• Walter Gasperi

Zimmer 212 - In einer magischen Nacht


Nach einem Streit mit ihrem Mann verlässt eine Frau die Wohnung, quartiert sich im Hotel gegenüber ein und lässt in einer Nacht ihre Ehe Revue passieren. – Christophe Honoré gelang mit einer großartigen Chiara Mastroianni in der Hauptrolle ein typisch französischer, leichthändiger und verspielter Film über die Liebe, in dem Geschlechterklischees auf den Kopf gestellt werden.


Schon mit dem Auftakt, bei dem die Juraprofessorin Maria (Chiara Mastroianni) den Studenten Asdrubal Electorat (Harrison Arevalo) aus dem Kleiderkasten mit seiner Freundin beobachtet, bis sie sich langweilt und sich zeigt, macht Christophe Honoré klar, dass er Geschlechterklischees auf den Kopf stellt. Nicht der Mann ist hier die treibende Kraft, sondern die Frau.


Allein schon wegen des erotischen Namens Asdrubal Electorat hat Maria seit einigen Monaten eine Beziehung mit diesem Studenten, zahlreiche andere, deutlich jüngere Liebhaber als die Mittvierzigerin gab es zuvor. Wie die Kamera ihr durch die Straßen folgt und vor ihrem entschlossenen Auftreten zurückweicht, vermittelt schon die Souveränität, gleichzeitig zeigt sich in ihrem Blick auf passierende junge Männer schon ihr Interesse an der nächsten Affäre.


Während sie sich mit Männern vergnügt, kümmert sich ihr ahnungsloser Mann Richard (Benjamin Biolay), mit dem sie seit rund 20 Jahren verheiratet ist, zuhause um die Wäsche und die Küche. Doch als er zufällig einige SMS entdeckt, die das Doppelleben Marias entlarven, kommt es zum Streit. Maria packt einen Koffer, verlässt heimlich die Wohnung und quartiert sich im Hotel gegenüber ein. Die Zimmernummer 212 verweist dabei auf den Artikel 212 des Code Civil: "Die Ehepartner schulden sich gegenseitig Respekt, Treue, Hilfe und Unterstützung."


Als Voyeurin beobachtet sie von dort ihren Mann, doch zunehmend stellen sich in dieser magischen Nacht auch imaginäre Gäste ein, die sie ihre Ehe Revue passieren, über die gesetzlich vorgeschriebene Treue und die Liebe reflektieren lassen.


Bald tritt so eine 25-jährige Version Richards (Vincent Lacoste) auf, auch dessen Klavierlehrerin (Camille Cottin) stellt sich ein, mit der er als Teenager eine Affäre hatte, die er beendete, als er beschloss Maria zu heiraten. Marias verstorbene Mutter erscheint und zählt ihr ihre zahllosen Liebhaber auf, die bald auch selbst auftreten und die Wohnung überfüllen. Nicht genug damit erscheinen auch der personifizierte Wille und ein Double von Charles Aznavour, die sich mit ihr über ihr Leben und ihre Einstellung zur Liebe und zu Beziehungen unterhalten.


Aber auch Richard scheint nicht allein zu bleiben, sondern seine ehemalige Klavierlehrerin scheint auch ihn zu besuchen, ihm ihr gemeinsames Kind zu präsentieren, denn ganz im Gegensatz zu Maria wollte er selbst ja vier Kinder. Doch mit der Trennung verwandelt sich das Kind wieder in eine Puppe.


Leichthändig reflektiert Honoré über die Liebe, fragt, ob die einst getroffenen Entscheidungen richtig waren und wie das Leben ganz anders verlaufen hätte können. Jede gesellschaftliche Außenwelt ist hier fern. Ganz auf die eine Nacht und vom Auftakt abgesehen auf das Hotelzimmer und die Wohnung beschränkt sich die Handlung und statt auf Realismus setzt der Franzose auf Künstlichkeit.


Da fällt nicht nur unübersehbar Kunstschnee, sondern die Kamera gleitet auch mehrfach in Vogelperspektive über die deckenlose Wohnung und die Hotelsuite, sodass die Kulissenhaftigkeit bewusst gemacht wird. Noch deutlicher wird dies, wenn sich Maria und Richard hinter der puppentheaterhaft kleinen Häuserfassade aneinander gegenüberstehen.


Auch dass die Wohnung des Paars direkt über einem Kino liegt, ist freilich kein Zufall, sondern verweist darauf, dass Honoré hier mit Kinobildern spielt. Neues bietet diese Komödie insgesamt dabei kaum und bleibt auch an der Oberfläche, aber die Leichthändigkeit, die Eleganz und der Esprit, mit der das inszeniert ist, ein wunderbarer, viel Melancholie verbreitender Soundtrack und die starke Präsenz von Chiara Mastroianni, die 2019 dafür in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, sorgen doch für kurzweilige, typisch französische Unterhaltung.


Läuft derzeit in den österreichischen Kinos. Filmkulturclub Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 10.11., 18 Uhr + Do 11.11., 19.30 Uhr

Trailer zu "Zimmer 212 - In einer magischen Nacht"