• Walter Gasperi

Wir - Us

Aktualisiert: 20. Apr 2019


Wir - Us (Jordan Peele)

Eine afroamerikanische Familie wird von ihren Doppelgängern heimgesucht. - Nach seinem großartigen Debüt "Get Out" legt Jordan Peele einen weiteren nicht nur extrem spannenden, sondern auch vielschichtigen Horrorfilm vor, der perfektes Genrekino bietet, aber auch psychologisch und gesellschaftskritisch gelesen werden kann und muss.


Nur kurz verirrt sich die kleine Afroamerikanerin Ada im Sommer 1986 in einem Vergnügungspark in der kalifornischen Küstenstadt Santa Cruz in ein Spiegelkabinett, doch das Mädchen ist danach ziemlich verstört und spricht zunächst kein Wort mehr.


Schon in dieser Pre-Title-Sequenz demonstriert Jordan Peele seine Meisterschaft: Unbeschwert lässt er die Szene im Vergnügungspark mit einer Familienszene beginnen, fokussiert dann auf Ada, nimmt den Dialog komplett zurück und erzählt allein in Bildern, wenn sie eine Treppe zur Küste hinunter steigt und, während Blitze am Himmel zucken, das Spiegelkabinett betritt, auf dem die Aufschrift "Find Yourself" prangt. Dieser Satz, der an das antike Orakel von Delphi, das zur Selbsterkenntnis aufforderte, anknüpft, gibt schon die Stoßrichtung von "Wir" vor.


Mit einem Schnitt überspringt der Film 30 Jahre und setzt in der Gegenwart mit einer Fahrt Adas, ihres Manns und ihrer beiden Kinder zu ihrem Ferienhaus in der Gegend von Santa Cruz ein. Nur widerwillig geht sie mit an den Strand, an dem sie einst das traumatische Erlebnis hatte, will nach der Rückkehr ins Ferienhaus abreisen, doch in der Zufahrt steht eine afroamerikanische Familie mit zwei Kindern.


Adas Mann will die Eindringlinge zunächst mit gutem Zureden vertreiben, doch statt zu gehen, dringt die Familie ins Haus vor und entpuppt sich als Doppelgänger der Bewohner. Rot gekleidet und nur mit Schere bewaffnet sind die Eindringlinge, beginnen aber zunehmend massiver die Familie zu terrorisieren.


Klassischen Home-Invasion-Horror entwickelt Jordan Peele hier, erzeugt Spannung, indem er immer wieder zwischen der Situation der einzelnen Familienmitglieder wechselt und vor allem die Handlung mit großer Stringenz vorantreibt. Hier gibt es keinen Leerlauf, keine Nebengeschichte, kein Abweichen. Kaum etwas erfährt man über das Umfeld der Familie, fast in Echtzeit wird erzählt und das einzige Thema ist die Bedrohung, in die sich freilich auch Adas Erinnerung an ihr Kindheitserlebnis mischt.


Bis zum Ende bleibt Peele beinahe ausschließlich bei dieser Familie, dringt freilich dann auch noch in unterirdische Räume vor, auf die schon ein Insert am Anfang hinwies. Freilich nicht erst dann lässt sich die Doppelgänger-Geschichte psychologisch als Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten, mit dem Aggressionstrieb, der in der gutbürgerlichen Familie schlummert deuten. Hier kann "Wir" den Zuschauer auf sich selbst zurückwerfen, ihn anregen, nach der dunklen Seite und dem Bösen in ihm selbst zu fragen und zu suchen.


Gleichzeitig kann man aber auch diese rohen, kaum der Sprache mächtigen Doppelgänger, die es nicht nur von Adas Familie gibt, auch als die gesellschaftliche Unterschicht lesen, die den Gegenpol zu den Protagonisten bildet. Den Originaltitel "Us" kann man dabei auch als Verweis auf die United States lesen und den Film als bissigen Kommentar zur sozialen Kluft in diesem Land und der damit verbundenen Gefahr eines Aufstands der Unterprivilegierten lässt. Der "Hands Across America"-Kampagne, die am Anfang im Fernsehen zu sehen ist und die in den 1980er Jahren ein Zeichen gegen soziale und ethnische Spannungen setzte, setzt Peele folglich auch eine lange Menschenkette der rotgewandeten bösen Doppelgänger entgegen.


Zunächst aber ist das ganz einfach wieder einmal unglaublich souveränes Horrorkino, dessen Plot im Grunde zwar dünn ist, das aber dank starker Schauspieler, kompakter Inszenierung und überraschender Wendungen zwei Stunden Hochspannung erzeugt. Nicht unwesentlich trägt dazu auch der starke Soundtrack bei, der die Handlung auch herrlich kontrastiert, wenn zu einer Mordszene aus der Anlage "Good Vibrations" von den Beach Boys ertönt.


Da ist es dann auch nicht der Mann, der seine Familie beschützt, sondern vielmehr wächst die von Lupita Nyong’o gespielte Ada über sich hinaus und kämpft mit Entschlossenheit und auch mit Brutalität für ihre Kinder. Wie bei ihr bricht aber auch bei ihren Kindern im Kampf gegen diese Doppelgänger teilweise eine Lust am Zuschlagen durch, die ahnen lässt, wie dünn die Schicht der Zivilisation ist und wie leicht das Animalische sich Bahn verschaffen kann.


Und auch der finale Twist, der wie eine Reminiszenz an das Ende von Roman Polanskis "Tanz der Vampire" wirkt, ist nicht zu verachten.