• Walter Gasperi

Wir beide - Deux


Seit Jahren sind die Rentnerinnen Nina und Madeleine ein Paar, doch weder die Öffentlichkeit noch die Familie wissen davon. Als Madeleine einen Schlaganfall erleidet, wird folglich Nina plötzlich aus dem Leben der Geliebten ausgeschlossen. Mit zwei großartigen Hauptdarstellerinnen und eleganter Bildsprache gelang Filippo Meneghetti ein dichtes Kammerspiel, das souverän zwischen Drama und Thriller pendelt.


Nach außen hin geben sich die deutsche Reiseleiterin Nina (Barbara Sukowa), die sich in einer französischen Kleinstadt niedergelassen hat, und Madeleine (Martine Chevallier), die seit dem Tod ihres Mannes allein lebt, als gute Nachbarinnen. In Wahrheit sind sie aber seit vielen Jahren ein Liebespaar. Nun wollen sie ihre Wohnungen verkaufen und ihren Lebensabend in Rom verbringen, wo sie sich vor Jahrzehnten kennenlernten.


Doch Madeleine schafft es nicht, ihren beiden erwachsenen Kindern Anne (Léa Drucker) und Frédéric (Jérôme Varanfrain) zu gestehen, dass sie ein Verhältnis mit einer anderen Frau hat. Als sie den geplanten Verkauf ihrer Wohnung deshalb abbläst, reagiert Nina wütend, doch bald stellt sich die Situation ganz anders dar, denn Madeleine erleidet einen Schlaganfall und über Nacht wird Nina aus deren Leben ausgeschlossen. Damit findet sich die kämpferische Frau aber nicht ab, sondern versucht trotz Pflegerin und Präsenz der Tochter den intensiven Kontakt zu Madeleine nicht abbrechen zu lassen.


Weitgehend auf die beiden Wohnungen konzentriert sich die Handlung von Filippo Meneghettis Spielfilmdebüt. Unterstützt von den beiden großartigen Hauptdarstellerinnen Barbara Sukowa und Martine Chevallier beschwört der 40-jährige Italiener zunächst dicht und bewegend die Liebe dieses Paares. Nicht viele Worte sind hier nötig, sondern durch Blicke, Gesten und Berührungen wird ihr blindes Verständnis und ihre Harmonie spürbar. Auch die nahen Einstellungen von Kameramann Aurelien Marra beschwören Vertrautheit und Intimität.


Prägnant zeichnet Meneghetti auch die beiden unterschiedlichen Charaktere. Während Nina, die nie verheiratet war, stark und selbstbewusst auftritt, erscheint Madeleine, über die gesagt wird, dass sie ihr ganzes Leben der Familie geopfert hat, als sensibel und zerbrechlich.


Ins Drama mischt sich ein Thriller, wenn Nina nach dem Schlaganfall Madeleines versucht, dennoch weiter in deren Leben präsent zu bleiben, sich heimlich in die Wohnung schleicht, um der Geliebten nahe zu sein, und sich bemüht die Pflegerin aus ihrem Job zu verdrängen. Gleichzeitig fehlt es diesen Momenten aber auch nicht an bizarrer Komik.


Wenn Madeleine sich hier sichtlich durch die Nähe Ninas erholt, dann betont der Film auch die Bedeutung von emotionalen Bezugspersonen, die wichtiger als Medikamente und eine professionelle Pflegerin sind. Gleichzeitig wollen Madeleines Tochter und Sohn zunächst nicht wahrhaben und dann nicht akzeptieren, dass ihre Mutter eine lesbische Beziehung pflegte.


Dichte gewinnt dieses Kammerspiel aber nicht nur durch das intensive Spiel der Hauptdarstellerinnen, sondern auch durch die elegante visuelle Gestaltung. Während die Szenen der Liebe und der Vertrautheit am Beginn in warme Braun- und Goldtöne getaucht sind, werden Farben und Licht später kälter. Farbdramaturgie und Lichtführung sind hier genau überlegt und jede Einstellung ist sorgfältig kadriert.


Auch wird die Trennung des Paares durch die Bildsprache vermittelt, wenn an die nahen Einstellungen nach dem Schlaganfall immer wieder Blicke durch den Türspion, verschlossene Türen, die im Idealfall nach langem Klopfen geöffnet werden, oder durch Türrahmen die Distanz betonen. Auch der Gang zwischen den beiden Wohnungen fungiert hier einerseits als Verbindung zwischen den beiden Frauen, vermittelt andererseits aber auch wieder Distanz.


Wirkungsvoll ist aber auch der Aufbau. So setzt "Wir beide" mit einem beunruhigenden, in einer langen Plansequenz gefilmten Traumbild vom Versteckspiel zweier Mädchen in frostiger Herbststimmung, die durch das Krächzen von Krähen noch verstärkt wird, ein und geschickt wird erst sukzessive Einblick in die Geschichte des Paares geboten.


Nicht ganz glaubwürdig ist freilich das Ausmaß, in dem sich die Schlaganfallpatientin durch die Nähe ihrer Geliebten erholt, bald völlig zusammengefallen wirkt, dann aber wieder durch das Heim laufen und Nina anrufen kann. Realistisch darf man das wohl nicht nehmen, sondern als Metapher für die große Kraft einer intensiven Beziehung, die am Ende in einem stillen Tanz in Abgeschiedenheit nochmals gefeiert wird. Zum warmen Licht und den nahen Einstellungen des Anfangs kehrt Meneghetti mit dieser Szene zurück, doch macht er auch deutlich, dass diese beiden Frauen nur hinter verschlossenen Türen und abgeschottet von der Welt ihre Beziehung leben und ihr Glück finden können.


Läuft ab Freitag, den 16.10. in den österreichischen Kinos


Trailer zu "Wir beide - Deux"