• Walter Gasperi

Wildlife


Der Schauspieler Paul Dano zeichnet in seinem Regiedebüt nach einem Roman von Richard Ford den Zerfall einer Ehe im Montana der frühen 1960er Jahre nach. – Ein sehr zurückhaltend, stilsicher und konsequent inszeniertes leises Drama, das von einem großartigen Schauspielertrio getragen wird.


Anfang der 1960er Jahre ziehen die Brinsons nach Montana, weil Ehemann Jerry wieder einmal seinen Job verloren hat. In einer Totalen erfasst die Kamera von Diego Garcia aus erhöhter Perspektive die in der Prärie gelegene Kleinstadt Great Falls mit ihrem Bahnhof, den Güterzüge passieren. Die blassen Farben und die verschneiten Berge evozieren eine kühle Atmosphäre.


Die Welt der Brinsons scheint mit dem Neubeginn noch in Ordnung zu sein, seltsam kühl und steif wirkt aber von Anfang an das Zusammenleben des Ehepaars und ihres 14-jährigen Sohns Joe (Ed Oxenbould). Eine schwere Demütigung stellt wenig später für Jerry (Jake Gyllenhaal) seine Entlassung als Angestellter eines Golfclubs dar. Als man ihn doch wieder einstellen will, lehnt er ab, auch einen Job in einem Kaufhaus will er nicht annehmen, denn dies sei unter seiner Würde.


Wenig Verständnis zeigt seine Frau Jeanette (Carey Mulligan) dafür, beschließt sich selbst um einen Job zu bemühen. Als sich Jerry, mehr um seine Männlichkeit zu beweisen als wegen der Bezahlung zur Brandbekämpfung in den Wäldern von Montana meldet, verschärft das die Entfremdung des Ehepaars.


Und zwischen dem Paar steht ihr Sohn Joe, aus dessen Perspektive Richard Ford in seinem 1990 erschienenen Roman ebenso erzählt wie Paul Dano, der zusammen mit seiner Partnerin Zoe Kazan auch das Drehbuch schrieb. Eindrücklich vermittelt der Regiedebütant, wie Joe unter dieser Entzweiung leidet. Geschockt nimmt er wahr, wie die Mutter in Abwesenheit des Vaters zunehmend eigene Wege geht und sich auch einem anderen Mann nähert.


Unvoreingenommener Beobachter ist Joe dabei freilich nicht, sondern steht eindeutig auf der Seite des Vaters, blickt argwöhnisch auf das Verhalten der Mutter und kann ihren Ausbruch aus der ihr in dieser Zeit zugeordneten Geschlechterrolle, ihren Versuch aus der häuslichen Enge auszubrechen und ihre Sehnsucht nach Liebe nicht akzeptieren.


In der distanzierten Inszenierung bleibt Dano im Gegensatz zu seinem Protagonisten aber neutral, verzichtet auf Schuldzuweisungen und auch auf großes emotionales Drama mit heftigen Streiten. Wunderbar zurückhaltend erzählt der 34-jährige Regiedebütant und macht gerade durch die ruhige und langsame Inszenierung spürbar, wie das Feuer, das zwischen diesem Mann und dieser Frau einst wohl loderte, längst erloschen ist.


Gerade weil der Zuschauer hier nicht überrumpelt und manipuliert wird, sondern weil Dano ihm und den Schauspielern Zeit und Raum lässt, schleichen sich die Emotionen und die Tragik dieser Entwicklung nachhaltiger und tiefer ein.


Funktionieren kann so ein Film freilich nur über die Darsteller, denen es gelingt in den langen Einstellungen vielschichtige Charaktere zu schaffen. Großartig ist Ed Oxenbould als Joe, für den mit der Entfremdung der Eltern eine Welt zerbricht und seine behütete Kindheit endet. Mit jedem Blick lässt er spüren, wie dieser Teenager um den Bestand der Familie fürchtet und wie er verzweifelt den Zerfall abwenden will und doch machtlos zusehen muss.


Bestechend trifft Carey Mulligan mit ihrer Darstellung aber auch die Figur der Mutter, die sich nicht mehr auf die Rolle der Ehe- und Hausfrau beschränken lassen will, während Jack Gyllenhaals Jerry daran leidet, dass er der Familie den gewünschten finanziellen Wohlstand nicht bieten kann und beispielsweise das defekte Fernsehgerät nicht repariert werden kann.


So sehr sich „Wildlife“ dabei auch auf die Geschichte konzentriert, so bestechend zeichnet er doch auch ein allgemeines Bild der amerikanischen Mittelstandsfamilie der frühen 1960er Jahre und der herrschenden Geschlechterrollen. Atmosphärisch dicht wird die Handlung dabei auch durch Ausstattung und Kostüme in die amerikanische Provinz dieser Zeit eingebettet und mit dem Wechsel der Jahreszeiten vom kahlen Herbst zum verschneiten Winter verknüpft. Dann wird Jerry von der Brandlöschung zurückkehren, doch die Ehe wird nicht mehr zu kitten sein. Ein neuer Frühling wird freilich davon künden, dass das Leben weitergeht, doch getrennt lebt nun das Paar und die Familie wird nur noch für ein Foto zusammengestellt werden.


Wird vom Filmforum Bregenz am Mittwoch, den 8.5. um 20 Uhr und am Freitag, den 10.5. um 22 Uhr im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)


Trailer zu "Wildlife"