• Walter Gasperi

Zelig


Woody Allen entwickelt um das menschliche Chamäleon Leonard Zelig einen fingierten Dokumentarfilm über die 1920er Jahre, der brillant nicht nur über den Realitätscharakter von Bildern, sondern auch über den modernen Menschen und die Massengesellschaft reflektiert. Das Meisterwerk aus dem Jahr 1983 ist bei Pidax Film auf DVD erschienen.


Mit einem Insert, in dem "Zelig" als Dokumentarfilm vorgestellt und der Ärztin Eudora Fletcher für die Mitarbeit gedankt wird, beginnt Allens Meisterwerk. So fiktiv freilich diese Ärztin (Mia Farrow) ist, so fingiert ist dieser Dokumentarfilm. Doch wie brillant Allen und sein Kameramann Gordon Willis neu gefilmtes Material unter die Archivbilder aus den 1920er Jahre mischen, ist schlichtweg begeisternd.


Von Straßenansichten der Metropole New York und der Clubs bis hin zu einem Empfang im Anwesen des Medienmoguls Randolph Hearst spannt sich der Bogen. Und zwischen den Berühmtheiten wie Edgar G. Hoover, Charlie Chaplin, dem Gangsterboss Al Capone, dem Boxer Jack Dempsey oder auch dem Autor F. Scott Fitzgerald, Papst Pius XI. und Adolf Hitler findet sich immer wieder der fiktive Leonard Zelig (Woody Allen).


Nicht nur die zerkratzten und körnigen Schwarzweißbilder vermitteln den Anschein von Authentizität, sondern auch ein Off-Erzähler, der in klassischer Wochenschaumanier durch den Film führt. Auf Dialoge wird dagegen verzichtet. Einerseits wird "Zelig" so zu einer brillanten Reflexion über den Realitätscharakter von Bildern und hinterfragt die Authentizität von Dokumentarfilmen im Allgemeinen, andererseits ermöglicht diese Erzählweise eine unglaubliche Fülle in gerade einmal 70 Minuten zu packen.


Ganz im Stil von Dokumentationen lässt Allen in farbigen Aufnahmen auch (fingierte) Zeitgenossen Zeligs wie Doktor Fletcher oder deren Mutter, aber auch reale Intellektuelle wie Bruno Bettelheim, Saul Bellow und Susan Sonntag zu Wort kommen und den Fall kommentieren.


So fingiert aber "Zelig" auch ist, so wahr ist andererseits wiederum, wovon hier erzählt wird. Brillant wird nämlich die Stimmung der späten 1920er Jahre mit der aufkommenden Massengesellschaft, mit Prohibition und Schwarzem Freitag, Arbeiterprotesten und Ku-Klux-Klan bis hin zum Aufstieg der Nationalsozialsozialisten in Deutschland evoziert.


Gleichzeitig ist das menschliche Chamäleon dabei der prototypische Mensch dieser neuen Welt - ein Mensch, der keine eigene Identität mehr hat, sondern ständig sich an die Umwelt anpasst, um geschätzt zu werden.


Zelig gibt sich dabei nicht nur bei einer vornehmen Gesellschaft als Angehöriger der Upper Class und unter Dienstpersonal als Teil dieser Gruppe, sondern wird – in großartiger komödiantischer Überzeichnung – unter Chinesen bald selbst zum Chinesen, unter Afroamerikanern zum Afroamerikaner, unter Ärzten zu einem Arzt und gibt sich bald als Republikaner, bald als Demokrat.


Allen pur ist das, wenn diese bedingungslose Anpassung mit einer schweren jüdischen Kindheit als von Eltern und Umwelt ständig schikaniertes Kind und dem unstillbaren Wunsch geliebt zu werden, erklärt wird. Während alle anderen Ärzte aber Zelig nur als klinischen Fall ansehen, entwickelt Eudora Fletcher echtes Interesse für ihn, versucht ihm zu heilen und ihm zu einer eigenen Identität zu verhelfen. Zentral wird dabei die Liebe sein.


Geboten wird damit auch ein Kommentar zur aufkommenden Psychotherapie und Psychiatrie. Doch gleichzeitig thematisiert Allen auch das Verhalten der Masse, wenn Zelig zunächst als Kuriosum gefeiert wird, zu Ruhm aufsteigt und Geschäfte mit ihm gemacht werden. Von Büchern über ihn, Plüschtieren und Spielen über einen nach ihm benannten Chamäleon-Tanz und Songs bis zur Verfilmung seines Lebens spannt sich der Bogen. Meisterhaft kopiert Allen bei diesem fiktiven Biopic "The Changing Man" wiederum den Stil der Hollywood-Filme der 1930er Jahre.


So sehr aber die Masse Zelig zunächst feiert, so schnell lässt sie ihn auch fallen und verdammt ihn, als kurz vor seiner geplanten Hochzeit mit Eudora eine Frau auftaucht, die behauptet, dass sie schon mit ihm verheiratet sei und ein Kind von ihm habe. Bald tauchen weitere Kläger und Vorwürfe auf, Prozesse drohen und Rettung liegt allein im heimlichen Abgang. – Wo freilich könnte so ein Chamäleon besser untertauchen als in der Massengesellschaft des Nationalsozialismus, in der er plötzlich neben Adolf Hitler steht?


So ernst "Zelig" vom Thema her ist, so witzig ist er immer wieder in den Details. Nebenbei wird so beim Blick auf Zeligs Kindheit erwähnt, dass sich nicht die Zeligs über den Lärm der unter ihrer Wohnung liegenden Kegelbahn beklagten, sondern umgekehrt. Bei einer in Spanien spielenden Episode tötet nicht der Torero den Stier, sondern der verzweifelte Stier begeht Selbstmord, und in komödiantischem Spiel mit Lindberghs Atlantik-Flug stellt Zelig, der zuvor selbstverständlich noch nie geflogen ist, einen Weltrekord auf, indem er den Ozean in einem Flug auf dem Kopf überquert.


An Sprachversionen verfügt die bei Pidax Film erschienene DVD über die englische Originalfassung und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den originalen Kinotrailer und eine Trailershow zu anderen Filmen dieses Labels.


Trailer zu "Zelig"