47. Filmfestival Max Ophüls Preis: Zugehörigkeit und Selbstermächtigung
- Walter Gasperi

- vor 36 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Im Spielfilmwettbewerb des 47. Filmfestivals Max Ophüls Preis prallen in Ali Tamims Langfilmdebüt "Noah" mit einer türkischen Community und einer Gruppe Polizisten Gegensätze aufeinander. Amélie Bargetzi und Cristelle Jornod porträtieren in "Les chasseresses", der im Dokumentarfilmwettbewerb gezeigt wird, dagegen vier Frauen, die Teil der Walliser Community der Jäger:innen sind.
Ganz sanft beginnt Ali Tamims Spielfilm "Noah" mit leisem Schneefall vor dem Fenster eines Hochhauses, doch plötzlich steht das Bild Kopf, wenn eine türkischstämmige Frau, die Nachricht bekommt, dass ihr Sohn Noah im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen ist.
Während sie in ihrem Wagen unterwegs zum Krankenhaus ist und telefonisch über bürokratische Hürden beim Besuch des Toten informiert wird, eskaliert in einem Hof nicht nur die Konfrontation zwischen türkischen Bewohner:innen der Siedlung und der Polizei, sondern auch Spannungen innerhalb der Polizei zwischen den deutschen Beamten und einem türkischstämmigen Kollegen werden sichtbar. Parallel dazu streifen eine junge Afrikanerin und ihr Freund durch die Stadt und diskutieren voll Wut über eine angemessene Reaktion auf Noahs Tod, grenzen sich von der deutschen Gesellschaft ab und wollen alles niederreißen und neu aufbauen.
Kraftvoll und intensiv ist dieser quasi in Echtzeit erzählte Spielfilm immer wieder, wenn er mit seiner nah geführten Handkamera, seinem hektischen Schnitt und starkem Sounddesign mitten hinein ins Geschehen zieht. Plastisch und aufwühlend vermittelt Tamim auch in den drei parallel erzählten Geschichten die explosiven Bruchlinien, die durch die deutsche Gesellschaft gehen.
Gleichzeitig wird der harsche Realismus der Schilderung immer wieder durch allzu reflektierte Dialoge untergraben und die Wirkung dadurch beeinträchtigt. So spannend beispielsweise die Diskussion der beiden jungen Afrikaner:innen beim Anblick einer Bismarck-Statue über die Aufteilung der Welt bei der Berliner Afrikakonferenz 1884/85 im Grunde sein mag, man glaubt diese diesem Duo so wenig, wie die Diskussion des deutschtürkischen Polizisten und eines Türken über die unterschiedliche Reaktion der Öffentlichkeit auf Mesut Özils Kontakt zum türkischen Präsidenten Erdogan und Lothar Matthäus´ Treffen mit dem russischen Präsidenten Putin.
Unrealistisch intellektuell aufgeladen wirkt so "Noah" teilweise. Eine detailliertere Schilderung der Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft und vor allem der Zerrissenheit des Polizisten zwischen türkischen Wurzeln und deutschem Beamtendienst hätte die Spannungskurve ebenso gesteigert wie ein genauerer Blick auf die Folgen der Selbstermächtigung, die sich bei der türkischen Community im Widerstand gegen die Polizei zeigt und über die die beiden jungen Afrikaner:innen vor allem diskutieren.
Wenig bringen ohne Erklärungen des Regisseurs wohl auch die Bibelbezüge, die sich vom Titel "Noah" bis zu einem einleitenden Zitat aus dem Buch Exodus ziehen, das sich auf den jungen Afrikaner Moussa beziehen soll. Auch hier wirkt der intellektuelle Unterbau mehr störend als hilfreich, wenn Moussa wie sein Namensgeber Moses das israelische Volk aus Ägypten die migrantische Bevölkerung Deutschland in die Selbstermächtigung und Freiheit führen soll.
Ganz auf die begleitende Beobachtung von vier Jägerinnen im Schweizer Wallis beschränken sich dagegen die beiden Dokumentarfilmerinnen Amelié Bargetzi und Cristelle Jornod in "Les chasseresses". Auf jeden Kommentar und Interviews verzichtet das Regieduo, vermittelt die Gedanken der Jägerinnen vor allem in Inserts, die immer wieder zwischen die Bilder eingeschnitten sind. Ruhig ist der Erzählrhythmus, gesprochen wird eher wenig, viel Zeit lassen sich Bargetzi und Jornod dafür für die genaue Beobachtung.
Lange blicken sie hin, wenn die Jägerinnen von ihrem Versteck aus auf das Wild warten, wenn sie anlegen und lange zielen, bis sie abdrücken, oder wenn sie anschließend die Beute ausnehmen. Sie beschränken sich auf die detailreiche Schilderung dieses Handwerks der Jagd und überlassen dessen Bewertung den Zuschauer:innen.
Vor allem in den Inserts wird dabei deutlich, dass sich die Jägerinnen durchaus Gedanken über den brutalen Akt des Tötens machen und lassen dann auch einmal ein Tier laufen, um es vielleicht nächstes Jahr zu erlegen, wenn es schon größer ist. So bleibt dieser Dokumentarfilm, der auch mit großartigen Landschaftsaufnahmen der zunächst herbstlich bunten, dann winterlich verschneiten Walliser Bergwelt von Kameramann Gaétan Nicolas begeistert, im Blick auf die Jagd ambivalent und zeichnet auch ein differenziertes Bild dieser Frauen in einer männlich dominierten Welt.
Denn einerseits scheinen sie zwar als Jägerinnen voll akzeptiert, werden andererseits dann aber doch mit einer Hilfsarbeit beauftragt und auch bei der Ausübung der Jagd erscheinen sie gegenüber den Männern – wie in vielen Berufen – eingeschränkt. Denn ob sie nun arbeiten gehen oder jagen wollen – immer brauchen sie zunächst jemanden, der sich um ihre Kinder kümmert, damit sie sich diesen Freiraum nehmen können.




Kommentare