hier mit dem Eröffnungsfilm „Moskau Einfach!“ und Peter Guyers und Thomas Burkhalters Dokumentarfilm „Contradict“ zwei Weltpremieren. Die beiden Schweizer Filmemacher porträtieren darin sechs Musikerinnen und Musiker in Ghana und spüren der Frage nach, wie man die Entwicklungen und den Wertewandel in unserer Zeit von Afrika aus sieht.


Auf den Boom des seriellen Erzählens wird im Spezialprogramm Fokus reagiert. Einzelne Episoden aus Schweizer Serien wie Anne Deluz´ „Bulle“, in der eine Familie mit der Krebserkrankung der Mutter konfrontiert wird, oder Pierre Monnards „Wilder“, in der an einem abgelegenen Ort im Berner Jura drei Leichen gefunden werden, stehen hier neben internationalen Serien wie Bruno Dumonts „Coincoin et les Z'inhumains“ oder Jim McKays „En el septimo Dia“.


Ehrengast der Filmtage ist die Dokumentarfilmerin Heidi Specogna, die in ihren politischen Filmen immer wieder eine klare Haltung bezog. In der Programmschiene „Rencontre“ werden elf lange und fünf kurze Filme gezeigt, die Einblick ins Schaffen Specognas bieten. Der Bogen spannt sich hier von „Das kurze Leben des José Gutierrez“, in dem die Bielerin erschütternd Schicksal eines guatemaltekischen Migranten nachzeichnet, der für die USA in den Irak zog, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, bis zu „Das Schiff des Torjägers“, in dem der Handel mit afrikanischen Fußballern kritisch beleuchtet wird.


Während Afrika und Lateinamerika im Film sonst nur selten vorkommen, richtete Specogna ihren Fokus immer wieder auf diese Kontinente, thematisierte in „Cahier Africain“ und „Carte Blanche“ die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik ebenso wie die Versuche der Versöhnung, oder porträtierte in „Pepe Mujica, el presidente“ den Präsidenten Uruguays oder in „Tupamaros“ die gleichnamige uruguayische Stadtguerilla. Abgerundet wird dieses Programm durch Gespräche mit Heidi Specogna.


In den Histories du cinéma suisse“ wird an das Schaffen der drei Westschweizer Filmemacherinnen Patricia Moraz, Christine Pascal und Paule Muret erinnert, aber auch der im letzten Jahr verstorbenen Schweizer Filmschaffenden Res Balzli, Bruno Ganz und Claude Goretta wird mit Hommagen gedacht.


Dazu kommt ein umfangreiches Rahmenprogramm mit täglichem Filmbrunch und Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen des Filmschaffens.


Weitere Berichte zu den 55. Solothurner Filmtage:

Berührende Dokumentarfilme über Kinder

Schlussbericht

Trailer der 55. Solothurner Filmtage