• Walter Gasperi

Welt hinter Gittern: Der Gefängnisfilm


Un prophète (Jacques Audiard, 2009)

Auf unterschiedlichste Weise wird im Kino vom Gefängnis erzählt: Ausbruchsträume und –versuche stehen zweifellos an erster Stelle, immer wieder geht es aber auch um das Leben im Gefängnis als einem Ort mit strenger Hackordnung, mit sadistischer Gewalt und Korruption oder auch als Ort der Läuterung. Das Berner Kino Rex widmet dem Subgenre als Ergänzung zur Ausstellung „the swiss prison photo project“ im Polit-Forum Bern eine Filmreihe.


Über zweieinhalb Stunden lang ist Jacques Audiards „Un propète“ (2009), aber nur in wenigen Szenen verlässt der Film seinen Hauptschauplatz. Kein Gedanke wird hier an Ausbruch verschwendet und Läuterung ist so wenig ein Thema wie die Haftbedingungen.


Durchleuchtet wird dafür das Beziehungsgefüge unter den Gefangenen und wie sich der Protagonist dieses zunutze macht, eine Lebensschule durchmacht und schließlich seinen Lehrmeister überflügelt und als gemachter Mann – oder professioneller Gangster – den Ort verlässt, den er als schüchterner und unsicherer Straftäter sechs Jahre zuvor betreten hat.


Als Ausnahmefall in der Geschichte des Gefängnisfilms ist Audiards kraftvolles Meisterwerk anzusehen, andere Spielarten pflegt vor allem das amerikanische Kino. Dort steht immer wieder der unschuldig Verurteilte, der an den harten Haftbedingungen zu zerbrechen droht, im Mittelpunkt oder eine korrupte Gefängnisleitung, der ein aufrechter Häftling das Handwerk legen muss.


Untrennbar verbunden ist dieses Subgenre mit dem Gangsterfilm und entsteht auch parallel mit den amerikanischen Gangsterfilmen der frühen 1930er Jahre. Klassiker gelangen hier Mervin LeRoy mit „I am the Fugitive from a Chain Gang“ (1932) und Michael Curtiz mit "20.000 Years in Sing Sing“ (1932). Beide Filme rechnen scharf mit dem amerikanischen Strafvollzug ab. Vor allem LeRoy zeigt packend, wie ein Unschuldiger dem mörderischen Kreislauf nicht mehr entkommt, der Protagonist zwar aus dem Gefängnis flüchten kann, aber schließlich nur im Untergrund als Krimineller überleben kann.


Das Vorbild für Gefängnisfilme weltweit wurde damit geschaffen. Der Brite Alan Parker erzählte in seinem umstrittenen „Midnight Express“ 1978 nach einem Tatsachenbericht ebenso effektvoll wie emotionalisierend von den brutalen Haftbedingungen in der Türkei wie Jean-Stéphane Sauvaire in „A Prayer Before Dawn“ (2017) vom Leidensweg eines Briten, der in Bangkok wegen eines Drogendelikts inhaftiert wird.


Immer geht es dabei auch um die strenge Hierarchie unter den Häftlingen, um eine Hackordnung, in der nur der überleben kann, der von Anfang an beweist, dass er stärker und rücksichtsloser als seine Mithäftlinge ist. Schonungslos und beinhart schildert beispielsweise David Mackenzie in seinem dokumentarisch-nüchternen Drama „Starred Up - Mauern der Gewalt“ (2013) diese Strukturen. Auf jeden Angriff reagiert hier der jugendliche Häftling, der seinen Körper in seiner Zelle trainiert, mit einem brutalen Gegenschlag.


Die in der äußeren Welt herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse werden im Gefängnis vielfach zugespitzt. Die den Ton angebenden Wärter können hier ihre Macht ausspielen, Aggressionen können leichter ausgelebt werden, Gewalt scheint als Mittel zur Konfliktlösung normal.


Gleichzeitig bilden sich hier aber auch Gemeinschaften, die schließlich gegen die Haftbedingungen und die institutionelle Gewalt der Wärter reagieren. Jules Dassin erzählt in „Brute Force“ (1947) ebenso packend von einer solchen Meuterei wie Don Siegel in „Terror in Block 11“ (1954). Immer ist damit aber auch eine scharfe Kritik an den unmenschlichen Haftbedingungen verbunden, die erst zur Revolte führen.


Aber nicht nur von solchen offenen Aufständen, sondern öfters noch von penibel vorbereiteten Ausbruchsversuchen erzählen Gefängnisfilme. Im amerikanischen Kino gelang Don Siegel mit dem Clint-Eastwood-Film „Escape from Alcatraz“ (1979) ein lakonisch-reduziertes Meisterstück, in Frankreich schuf Jacques Becker mit seinem letzten Film „Le trou“ (1960) ein packendes Drama über Solidarität angesichts eines gemeinsamen Ziels.


Reine Männerfilme sind das meist, zu den großen Ausnahmen zählt John Cromwells Film noir „Caged“ (1950), in dem eine wegen Diebstahls inhaftierte junge Frau durch die Haftbedingungen erst zur Verbrecherin wird. Positiver ist der Blick des Argentiniers Pablo Trapero, der in "Leonera" (2008) schildert, wie sich in einem Gefängnis für junge Mütter angesichts der Extremsituation eine starke Gemeinschaft unter den Frauen entwickelt.


Auffallend selten erzählen Gefängnisfilme von der Resozialisierung der Häftlinge. Wandeln mag sich zwar der Doppelmörder in John Frankenheimers „The Birdman of Alcatraz“ (1962) und sich zu einer Kapazität für Vogelkunde hocharbeiten, doch mit seinen 53 Jahren Haft, wird es keine Rückkehr in die Gesellschaft geben.


Dies gilt auch für die Schwerverbrecher in „Cesare deve morire“ (2012), die in dem mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten schwarzweißen Spielfilm der Brüder Taviani, in einem Hochsicherheitsgefängnis bei Rom eine Aufführung von Shakespeares „Julius Caesar“ vorbereiten. Kunst und Leben mögen sich hier vermischen und im Schauspiel mögen die Häftlinge auch gewisses Vergnügen oder sogar Erfüllung finden, dennoch werden sie bis zu ihrem Tod von der Gesellschaft weggesperrt bleiben.


Dass freilich auch Hafturlaub nicht unbedingt Freiheit bringen muss, zeigte 1982 meisterhaft der Türke Yilmaz Güney in „Yol“, in dem zwar fünf Häftlinge vorübergehend aus dem Gefängnis entlassen werden, bei ihrer Reise zu ihren Familien aber erkennen müssen, dass letztlich das ganze Land ein Gefängnis ist.


Filmreihe im Berner Kino Rex


Trailer zu "Un prophete"